Rezension über:

Antoine de Baecque: Les Éclats du Rire. La culture des rieurs au XVIIIe siècle, Paris: Calmann-Lévy 2000, 338 S., ISBN 978-2-7021-3158-9, EUR 22,45
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Rezension von:
Lars Schneider
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität München
Redaktionelle Betreuung:
Gudrun Gersmann
Empfohlene Zitierweise:
Lars Schneider: Rezension von: Antoine de Baecque: Les Éclats du Rire. La culture des rieurs au XVIIIe siècle, Paris: Calmann-Lévy 2000, in: sehepunkte 2 (2002), Nr. 12 [15.12.2002], URL: http://www.sehepunkte.de
/2002/12/3526.html


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Antoine de Baecque: Les Éclats du Rire

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Antoine de Baecques kulturwissenschaftlicher Band zur Lachkultur im 18. Jahrhundert versammelt sechs Essays, von denen vier bereits eine Publikation erfahren haben. Die vorliegende erweiterte Zusammenstellung verfolgt das Ziel, die unterschiedlichen Praktiken und Repräsentationen des Lachens als eines integralen Bestandteils der Kultur der Lumières zu analysieren, der nicht zuletzt vor dem Hintergrund der kulturellen, sozialen und politischen Umwälzungen der Französischen Revolution von Bedeutung ist.

Der Autor wendet sich damit ausdrücklich gegen die These vom Ende des Lachens angesichts einer Revolution, deren "esprit de sérieux" ein gegenläufiges Element zur französischen Heiterkeit, deren gallische Ursprünge sich wiederum in der Literatur eines François Rabelais sowie in zahlreichen Volksliedern manifestieren, darstelle. Eine derartige Annahme, so de Baecque, sei falsch. Vielmehr liefere die Revolution besonders in den Jahren 1789-1791 den Rahmen für eine "guerre de rire", in der selbst diejenigen Texte, die ein unmittelbar ernstes Anliegen vertreten, dieses gern mittels eines komischen, destabilisierenden Effektes zum Ausdruck bringen. Innerhalb der Auseinandersetzungen greifen die sich befehdenden intellektuellen Parteien auf unterschiedliche Traditionen des Lachens zurück, die jeweils einen identitätsstiftenden Charakter besitzen.

Mit dem Hinweis auf die Vielzahl an "textes à rire", die zu Beginn der Revolution in den politischen Lagern und darüber hinaus zirkulieren, versucht de Baecque, die spezifischen Verwendungsmöglichkeiten des Lachens zu rekonstruieren sowie die ihm zugrunde liegenden Traditionen zu ergründen, kurz eine Genealogie des revolutionären Lachens zu erstellen, die ihren Ausgang im Ancien Régime nimmt. Die hier anzutreffenden Traditionslinien des "bel esprit", der "farce" sowie der "gaieté" bilden die Folie für die unterschiedlichen Manifestationen des Lachens, welche im Anschluss analysiert werden. Chronologisch vorgehend, widmet sich de Baecque zunächst den Repräsentationen des Ancien Régime, deren Adaption im Rahmen der Revolution dann Thema der letzten beiden Essays des Bandes ist. Er verfährt dabei mikroskopisch, indem er einzelne Gesellschaften, Entwicklungslinien oder Persönlichkeiten verfolgt, anhand derer er die Lebens- und Lachweise der Menschen im 18. Jahrhundert rekonstruiert.

So liefert der "bel esprit" die Grundlage für ein Lachen, wie es unter anderem die aristokratische Lachgesellschaft des Régiment de la Calotte praktiziert. De Baecque zeigt, wie die von Musketieren ins Leben gerufene Gesellschaft sich in stilistisch subtilen "Brevets", Komödien, Gedichten und Almanachen, der Satire zu zivilisatorischen Zwecken bedient. Er interpretiert das "rire du bel esprit" als Ausdruck einer Adelskultur, die sich gegen eine Degeneration der Sitten zur Wehr setzt. Die satirischen Schriften fordern ihre Opfer zur Verhaltenskorrektur im Sinne aristokratischer Umgangsformen auf und wenden sich gegen moderne Tendenzen im Zuge der zunehmenden Verbürgerlichung der Gesellschaft. Letztere ist freilich nicht aufzuhalten, und das Ende des Régiments ist mit dem Einzug einer "Bürgerlichen" am Hof Ludwigs XV. besiegelt. Die aristokratische Satire findet daraufhin ihre Repräsentanten in einer "faction satiryque", deren Vertreter mit Claude Joseph Dorat, Charles Palissot, dem Marquis de Briève, dem Vicomte de Mirabeau sowie dem Kreis um Antoine Rivarol vorgestellt werden. Zu Beginn der Revolution sind die adeligen Satiriker im Umfeld der Presse Royale anzutreffen. Zeitungen wie die Actes des Apôtres, La Rocambole des Journeaux oder die Histoire Aristo-Capucino-Comique nutzen das schöngeistige Lachen, um die Standpunkte der Patrioten zu diffamieren. Im politischen Milieu von Paris, so de Baecque, fungiert die subtile Pointe gewissermaßen als letztes Bollwerk des aristokratischen Privilegs. Die von ihr angezettelte "guérilla comique" eskaliert mit dem Sturz der Monarchie im Sommer 1792 jedoch zu einem gewalttätigen Konflikt, dem das satirische Netzwerk samt seinen Protagonisten zum Opfer fällt.

Als zweite Strömung des Lachens wird die "gaieté" angeführt, welche im 18. Jahrhundert im Zentrum einer Debatte um fundamentale Züge eines französischen Nationalcharakters steht. Ab 1760 entsteht eine Vielzahl von Schriften, die sich zu Aspekten einer als "französisch" empfundenen "gaieté" äußern, welche ein alternatives Konzept zum rein aristokratischen "bel esprit" darstellt. Als Repräsentanten dieses Lachens führt de Baecque den aufgeklärten Journalisten und ehemaligen Jesuiten Joseph Antoine Cérutti ins Feld. Ausgehend von den Lettres sur les avantages et les origines de la gaieté francaise (1761) entwickelt letzterer die Idee eines "bon rire", welches sich sowohl von den subtilen Formen der Satire als auch von der als trivial empfundenen Farce distanziert. Zu Beginn der Revolution ist der Kreis um Cérutti bestrebt, das "bon rire" in einem pädagogischen Sinne zu funktionalisieren. Die im Umfeld der Feuille Villageoise publizierten Fabeln, Anekdoten und Receuils versuchen die neuen Verfassungsprinzipien mittels der "gaieté" in den Köpfen der Leser zu verankern. Hierbei wird ein politischer Mittelweg zwischen dem Radikalismus der Linken und der Satire der extremen Rechten eingeschlagen, der sich in Céruttis Befürwortung einer konstitutionellen Monarchie dokumentiert. Auch wenn sich dieses Anliegen im Zuge der Polarisierung der politischen Parteien nicht durchsetzen kann, bietet Céruttis Arbeit einen interessanten Einblick in die Funktion des Lachens an der Schnittstelle von aufgeklärtem zu revolutionärem Engagement.

Den vielseitigsten Beitrag zur Lachkultur des 18. Jahrhunderts macht de Baecque allerdings im Bereich der Farce aus. Von den "Philosophes" und den Aristokraten gleichermaßen als vulgär abgetan, erlebt sie in den 50er-Jahren dennoch einen enormen Aufschwung. Im Milieu der Cabarets und Theaterbühnen des Pariser Boulevard du Temple entfaltet sich ein Lachen mit spezifischen Genres, Autoren und renommierten Darstellern. De Baecque verfolgt dessen Spuren anhand des berühmten Cabaretiers Jean Ramponeau, der einen besonderen Ort in der Festkultur seiner Zeit einnimmt. Als Repräsentant einer sich selbst offenbaren exzessiven Lebensfreude, deren Ursprung im Ausschank und Konsum von billigem Wein begründet liegt, legt die grotesk anmutende Gestalt des Wirts einen Zug der Lachkultur des Ancien Régime frei, die sich von den berstend vollen Tavernen über Gazetten, Chroniken und Theaterbühnen des Amüsierviertels ausbreitet und sogar Gegenstand eines spektakulären Gerichtsprozesses wird. Durch seine anhaltende Popularität wird Ramponeau zu einer in Volksliedern besungenen Folkloregestalt des "Paris populaire" am Ende des Ancien Régime, die von den "parades de la foire" bis in das politische Milieu der Revolution hinein wirkt. Die Farce bietet hier auf Grund ihrer Volksnähe die Grundlage für eine revolutionäre Form der Folklore. Innerhalb der Zeitschriftenkultur fungieren ihre Gestalten wie der Père Duchesne, Jean Bart oder auch Ramponeau als Masken, um die Pariser Bevölkerung auf der politischen Bühne zu mobilisieren.

Im Anschluss an die exemplarisch rekonstruierten Repräsentationen des Lachens widmet sich der Band mit der Assemblée Constituante einem ihrer Kollisionsfelder. Anhand von Sitzungsprotokollen belegt de Baecque, dass innerhalb des Gremiums, welches sich 1789 als ein Modell der Ernsthaftigkeit präsentiert, regelmäßig und ausgiebig gelacht wird. Dabei zeigt er, dass sich aus dem ungeschickt lächerlichen Auftreten einiger Abgeordneter recht schnell politische Strategien entwickeln, welche darauf abzielen, den Sitzungsverlauf zu sabotieren. So formt sich im Umfeld des Vicomte de Mirabeau eine regelrechte "Guerilla" des Lachens, deren subtile Pointen und unsinnigen Einwürfe die Standpunkte der "Patriotes" verhöhnen. Im Zuge regelmäßiger Eklats erwirbt sich der genusssüchtige Vicomte einen Ruf, der durch Zeitschriften und Chroniken weit über die Versammlung hinaus getragen wird. Doch auch auf der Seite der "Patriotes" bedient man sich des Lachens, um den politischen Gegner zu diskreditieren. Trotz der Forderung nach einem lakonischen, nüchternen Sprachgebrauch findet sich mit Antoine Joseph Gorsas ein Vertreter, der sämtliche Ressourcen des Lachens für die republikanische Sache mobilisiert. Seiner journalistischen Arbeit sowie den von ihm initiierten "journées comiques", die ihren Höhepunkt in der öffentlichen Verbrennung einer Puppe des Papstes finden, ist der letzte Essay des Bandes gewidmet.

Wenn Les Éclats du Rire unterschiedliche Einblicke in die Lachkultur des 18. Jahrhunderts ermöglichen, ist das vor allem auf die zu Grunde liegende Methode zurückzuführen. Im Sinne der New Cultural History verzichtet de Baecque auf übergreifende Gesamtdarstellungen und widmet sich stattdessen Einzellfällen, anhand derer er die verschiedenen Repräsentationen des Lachens in ihrem kulturellen Umfeld rekonstruiert. Die dabei erzielten Erkenntnisse überzeugen sowohl in der Auswahl der historischen und literarischen Quellen als auch ihrer Verknüpfung. Mit anderen Worten: das Buch ist gut geschrieben. Wenn de Baecque im Sinne dichter Einzelbeschreibungen identitätsstiftende und widersprüchliche Aspekte des Lachens als Motor kulturellen Wandels hervorhebt, so können und wollen letztere zugleich nicht anders als fragmentarisch sein. Erweiterungen, besonders im Bereich der Literatur eines Voltaire, Diderot oder Beaumarchais können eine zukünftige Bereicherung darstellen. Darüber hinaus ließen sich gezielt mediale Komponenten des Lachens zu untersuchen. Hier wäre genauer zu fragen, inwieweit die Medienlandschaft des 18. Jahrhunderts (Buch- und Zeitschriftenmarkt, Theater, Oper) sich auf die Repräsentationen des Lachens auswirkte. De Baecques Form der Montage liefert hierzu einen gelungenen Anstoß.


Lars Schneider