Rezension über:

Richard Andrew Cahill: Philipp of Hesse and the Reformation (= Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz. Abt. für Abendländische Religionsgeschichte; Bd. 180), Mainz: Philipp von Zabern 2002, 219 S., ISBN 978-3-8053-2871-5, EUR 35,00
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Rezension von:
Cordula Nolte
Wuppertal
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Schnettger
Empfohlene Zitierweise:
Cordula Nolte: Rezension von: Richard Andrew Cahill: Philipp of Hesse and the Reformation, Mainz: Philipp von Zabern 2002, in: sehepunkte 3 (2003), Nr. 1 [15.01.2003], URL: http://www.sehepunkte.de
/2003/01/2844.html


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Richard Andrew Cahill: Philipp of Hesse and the Reformation

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Anders, als der Titel erwarten lässt, behandelt die US-amerikanische Dissertation nicht generell das Verhalten des Landgrafen in dem sich über Jahrzehnte erstreckenden Reformationsprozess, sondern konzentriert sich auf Philipps "reformatorische Anfänge" (so Otto Clemen 1910, Hans Schneider 1992) in den Jahren 1524 bis 1526. Im Rahmen einer biografischen Studie, die sich auf Philipps Jugendjahre beschränkt, fragt Cahill nach den Motiven für seine Hinwendung zur evangelischen Lehre. Zugleich will er Philipps Rolle auf Landes- und Reichsebene sowie im verwandtschaftlichen und bündnispolitischen Beziehungsnetz herausarbeiten, um die Frühphase der Reformation zu beleuchten. Der Verfasser stützt sich dabei vor allem auf die im Hessischen Staatsarchiv in Marburg lagernden Korrespondenzen des "Politischen Archivs" des Landgrafen, von denen nur Teile gedruckt sind. Als Adressatenkreis der Monografie ist in erster Linie das englischsprachige, vor allem das amerikanische Publikum ins Auge gefasst. Ihm soll Philipps herausragende Bedeutung im politischen und reformatorischen Geschehen vermittelt werden - eine Korrektur des "rather promiscuous image", das der Landgraf nach Cahill in amerikanischen Publikationen genießt. Allerdings hat bereits 1967 Hans J. Hillerbrand eine englischsprachige, quellenfundierte Arbeit publiziert, die sowohl Philipps "conversion" als auch seine späteren Aktivitäten bis in die 1560er Jahre untersucht (Landgrave Philipp of Hesse 1504-1567. Religion and Politics in the Reformation).

Cahills Unternehmen erscheint im Ansatz von mehreren Blickwinkeln aus geeignet, bestehende Desiderate zu beseitigen. Die Arbeit könnte einen Baustein zur nach wie vor fehlenden Biografie des Landgrafen bilden, ferner einen Beitrag zu einer vergleichenden Untersuchung landesfürstlicher Initiativen im Reformationsprozess (Stichwort "Fürstenreformation") sowie zur "Typologie des deutschen Reformationsfürsten" (Manfred Rudersdorf) liefern. Sie verspricht zudem näheren Aufschluss über Jahre, in denen sich religiöse und konfessionspolitische Polarisierungen zwischen den Reichsfürsten erst allmählich herausbildeten und zu ersten konfessionell bestimmten Bündnissen (1525 Dessau, 1526 Torgau) führten. Cahill bleibt aber insgesamt zu sehr an der Oberfläche, geht zu wenig über vorhandene Studien hinaus und ist in seinen Fragestellungen nicht originell und subtil genug, als dass sein Beitrag substanziell genannt werden könnte.

Der Verfasser datiert, wie andere vor ihm, Philipps religiöse "Wende" in den Frühsommer 1524. Er folgt Hans Schneiders Interpretation, dass die Formulierung in der im Juli 1524 erlassenen Anordnung, das Evangelium solle "lauter und reyn" gepredigt werden, einen ersten Hinweis auf Philipps Anschluss an die Reformation darstelle. Den unmittelbaren Anlass für Philipps Entscheidung vermutet Cahill in Gesprächen, die der Landgraf im Frühling 1524 beim Heidelberger Fürstenschießen mit anderen Fürsten geführt hatte, unter anderem mit dem Kurfürstensohn Johann von Sachsen, der zu dieser Zeit bereits der evangelischen Lehre gegenüber aufgeschlossen war und zwei Jahre später als Kurfürst die Reformation in seinem Land durchführte. Inwieweit Philipp schon ab Beginn der 1520er Jahre von Lutheranhängern an seinem Hof, allen voran von seinem Kanzler und Vertrauten Johann Feige, beeinflusst worden war, lässt sich offenbar nicht feststellen. Im Dunkeln bleibt auch die Rolle, die Philipps Ehefrau Christine von Sachsen für die religiöse Orientierung ihres Mannes spielte. Christine selbst wurde binnen eines Jahres nach der Hochzeit (Anfang 1524) "martinisch" trotz der brieflichen Ermahnungen ihres altgläubigen Vaters, Herzog Georgs von Sachsen, den neuen Lehren zu widerstehen. Neigte sie bereits vor Philipps Schritt zur evangelischen Richtung oder wurde sie von Philipp, der ja auch seine Mutter und seinen Schwiegervater in eindringlichen Briefen (vgl. die im Appendix in englischer Übersetzung wiedergegebenen Schreiben) zu überzeugen suchte, dafür gewonnen? In späteren Jahren jedenfalls verfocht Christine konsequent reformatorische Positionen. Als Philipp nach der Niederlage im Schmalkaldischen Krieg hoffte, durch die Annahme des Interims aus der Gefangenschaft des Kaisers zu kommen (1548), lehnten die Landgräfin und ihre Söhne ein solches Zugeständnis ab.

Wie sich Philipps neue Orientierung manifestierte, untersucht Cahill anhand des Verhaltens des Landgrafen im Bauernkrieg sowie hinsichtlich seiner Rolle bei der Entwicklung konfessioneller Bündnisse und seiner Initiativen zur Etablierung der Reformation in Hessen im Anschluss an den Reichstag von Speyer 1526. Er zeigt am Beispiel des Landgrafen und seines Schwiegervaters, dass der religiöse Dissens, der sich langfristig gravierend auf fürstliche Verwandtschaftsbeziehungen und Bündnissysteme auswirkte, von Anfang an zwar Entfremdung und Konflikte mit sich brachte, mit politischer Kooperation (etwa im Bauernkrieg) jedoch zunächst noch vereinbar war. Herzog Georgs Bitte, der Schwiegersohn möge ihn "als den vater und freund des nicht entgelden lassen, ob wir dem lutterischen ewangelio nicht anhangen" (1525), dokumentiert das Bestreben um Beistand unter Verwandten und Verbündeten über die sich öffnende Kluft hinweg. Als sich die konfessionellen Fronten verhärteten, wurde es zunehmend schwierig, (dynastie)politischen Pragmatismus und abweichende religiöse Optionen zu vereinbaren. Die Handlungsspielräume fürstlicher Politik unter dem Signum von Reformation und Konfessionalisierung zu analysieren und die Bedeutung der persönlichen Entscheidung der Landesfürsten anzuerkennen, reklamiert Cahill zu Recht als notwendig. Die Kategorie der persönlichen religiösen "Aufrichtigkeit" sollte man dabei vorsichtiger handhaben, als er es trotz seiner Bemühungen, politischer Religiosität gerecht zu werden, tut.

Letztlich fehlt es der Studie an einer überzeugenden Zuspitzung und Durchdringung des Themas, so dass der Ertrag trotz vielversprechender Ansätze und aufschlussreichen Quellenmaterials gering bleibt.


Cordula Nolte