Rezension über:

Solomon Atamuk: Juden in Litauen. Ein geschichtlicher Überblick vom 14. bis 20. Jahrhundert. Hrsg. von Erhard Roy Wiehn. Aus dem Litauischen von Zwi Grigori Smoliakov, 2000, 340 S., ISBN 978-3-89649-200-5, EUR 29,65
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Rezension von:
Gertrud Pickhan
Institut für Slavistik, Technische Universität, Dresden
Redaktionelle Betreuung:
Winfried Irgang
Empfohlene Zitierweise:
Gertrud Pickhan: Rezension von: Solomon Atamuk: Juden in Litauen. Ein geschichtlicher Überblick vom 14. bis 20. Jahrhundert. Hrsg. von Erhard Roy Wiehn. Aus dem Litauischen von Zwi Grigori Smoliakov, 2000, in: sehepunkte 3 (2003), Nr. 2 [15.02.2003], URL: http://www.sehepunkte.de
/2003/02/2127.html


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Andere Journale:

Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

Solomon Atamuk: Juden in Litauen

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Solomon Atamuk, in sowjetischer Zeit als Historiker an einer Parteischule und in der Litauischen Akademie der Wissenschaften in Vilnius tätig und 1990 nach Israel emigriert, erweiterte mit dem vorliegenden Buch eine bereits 1990 in Jiddisch, Russisch und Litauisch erschienene Geschichte der Judenheit in Litauen. Die ausführliche Darstellung bietet erstmals einen deutschsprachigen Überblick zu dieser Thematik, deren besonderer Stellenwert im Kontext der multiethnischen Kulturlandschaft Ost- und Ostmitteleuropas einer breiteren Öffentlichkeit nicht zuletzt während der Frankfurter Buchmesse 2002 vor Augen geführt wurde. Doch sei bereits an dieser Stelle angemerkt, dass Atamuks Werk streng wissenschaftlichen Ansprüchen nur insofern genügen kann, als es in der das Buch gleichsam als roter Faden durchziehenden Auseinandersetzung des Verfassers mit der schwierigen Geschichte der litauisch-jüdischen Beziehungen im 20. Jahrhundert, die zugleich seine eigene ist, selbst ein aufschlussreiches Zeitdokument darstellt. Nachteilig wirkt sich jedoch aus, dass Atamuk die umfangreiche westsprachliche Literatur zur Geschichte der osteuropäischen Judenheit nur sehr unzureichend berücksichtigt, auch wenn er seine Arbeit nach 1990 wesentlich erweiterte. Dies führte aber vor allem zu zahlreichen Redundanzen und einer durch ihre Faktenfülle oft überladen wirkenden Darstellung.

Ihr Schwerpunkt liegt im 20. Jahrhundert, doch beginnt Atamuk mit einer Beschreibung der "Symbiose" von Litauern und Juden in Mittelalter und Früher Neuzeit, die litauischerseits durch ein herrschaftliches Interesse an den Juden als frühen Modernisierungsträgern bedingt war, während "die Juden der Staatsmacht gegenüber absolut loyal waren und viel dazu beitrugen, den litauischen Staat und seine Herrscher zu stärken" (32) - ein Erzählungsmotiv, das sich im weiteren Verlauf der Darstellung immer wieder findet.

Das zweite Kapitel widmet Atamuk den Juden im Russischen Reich, im hier so genannten "Seßhaftigkeitsrayon" (Ansiedlungsrayon). Insbesondere in diesem Bereich macht sich die konsequente Nichtbeachtung der neueren westlichen Forschungsarbeiten (Frankel, Klier, Lederhendler) negativ bemerkbar. Den Gegensatz der mystisch-religiösen Bewegung des Chassidismus und seiner Gegner, der "Mitnagedim", die im "Gaon von Vilna" eine Leitfigur hatten, reduziert Atamuk auf einen "Kampf ...zwischen Denken und Empfinden" (42) und kommt zu dem einfachen Schluss: "Beide hatten im Grunde recht." (43). Vermutlich hatte der Herausgeber bei seinem Hinweis, dass man in der deutschen Ausgabe die "Originalstilistik des litauisch-jüdischen Autors" beibehalten habe (12), Formulierungen wie diese im Sinn. Der spannende Prozess der Säkularisierung und Politisierung der osteuropäischen Judenheit, bei dem die sogenannten litwakischen Juden vor dem Hintergrund der multiethnischen Bevölkerungszusammensetzung im Westen des Russischen Reiches eine Avantgarde-Rolle innehatten, lässt sich bei Atamuk nur sehr schemenhaft nachvollziehen. Seine Befangenheit in nationalen Kategorien und eine verengte litauische Perspektive werden bei seiner Behandlung der Frage, warum es im Kontext des Zarenreiches nicht gelang, "die Juden in die litauische Bevölkerung zu integrieren" (54), deutlich. Gleichzeitig weist Atamuk aber auch darauf hin, dass die junge litauische Nationalbewegung die Unterstützung der jüdischen Bevölkerung gefunden habe; damit widerspricht er ausdrücklich (exil-)litauischen Darstellungen, die die Juden "als Feinde sowie als Vertreter des Russischen Reiches" sehen (70 f.).

Nach dem Ersten Weltkrieg schien es eine Zeit lang, als könne aus der neu gegründeten Republik Litauen so etwas wie eine "osteuropäische Schweiz" werden, in der die jüdische Minderheit eine weitreichende national-kulturelle Autonomie genoss. Doch endete diese Phase noch vor der Etablierung des autoritär-nationalistischen Regimes Smetonas, dem Atamuk in seiner Haltung gegenüber der jüdischen Minderheit dennoch "Weisheit und Pragmatik" bescheinigt (109). Auch wenn sich in den 1930er-Jahren antisemitische Stimmen mehrten und durch die angestrebte "Lithuanisierung" der Wirtschaft ein Verdrängungsprozess einsetzte, blieb die jüdische Bevölkerung - so der Autor - dem litauischen Staat loyal verbunden und beteiligte sich bereitwillig an seinem Aufbau. Ein eigenes Kapitel ist dem jüdischen "Wilne" der Zwischenkriegszeit gewidmet, das durch Einrichtungen wie dem JiWO (heute: YIVO) und der weltberühmten Straszun-Bibliothek seinem Ruf als "litauisches Jerusalem" weiterhin gerecht wurde, auch wenn es bis 1939 zu Polen gehörte.

Sehr ausführlich befasst sich Atamuk mit der Shoah in Litauen und der litauischen Kollaboration. Hintergrund dafür ist nicht zuletzt die höchst fragwürdige These von der "Symmetrie zwischen zwei Genoziden", die die litauische Beteiligung am Judenmord - Atamuk geht von mehreren tausend aktiven Helfershelfern aus (172) - auf eine angebliche jüdische Beteiligung an den sowjetischen Verbrechen gegen das litauische Volk 1940-1941 zurückführt. Zu Recht bezeichnet er diese Argumentation als "böswilligen und heimtückischen Versuch", die litauische Kollaboration zu bagatellisieren (154 f.), und macht unter Verweis auf seinen litauischen Kollegen Liudas Truska deutlich, dass vor allem Litauer im sowjetischen Apparat beschäftigt waren und die Juden mehrheitlich keineswegs von der Sowjetmacht protegiert wurden (132 f.). Bewusst geschürte litauische Rachegelüste und blanke Gier trugen dazu bei, dass über 200 000 jüdische Menschen in Litauen grausam ermordet wurden.

Anfang 1946 lebten ungefähr 6000 Juden in Litauen, bis 1959 erhöhte sich ihre Zahl auf über 24 000, um bis 1997 vor allem durch die Emigration nach Israel erneut auf 5000 zu fallen. Vor diesem Hintergrund verwundert es, wenn Atamuk schreibt, dass es Juden im sowjetischen Litauen möglich war, "ungezwungen und offen ihre Jüdischkeit zum Ausdruck zu bringen" (251). Dagegen spricht die Geschichte des Jüdischen Museums und des Alten Jüdischen Friedhofs in Wilna wie auch der Gedenkstätte in Paneriai (polnisch Ponary). Das Museum wurde bereits Ende der 1940er-Jahre geschlossen und erst 1989 wieder eröffnet, der Friedhof mit dem Grab des Gaon von Wilna wurde aufgelassen, an seiner Stelle ein Sportstadion erbaut, und auf dem Mahnmal in Ponary wurden die hebräischen und jiddischen Inschriften entfernt und pauschal der Opfer des Faschismus gedacht (erst seit 1989 und 1991 sind hier wieder jüdische Inschriften zu lesen).

Vergleicht man das bescheidene, kleine jüdische Museum in Vilnius und die Gedenkstätte in Ponary mit dem Jüdischen Museum und dem geplanten Holocaust-Mahnmal in Berlin, so werden schlagartig die Unterschiede in den nationalen Gedächtniskulturen deutlich. Für den deutschen Umgang mit der Vergangenheit kann es nur hilfreich sein, den Blick nach Osten, zu den Orten des grausamen Geschehens und zu dem, was davon noch übrig geblieben ist, zu lenken. Trotz seiner Mängel liefert Atamuks Buch dafür einen wichtigen Beitrag.


Gertrud Pickhan