Rezension über:

Barbara Schier: Alltagsleben im "sozialistischen Dorf". Merxleben und seine LPG im Spannungsfeld der SED-Agrarpolitik (1945-1990) (= Münchner Beiträge zur Volkskunde; Bd. 30), Münster: Waxmann 2001, 328 S., ISBN 978-3-8309-1099-2, EUR 19,50
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Rezension von:
Ulrich Kluge
Technische Universität, Dresden
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Empfohlene Zitierweise:
Ulrich Kluge: Rezension von: Barbara Schier: Alltagsleben im "sozialistischen Dorf". Merxleben und seine LPG im Spannungsfeld der SED-Agrarpolitik (1945-1990), Münster: Waxmann 2001, in: sehepunkte 3 (2003), Nr. 2 [15.02.2003], URL: http://www.sehepunkte.de
/2003/02/3425.html


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Barbara Schier: Alltagsleben im "sozialistischen Dorf"

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Zum Verständnis dieses Buches und der Kritik daran muss folgender Zusammenhang beachtet werden: Unbemerkt von der städtischen Bevölkerung herrscht in den ländlichen Gemeinden Ostdeutschlands eine Art Bauernkrieg, es handelt sich um einen tief greifenden sozialen Konflikt zwischen ehemaligen Genossenschaftsbauern und dem Management der LPG-Nachfolgebetriebe. Hierbei geht es um alte Anteile, die während der DDR-Zeit in die örtliche Produktionsgenossenschaft eingebracht werden mussten und die nach dem Zusammenbruch der DDR von den örtlichen Konkursverwaltern nicht ausbezahlt wurden. Die Forschung sieht sich gegenwärtig einem wissenschaftlichen und einem aktuellen politischen Problem gegenüber: Erstens entsprachen die agrarhistorischen Darstellungen aus der DDR-Zeit mehr dem obrigkeitlichen Wunschbild als der Realität und scheiden deshalb als Quelle weitgehend aus; zweitens wird die ostdeutsche Großlandwirtschaft in revisionistischer Absicht von den Schatten ihrer Vergangenheit, das heißt von ihrer erzwungenen Entstehung, ihrer kostspieligen Entwicklung und ihrer umweltschädigenden Arbeitsweise, befreit. Alles in allem betrachtet haben wir es mit einer brisanten Situation zu tun, in der jede Stellungnahme pro oder contra "sozialistische Landwirtschaft" Wellen der politischen Emotionen erzeugt.

Nun ist gegen einen temperamentvollen Dialog unter Wissenschaftlern nichts einzuwenden, sofern sich diese an objektive Tatbestände halten. Das Fundament, auf dem sich der Dialog abspielt, könnte breiter sein, was er aber nicht ist, weil sich die sozial- und wirtschaftshistorisch orientierte Agrarforschung bisher nicht genügend engagiert hat. Allein mit der bisherigen Erforschung von dörflichen Mentalitäten, dem Hauptuntersuchungsfeld der Soziologie, lässt sich bei aller Wichtigkeit dieses Ansatzes noch keine verlässliche LPG-Geschichte schreiben; hierzu bedarf es der engen und vorbehaltlosen Kooperation von Historikern, Volkskundlern, Soziologen und Ökonomen. Bevor es dazu kommt, ist jeder Beitrag aus der Sicht auch nur einer der genannten Fachwissenschaften im guten Sinne diskussionswürdig, selbst wenn Methode und Inhalt nicht hundertprozentig den eigenen Erwartungen entsprechen. Aktuelle Kontroversen aus falsch verstandener Loyalität gegenüber der "sozialistischen Landwirtschaft" sollten nicht die Notwendigkeit verdrängen, eine fächerübergreifende Diskussion unter der Frage nach den sozialen, ökonomischen und ökologischen "Kosten" des modernen Agrargigantismus im ehemaligen sowjetischen Machtbereich zu führen. Dass dabei der Blick auf parallele Tendenzen in Westeuropa nicht verschlossen werden sollte, versteht sich von selbst.

Aktueller Gegenstand einer kontroversen Diskussion ist die erste, in freier Forschungssituation entstandene Arbeit über einen örtlichen LPG-Betrieb in Thüringen, der 1952 in Merxleben gegründet wurde. Barbara Schier, Volkskundlerin in München, schrieb diese Arbeit auf der Basis von Quellen offizieller, das heißt staatlicher Provenienz, Sekundärliteratur verschiedenster Herkunft und Befragungen betroffener Dorfbewohner/innen. Nicht einmal zehn Jahre nach dem Ende einer politisch erzwungenen Agrarwirtschaftsordnung sich an ihre Analyse zu wagen stellte ohne verlässliche Referenzgrößen zur Überprüfung der eigenen Ergebnisse ein großes Wagnis dar. Allein Schiers Schritte in ein minengespicktes Neuland verdienen schon deshalb Anerkennung, weil sie neue Horizonte öffnen, über die sich reden lässt, ohne von vornherein über ihren Wert oder Unwert zu richten.

Zum Inhalt: Nach der Vorstellung ihrer Zielsetzung und des Forschungsstandes widmet sich Schier dem agrarpolitischen Hintergrund mit den Schwerpunkten Bodenreform 1945, Kollektivierung und Entwicklung der "industriemäßigen" Produktion (45-78). Danach gilt ihr Hauptaugenmerk der Entwicklung Merxlebens zum "sozialistischen Dorf" (79-177), während das folgende Kapitel "Aspekte des Alltagslebens" enthält (179-280). Im Schlussteil werden die "Auswirkungen der SED-Agrarpolitik", der dörfliche Mentalitätswandel und die Qualität der sozialistischen Agrarpolitik dargestellt.

Zu welchen Ergebnissen kommt Schier gemäß ihrer Zielsetzung, "1. die Veränderung der Sozialstruktur, 2. das Zusammenleben der Dorfbewohner, 3. die Lebens- und Arbeitsbedingungen, 4. die Handlungsspielräume der Dorfbewohner" zu beschreiben? (13). Die Bilanz eines harten Arbeitslebens fällt aus der Sicht der Merxlebener Genossenschaftsbauern und -bäuerinnen bitter aus. Da ist von der Vorherrschaft des örtlichen Hauptarbeitgebers, der LPG, die Rede und von der gewaltsamen Abschleifung sozialer Unterschiede zugunsten eines ortsfremden Betriebsmanagements und der lokalen Funktionärsgruppe, aber zu Lasten der breiten Dorföffentlichkeit. Die politisch befohlene "sozialistische Dorfgemeinschaft" blieb nach Schiers Erkenntnissen Fiktion. Kann man dieser starken Behauptung trauen? Ja, weil zahlreiche Details in der Untersuchung dafür sprechen; hinzu kommen die Aussagen zahlreicher Zeitzeugenberichte: Wenn Schier nicht von vornherein in der Art ihrer Befragung und im Umgang mit den Interviewpartnern sich breites Vertrauen in Merxleben erworben hätte, wären ihr Haus- und Hoftüren verschlossen geblieben. Schier moderiert mit großem Gespür für Rechtlosigkeit und Unterdrückung das, was ihr mündlich und schriftlich überliefert wurde. Sie behauptet nichts ohne den dazugehörenden Beweis. Im Umgang mit dem kollektiven Gedächtnis der Merxlebener stieß sie immer wieder auf die zerstörte Vergangenheit der mittelständischen, eigentümergeführten Bauernwirtschaft; Schier identifizierte sich im Sinne der Dorfbevölkerung mit diesem traditionsreichen Betriebstyp und nahm alle Veränderungen zugunsten der genossenschaftlich betriebenen Landwirtschaft kritisch unter die Lupe. Sie übersieht dabei keineswegs die Verbesserungen der Arbeits- und Lebenssituation, die mit der Entwicklung der LPG eintraten. Die neuen und auf moderner technischer Basis beruhenden Arbeitsverhältnisse zwangen die LPG-Mitglieder zum angepassten Verhalten, aber sie wurden dort, wo die körperliche Tätigkeit weiterhin belastet blieb, nicht akzeptiert.

Wichtig sind Schiers fundierte Hinweise auf die praktizierte Teilung der Landarbeit in die offizielle Form der Genossenschaft im kollektiven Stil und in die politisch geduldete "persönliche Hauswirtschaft" auf zwergwirtschaftlichem Niveau. Die bäuerliche Arbeits- und Lebenswelt existierte in der kleinen Privatwirtschaft weiter. Die genossenschaftliche und die private Variante kennzeichneten die "sozialistische Landwirtschaft" und prägten den ländlichen Alltag. Die kollektive Mentalität der Merxlebener Genossenschaftsmitglieder blieb bäuerlich und überstand die "sozialistische Landwirtschaft" in geduldeten und illegalen Wirtschafts- und Sozialnischen. Es können an dieser Stelle nicht alle zur Weiterarbeit anregenden Ergebnisse vorgestellt werden. Sie sind neben ihrem Informationscharakter auch als stummer Appell an die eingangs genannten Wissenschaftsdisziplinen zu verstehen, unter verschiedenen Aspekten weitere Fallstudien zu erarbeiten.

Bevor es aber so weit ist, dürfte schon jetzt klar sein, dass eine Gegengeschichte zur Merxlebener LPG in revisionistischer Absicht weder von den offiziellen Quellen noch von den Zeitzeugenberichten ehemaliger Genossenschaftsmitglieder her abgedeckt wird. Es ist nicht möglich, gegen das Bild dörflicher Resistenz gegenüber Partei und Staat am Beispiel Merxlebens, wie es Schier aus den lokalen Alltagserinnerungen destillierte, mit gegenteiligen Argumenten zu Felde zu ziehen. Ergänzungen aus volks- und betriebswirtschaftlicher Sicht hingegen sind denkbar. Aber einzelne, aus dem Gesamtzusammenhang des Buches gerissene Sätze führen zu Irritationen. Schiers Analyse muss vollständig rezipiert werden, um ihre einzelnen Teile ausgewogen beurteilen zu können. Es sollte in der Bewertung der Arbeit auch beachtet werden, dass es kein methodisches Patentrezept gibt, um den Wahrheitsgehalt von Zeitzeugenberichten und amtlichen Quellen exakt zu bestimmen. Die seriöse Forschung operiert auf der Basis von Näherungswerten, wobei eindeutig deklarierte Vermutungen ein legitimes Mittel sind, um einen Sachverhalt mit zarten Strichen lediglich zu skizzieren, bis das Bild nach weiterer Forschungsarbeit auf breiterer Quellenbasis mit dicken Pinselstrichen vervollständigt werden kann. Dieser oft praktizierte Umgang mit historischen Inhalten sollte auch für die Pionierarbeit über die LPG in Merxleben gelten.

Wer sich am Beispiel eines Genossenschaftsbetriebes in die komplexe Materie der "sozialistischen Landwirtschaft" einarbeiten möchte, um aus einer anschaulichen, übersichtlich strukturierten und gut erzählten Fallstudie in weitere Wirklichkeitsbereiche vorzustoßen, der sollte sich Schiers Geschichte der Merxlebener und ihrer LPG zum Ausgangspunkt wählen.

Anmerkung:

Zum Buch von Barbara Schier erschien bereits eine Rezension von Elke Scherstjanoi in: sehepunkte 2 (2002), Nr. 10


Ulrich Kluge