sehepunkte 5 (2005), Nr. 10

Katrin Keller / Martin Scheutz / Harald Tersch (Hgg.): Einmal Weimar - Wien und retour

Im Frühjahr 1660 reisten mehrere sächsische Gesandtschaften an den Wiener Hof zum Lehnsempfang, darunter auch eine weimarische. Ihr gehörten außer dem Weimarer Kanzler Rudolf Wilhelm Krauße als dem eigentlichen Gesandten ein Lehenssekretär und der damals 26-jährige Kanzlist Johann Sebastian Müller an. Wie üblich waren die Reisenden mit Instruktionen ausgestattet, die ihnen u. a. das Führen eines Gesandtschaftstagebuches auftrugen.

Der vorliegende Band ediert nicht das Gesandtschaftstagebuch, das als Ganzes nicht aufzufinden war, auch nicht dessen im Thüringischen Hauptstaatsarchiv Weimar (ThHStAW) fragmentarisch überliefertes Konzept, sondern eine spätere Bearbeitung Müllers, welche zwar auf diese Texte zurückgreift, sie aber auch verändert: von Marginalem reinigt und um Material erweitert, das ursprünglich nicht zum Diarium gehört hatte. Auch dieser später gefertigte Text Müllers ist als Manuskript nicht erhalten, nur als Druck, der 1714, sechs Jahre nach Müllers Tod, von dessen Sohn Johann Joachim Müller veranstaltet und in seine Textsammlung "Entdecktes Staats-Cabinet [...] zweyte Eröffnung" aufgenommen worden war.

Dieser Druck von 1714 bildet die Grundlage der Edition. Der Forschung und historisch Interessierten wird damit ein Text zur Verfügung gestellt, der - anders als etwa eine Handschrift - grundsätzlich, wenn auch weniger bequem, bereits zugänglich war. In Fußnoten werden viele Personen und Orte identifiziert, knappe Erläuterungen geboten, lateinische Passagen übersetzt. Eine historisch-kritische Edition war dem Vorwort zufolge jedoch weder angestrebt noch zu leisten, vielmehr verstehen die Autoren ihren Band als Studienausgabe.

Beigefügt sind Archivalien aus dem Thüringischen Hauptstaatsarchiv Weimar: ein Auszug aus dem überlieferten Tagebuchkonzept, die Hauptinstruktion für die Gesandten von Sachsen-Weimar und Sachsen-Gotha und die weimarische Nebeninstruktion für Krauße. Besonders die beiden Instruktionen sind unverzichtbar für die Kontextualisierung des Reiseberichts. Sie liefern Erklärungen für viele Passagen, und sie offenbaren, dass der Reisebericht ungeachtet der späteren Revision über weite Strecken Replik auf die Forderungen in den Instruktionen bleibt.

Der edierte Text selbst ist gegenüber der Vorlage kaum verändert. Der wichtigste Eingriff betrifft die Umwandlung der Randglossen in Zwischenüberschriften. Damit wird die Tendenz zu einer thematischen Gliederung anstelle der chronologischen des Diariums, die bereits Müllers Bearbeitung prägte, noch verstärkt - und die Orientierung für den Leser erleichtert. Druckfehler wurden korrigiert. Störend wirken aber die von den Herausgebern eingefügten Ausrufezeichen mit sic-Funktion: Sie ändern am Verständnis nichts und sind überflüssig in einem orthografisch wenig normierten historischen Text.

Der Text selbst ist es zweifellos wert, erneut und in aufbereiteter Form präsentiert zu werden. Die Herausgeber charakterisieren ihn im Vorwort als "eine der lebendigsten, detailliertesten und umfassendsten Beschreibungen der Residenzstadt Wien" (7). Das trifft sicher zu, benennt aber nur einen, wenn auch wesentlichen Aspekt des Textes. Denn alles andere ist nicht minder interessant: die genaue Beschreibung der Reiseroute - über Nürnberg, Regensburg und Passau nach Wien, dann über Prag, Karlsbad und Eger zurück nach Weimar (insofern ist das "retour" des Bandtitels zwar griffig, aber nicht ganz korrekt) - die Reisedauer, die benutzten Fortbewegungsmittel, die Unterkünfte, die Gefahren und Beschwerlichkeiten, die an diversen Orten besichtigten Kirchen, Klöster, Gärten, Palais, manches Kuriose, die Kontakte mit Hof- und Regierungsleuten, schließlich die minuziöse Beschreibung des Belehnungsaktes.

Das Hauptverdienst des Bandes besteht in der Zusammenstellung des edierten Textes mit sechs Aufsätzen, die den historischen Bericht in je unterschiedlicher Weise perspektivieren, ihn in politische, kulturelle und diskursive Zusammenhänge einordnen und damit - zumindest für die behandelten Aspekte - mehr leisten, als es ein Stellenkommentar könnte. Bei einem thematisch und quantitativ überschaubaren historischen Text wie dem vorliegenden ist diese Art der Erläuterung praktikabel und kann hier durchaus als gelungen bezeichnet werden. Dass nicht alle Gesichtspunkte, die es verdient hätten, auf diese Weise betrachtet werden konnten, leuchtet ein.

Katrin Keller beschreibt das Alte Reich territorial, politisch und kulturell als Rahmen der Reise. Sie erklärt das Verhältnis von Kaiser, Reich und territorialen Herrschaften, beschreibt den Akt der Lehenserneuerung als "zeremonielle[n] Kern" der Reise (165) und stellt in einem knappen Abriss Geschichte und Rangverhältnisse innerhalb des sächsischen Gesamthauses dar, wodurch die im Reisebericht manifesten Rangfragen beim Belehnungsakt erst verständlich werden. Der Reisebericht belegt, wie gezielt und relativ unvoreingenommen das kulturelle und das religiöse Leben am Wiener Hof und in seinem Umfeld beobachtet wurde. Deutlich wird auch die kulturelle Attraktivität Wiens trotz der vielzitierten Kritik an der unmodernen Hofburg, nicht nur für die sächsischen Besucher von 1660.

Holger Th. Gräf beleuchtet Müllers Bericht als diplomatiegeschichtliche Quelle, welcher er wie auch den beiden abgedruckten Instruktionen einen hohen Wert beimisst, nicht als singulären Texten, sondern als Stellvertreter ihrer Gattungen. Sie erlauben es, "den Alltag und die Tätigkeitsfelder frühneuzeitlicher Diplomaten in ungewöhnlicher Tiefenschärfe nachzuzeichnen" (191), und sie lassen den Hof in seiner "Funktion einer 'internationalen' Nachrichtenbörse" erscheinen (188).

Harald Tersch verortet den Text in der aufklärerischen Frühphase der polemisch-kritischen Wien-Publizistik und zeigt seine Aktualität als historisch-politischer Lagebericht noch zur Zeit seines Druckes, mehr als 50 Jahre nach der Reise. Sein Hauptaugenmerk gilt den Verfahrensweisen Müllers bei der 'Herstellung' des Textes: Selektion, Erweiterung der Vorlagen, Einbeziehung von Archivalien und gedruckten Texten sowie fremden Bildungsgutes produzieren eine "Textcollage", die den zeitgebundenen Kontext der Reise abschwächt (197-201) und die Transformation des Diariums in eine andere Gattung vollzieht, den Reisebericht.

Alexander Jendorff fasst in seinem Aufsatz über "Katholische Barockfrömmigkeit im Spiegel des Müllerschen Diariums" Barockkultur als ein Produkt konfessionalisierter Religionskultur auf (212). Der Bericht aber lasse eine "erstaunliche konfessionspolitische Teilnahmslosigkeit" erkennen. Orte und Handlungen würden als Sehenswürdigkeiten wahrgenommen, nicht in ihrer religiösen Bedeutung (215), worin er "eine Form der mentalen Entpolitisierung des Konfessionellen" sieht (228). Nicht nachzuvollziehen ist, wieso die relativ unvoreingenommene, 'objektive' Darstellung eine Strategie zur Bloßstellung des Barockkatholizismus vor protestantischem Publikum gewesen sein soll (228).

Marlies Raffler verweist in ihrem Beitrag über "Das Müllersche Diarium aus der Perspektive der Sammlungsforschung" auf Mechanismen der Wahrnehmungsselektion (231) und der Lenkung des Blicks (241) und zeigt den Stellenwert der von den Reisenden besuchten Künstler und Kunstinstitutionen auf. Als besonders interessant hebt sie die von Herzog Wilhelm von Sachsen-Weimar verantwortete Nebeninstruktion hervor, welche die Vorgaben der Reiseliteratur durch konkrete Forderungen ergänzt.

Die Gärten in Müllers Diarium als "Räume zwischen Kultur und Natur" nimmt Marianne Klemun in den Blick. Sie hebt ihre politisch-repräsentative Funktion hervor und zeigt sie als "vielfach kodierte variantenreiche Räume", die geradezu ein "Paradefeld kultureller Artikulation" bildeten (263).

Insgesamt ein gelungener Band, der den Diskurs der aktuellen Hofforschung bereichern kann. Ein erhebliches Manko ist jedoch anzumerken: Ungeachtet des Wortlauts der abgedruckten (!) Hauptinstruktion wird ein für Müllers Reisebericht konstitutives Faktum fast vollkommen übersehen: Die Weimarer und die Gothaer Gesandtschaften, obgleich separat an- und abgereist, bilden eine Einheit, zumindest in Bezug auf den Hauptzweck der Reise, die Belehnung. Die Hauptinstruktion ist eben nicht eine Instruktion für die Weimarer Gesandtschaft, wie die Überschrift unterstellt, sondern eine Instruktion der Herzöge Wilhelm von Sachsen-Weimar und Ernst (des Frommen) von Sachsen-Gotha für ihre Abgesandten Krauße und Heidenreich, die Hauptpersonen dieser gemeinsamen Mission, hinter denen die Kanzlisten und Sekretäre deutlich zurücktreten. Mit den "beiden Abgesandten" sind im Text stets Krauße und Heidenreich gemeint. Besonders bei Gräf (z. B. 186, 187), aber auch im edierten Text wird dagegen der Eindruck erweckt, Krauße bzw. gar die Weimarer agierten allein. Die Gesandten schicken zwar auch einzeln Briefe aus Wien mit beigelegten Relationen und Extrakten aus dem Diarium an die heimatlichen Höfe, verfertigen viele Berichte aber auch gemeinsam für beide Höfe (der Überlieferung im Staatarchiv Gotha zufolge 11), so wie auch viele Antwortschreiben an beide Gesandte gerichtet und von beiden Herzögen unterzeichnet sind. Gleiches gilt für die Korrespondenz mit den Wiener Agenten Schrimpf und Braun. Die gothaischen Gegenstücke der gemeinsamen Mission ignoriert zu haben führt partiell zu einer verzerrten Wahrnehmung.

Rezension über:

Katrin Keller / Martin Scheutz / Harald Tersch (Hgg.): Einmal Weimar - Wien und retour. Johann Sebastian Müller und sein Wienbericht aus dem Jahr 1660 (= Veröffentlichungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung; Bd. 42), München: Oldenbourg 2005, 280 S., ISBN 978-3-486-57777-8, EUR 39,80

Rezension von:
Roswitha Jacobsen
Universität Erfurt
Empfohlene Zitierweise:
Roswitha Jacobsen: Rezension von: Katrin Keller / Martin Scheutz / Harald Tersch (Hgg.): Einmal Weimar - Wien und retour. Johann Sebastian Müller und sein Wienbericht aus dem Jahr 1660, München: Oldenbourg 2005, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 10 [15.10.2005], URL: http://www.sehepunkte.de/2005/10/8541.html


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