Rezension über:

Sara Raup Johnson: Historical Fictions and Hellenistic Jewish Identity. Third Maccabees in Its Cultural Context (= Hellenistic culture and society; 43), Oakland: University of California Press 2004, XIX + 253 S., ISBN 978-0-520-23307-2, GBP 32,50
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Rezension von:
Johannes Bernhardt
Seminar für Alte Geschichte, Albert-Ludwigs-Universität, Freiburg/Brsg.
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Johannes Bernhardt: Rezension von: Sara Raup Johnson: Historical Fictions and Hellenistic Jewish Identity. Third Maccabees in Its Cultural Context, Oakland: University of California Press 2004, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 2 [15.02.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/02/7228.html


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Sara Raup Johnson: Historical Fictions and Hellenistic Jewish Identity

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Die Erforschung des Judentums im Hellenismus vor allem in der Diaspora befindet sich momentan in einem Umbruchsprozess. Ältere Paradigmen, die Judentum und Hellenismus stärker in einer sich gegenseitig ausschließenden Antithetik gesehen haben, sind auf dem Prüfstand. [1] Zu den offensivsten Vertretern der laufenden Revision gehört der Althistoriker Erich Gruen aus Berkeley. In einer Vielzahl von Publikationen hat er argumentiert, dass sich Judentum und Hellenismus nicht gegenseitig ausschließen müssen, sondern weitgehend miteinander vereinbar seien; ganz selbstverständlich, nicht selten humorvoll habe das Judentum seine Identität mit den neuen Medien der hellenistischen Kultur reformuliert. [2] Sara Raup Johnson - ehemals Forschungsassistentin Gruens - legt nun mit ihrer überarbeiteten und erweiterten Dissertation über historical fictions einen weiteren Beitrag zur Etablierung des Paradigmas der kulturellen Vereinbarkeit vor.

Anknüpfend an die Forschungen Bowersocks zu fiktionaler Geschichtsschreibung in der römischen Kaiserzeit formuliert Johnson in ihrem Vorwort (XI-XV) den zentralen Sachverhalt ihrer Untersuchung: Schon in der jüdisch-hellenistischen Literatur finde sich eine Reihe von Texten, die zwar offensichtlich fiktionalen Charakter haben, sich aber als Geschichte ausgeben. [3] Gegen neuere literaturwissenschaftliche Versuche, diese Texte als Romane zu begreifen [4], wendet sich Johnson resolut. Die Vermischung von Fiktion und Geschichte in der jüdisch-hellenistischen Literatur sei nicht durch eine Zuordnung in die schwierig zu definierende Gattung des Romans zu verstehen (2 ff.). Im Gegenteil verdecke diese Kategorisierung sogar zentrale Erkenntnismöglichkeiten. So mache erst deren Aufgabe deutlich, dass sich Texte unterschiedlichster Gattungen der Technik bedienen, fiktionale Berichte als Geschichte auszugeben. Sinnvoll seien diese Texte mit der weiten und deskriptiven Kategorie der historical fictions zusammenzufassen. Betrachte man diese historical fictions dann im Ensemble - so die zentrale These des Buches -, werde deren Sinn und Intention deutlich: Jeder derartige Text formuliere einen spezifischen Entwurf jüdischer Identität in Auseinandersetzung mit der hellenistischen Umwelt (52 ff., 122 ff.) - in Anlehnung an Formulierungen Gruens gehe es um "reinventing Jewish identity by reinventing the past" (50).

Der erste Teil der Untersuchung dient der Untermauerung dieser These und besteht aus einem Survey von Texten, die nach Johnson als historical fictions infrage kommen (1-120). Zunächst werden die Septuagintatexte Esther, Daniel, Judith, Tobit, das zweite Makkabäerbuch sowie der Aristeasbrief behandelt (9-55). Weiter werden in den Antiquitates des Josephus verarbeitete Berichte diskutiert: Alexander in Jerusalem und die Geschichte der Tobiaden (56-93). Zuletzt werden Texte in den Blick genommen, die sich auf die patriarchalische Tradition beziehen: Artapanus sowie Joseph und Aseneth (94-120). Die Untersuchung dieser Texte verfährt immer nach dem gleichen Muster: In einem ersten Schritt werden ihre historischen Selbstbeschreibungen systematisch auf Inkonsistenzen und Fehler abgeklopft. Die vorgegebene Historizität aller Texte erweise sich bei näherem Hinsehen als inszeniert. In einem zweiten Schritt analysiert und rekonstruiert Johnson die Aussagen der Texte: Zahlreiche Themen und Szenarien kämen zur Sprache, sowohl mit Blick auf die Diaspora als auch Palästina, vom Verhältnis zu einzelnen herrschenden Königshöfen bis zum Umgang mit Proselyten. Diese Vielfalt spiegle verschiedene Gruppen des Judentums und ihre je verschiedenen Antworten wider, wie mit den Herausforderungen des Hellenismus umzugehen sei. Abgesehen von den Büchern Judith und Tobit, die sich um die Bewahrung vor äußeren Einflüssen bemühten, entwerfe die Mehrheit der untersuchten Texte Identitätsmodelle, die die Kooperation mit der Umwelt betonen. Selbst das zweite Makkabäerbuch, das die Konfrontation von Judentum und Hellenismus schildert, enthalte in den fiktionalen Passagen über Onias III. ein Modell, wie eine positive Zusammenarbeit mit den griechischen Mächten auszusehen habe (38-41). Kurzum: Judaisms statt Judaism und weitgehende kulturelle Vereinbarkeit.

Grundsätzlich ist gegen Johnsons Versuch, die genannten Texte als historical fictions und somit als Medien zur Konstruktion jüdischer Identitäten zu lesen, nichts zu sagen. Auf methodischer Ebene ist er allerdings problematisch: Johnson thematisiert im Rahmen ihres Surveys nicht, wer die Autoren der behandelten Texte sind und vor welchem historischen Hintergrund sie für welche Zielgruppe schreiben. Auch wenn diese Fragen bei den behandelten Texten schwierig zu beantworten sind, stellt doch erst die Kontextualisierung einen historischen Beurteilungsrahmen für deren Interpretation zur Verfügung. Diese Problematik wird noch verschärft, da Johnson auf Reflexionen über ihren Identitätsbegriff sowie Auswahl und methodischen Zugang zu den Texten verzichtet. So bewegt sich Johnsons Deutung der Texte letztlich jenseits des historischen Zusammenhangs und bezieht ihre Plausibilität in erster Linie aus aktuellen, aber unzureichend reflektierten Forschungstrends.

Sollte im ersten Teil der Studie das Phänomen der historical fictions allgemein demonstriert werden, wird im zweiten Teil das wenig beforschte 3. Makkabäerbuch einer Analyse "in depth" unterzogen (121-223). Der Text berichtet bekanntlich von einer fantastisch ausgeschmückten Judenverfolgung in Ägypten, die sich gemäß dem Verfasser auf Veranlassung Ptolemaios' IV. nach der Schlacht von Raphia 217 v. Chr. zugetragen habe. In der Forschung herrscht Einigkeit darüber, dass diese Verfolgung für die vorgegebene Zeit keine Historizität beanspruchen kann - für die Untersuchung von historical fictions somit ein geeignetes Objekt. Zentral möchte Johnson folgende These belegen: Anders als bisher angenommen, diene der Verfolgungsbericht nicht der Thematisierung von Konfrontationen mit der hellenistischen Umwelt. Im Gegenteil: Die Verfolgung werde als Ausnahmefall beschworen, denn eigentlich gehe es um die Darstellung friedlichen Zusammenlebens von Juden und Griechen und weitgehend möglicher Kooperation mit der hellenistischen Umwelt (124,129,166,181,217).

Die Begründung dieser These lässt die historische Abgehobenheit des ersten Teils der Studie noch deutlicher hervortreten, da sie zum großen Teil in der historischen Verortung des dritten Makkabäerbuches besteht. So plädiert Johnson zunächst für eine Datierung in den Zeitraum 100-30 v. Chr.; Kolorit und Details zeugten von ptolemäischem Hintergrund (129-141). Ferner weise der Text in Stil und Gedankenwelt große Ähnlichkeiten mit dem 2. Makkabäerbuch, dem Aristeasbrief, dem griechischen Buch Esther und sogar dem Buch Daniel auf; grosso modo werden diese Texte in die 2. Hälfte des 2. Jahrhunderts datiert, was ihre Datierung des 3. Makkabäerbuches einigermaßen stützen würde. Vor allem aber versucht sie durch besondere Betonung wenig berücksichtigter Passagen des 3. Makkabäerbuches gemeinsame Themen mit diesen zeitnahen Texten zu identifizieren. So werde in allen Texten - so verschieden sie sein mögen - das gute Verhältnis der Juden zu nichtjüdischen Herrscherhöfen thematisiert. Reziprok werde auch die besondere jüdische Loyalität gegenüber den nichtjüdischen Herrschern betont. Auch die Beziehungen zu den griechischen Nachbarn seien eigentlich positiv dargestellt. Krisen träten immer durch verräterische Dritte ein - etwa schlechte Ratgeber (141-169). Als Autor dieser Sicht komme nur ein ägyptischer Jude infrage, der für ein Diasporapublikum in Ägypten schreibe. Er und sein Publikum werden als streng in der Einhaltung der jüdischen Religion geschildert, aber als offen gegenüber der hellenistischen Umwelt im Rahmen des Möglichen (169-181). Um seine historical fiction zu schreiben, habe der Autor zwar historische Quellen für seine Darstellung der Zeit nach Raphia verwandt, aber nur selektiv und unpräzise als Rohmaterial (182-216). Denn nicht um Genauigkeit sei es dem Autor gegangen, sondern um die Aussage harmonischen Zusammenlebens: "This was not history as it really happened but, in the readers's mind, history as it should have been." (216).

Dies ist der letzte Satz von Johnsons Studie, bevor sie ihre Ergebnisse kurz resümiert (217-223). Es mag einiges zu einzelnen Aspekten ihrer Rekonstruktion zu sagen sein, hier reicht es aus, sich auf diesen letzten Satz zu konzentrieren. Denn so brillant viele Beobachtungen und Ausführungen Johnsons sind, so verdienstvoll es ist, das 3. Makkabäerbuch einmal gegen den Strich zu lesen und wenig betonte Aspekte hervorzuheben, eines muss klar bleiben: Im Zentrum des Textes steht nach wie vor eine in grellen Farben geschilderte Verfolgung der Juden. Mögen Verfolgungen auch Ausnahmecharakter haben, der Autor des 3. Makkabäerbuches hat diese Ausnahme als sein zentrales Sujet gewählt - mit einer Lesung gegen den Strich ist dies so einfach nicht wegzuargumentieren. So überspannt Johnson mit ihrer Abschlussbewertung, es ginge um die Darstellung von Geschichte, wie sie hätte sein sollen, das Paradigma der kulturellen Vereinbarkeit und vereinseitigt die Aussage des Textes übermäßig - wenn man nicht sogar von einer Verletzung des Vetorechts der Quelle sprechen möchte.

Was lässt sich also als Fazit festhalten? Johnson hat ein stilistisch ansprechendes Buch geschrieben, das an vielen Stellen mit scharfsinnigen Beobachtungen überzeugen kann. Um die historical fiction als Analysekategorie zu etablieren, müssten die herangezogenen Texte allerdings genauer mit ihrem historischen Hintergrund verknüpft und methodisch nachvollziehbarer untersucht werden. Was die exemplarische Detailinterpretation des dritten Makkabäerbuches betrifft, hat Johnson bedenkenswerte neue Ansatzpunkte geliefert. Diese in eine ausgewogene Gesamtinterpretation miteinzubeziehen, wird aber die Aufgabe künftiger Studien sein. [5]


Anmerkungen:

[1] Vgl. besonders die methodenreflektierten und differenzierten Arbeiten J.M.G. Barclay: Jews in the Mediterranean Diaspora from Alexander to Trajan (323 BCE-117 CE), Edinburgh 1996 und id.: Using and Refusing. Jewish Identity Strategies under Hegemony of Hellenism, in: M. Konradt / U. Steinert (Hg.): Ethos und Identität. Einheit und Vielfalt des Judentums in hellenistisch-römischer Zeit, Paderborn 2002, 13-25.

[2] S. vor allem die beiden Monografien E.S. Gruen: Heritage and Hellenism. The Reinvention of Jewish Tradition, Berkeley u.a. 1998 und id.: Diaspora. Jews amidst Greeks and Romans, Cambridge Mass. / London 2002. Letztere behandelt unter dem Stichwort der historical fiction nahezu dieselben Texte wie Johnson, allerdings unter der Überschrift jüdischen Humors (135-181).

[3] G.W. Bowersock: Fiction as History. Nero to Julian, Berkeley u.a. 1994.

[4] L.M. Wills: The Jewish Novel in the Ancient World, Ithaca / London 1995.

[5] Diesbezüglich liefert U. Mittman-Richert: Einführung zu den Jüdischen Schriften aus hellenistisch-römischer Zeit. Historische und legendarische Erzählungen, Gütersloh 2002, 71 f. interessante Überlegungen. Johnson hat diese Arbeit nicht zur Kenntnis genommen.

Johannes Bernhardt