Rezension über:

Ellen Kenney: Power and Patronage in Medieval Syria. The Architecture and Urban Works of Tankiz Al-Nāṣirī (= Chicago Studies on the Middle East), Chicago: Chicago Studies on the Middle East 2009, XIV + 257 S., ISBN 978-0-9708199-4-9, USD 80,00
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Rezension von:
Verena Daiber
Islamische Kunstgeschichte und Archäologie, Otto-Friedrich-Universität, Bamberg
Redaktionelle Betreuung:
Ute Verstegen
Empfohlene Zitierweise:
Verena Daiber: Rezension von: Ellen Kenney: Power and Patronage in Medieval Syria. The Architecture and Urban Works of Tankiz Al-Nāṣirī, Chicago: Chicago Studies on the Middle East 2009, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 11 [15.11.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/11/17779.html


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Ellen Kenney: Power and Patronage in Medieval Syria

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Ellen Kenney untersucht in ihrem Buch die Architektur-, Instandsetzungs- und Infrastrukturprojekte des mamlukischen Amirs Tankiz an-Nāṣirī, der von 1312 bis 1340 Gouverneur von Damaskus war. Seine höchst erstaunliche Biografie, mit der die Autorin ihre Einleitung abschließt, beginnt sehr bescheiden. 1290 wird er von einem Kaufmann nach Kairo verbracht, wo er bald als Mamluke an den Hof kommt. Als Sultan an-Nāṣir Muḥammad mit seinem Machtantritt 1298 die Mamluken seines Vorgängers, darunter auch Tankiz, übernimmt, wird dieser in den Elite-Corps des Sultans (ḫāṣṣakīya) aufgenommen, wo er den Rang des Mundschenks (sāqī) erhält. Nachdem er dem Sultan in verschiedenen Schlachten gegen die Mongolen, auch während des Sultans Exil in Kerak (1308-1310), die Treue gehalten hatte, wurde er 1312 zum Gouverneur von Damaskus, der wichtigsten Provinz Syriens, ernannt. Der beispiellose Aufstieg dieses Gouverneurs hatte jedoch auch ein jähes Ende: 1340 verliert er das Vertrauen des Sultans, wird verhaftet, gefoltert und wenige Monate später hingerichtet.

Ellen Kenney versucht eine lückenlose Dokumentation sämtlicher bekannter und nachvollziehbarer Baumaßnahmen zu erstellen, seien es ganze Architekturkomplexe (Moscheen, Bäder, Karawansereien, Paläste), Baumaßnahmen infrastruktureller Art (Wasserversorgung, Verkehrswege oder Märkte) oder Instandsetzungsmaßnahmen an den wichtigsten islamischen Heiligtümern Syriens, wie der Umayyadenmoschee in Damaskus, dem Jerusalemer Tempelberg oder dem Abrahamsheiligtum in Hebron.

Als Untersuchungsmaterial dienen - soweit erhalten - die Bauten selbst. Da aber viele nur noch rudimentär erhalten, zerstört oder nicht mehr sicher zuweisbar sind, wurden auch zeitgenössische und spätere Historiker, Bauinschriften, sowie Stiftungs- und Rechtsurkunden herangezogen. Unter letzteren stellt die Inventarliste sämtlicher Güter des Tankiz, die nach seiner Verhaftung konfisziert wurden, eine besonders ergiebige Quelle dar.

Bei der Zusammenstellung der noch erhaltenen Architektur beruft sich die Autorin auf eigene Feldforschung und bereits bestehende stadttopografische und architekturgeschichtliche Arbeiten, wie Michael Meineckes "Mamlukische Architektur in Ägypten und Syrien" (1992), Wulzinger/Watzinger (1924), Sauvaget (1932), Herzfeld (1942-1948), Sack (1989) zu Damaskus, sowie Burgoyne (1987) zu Jerusalem, um nur einige der wichtigsten Werke zu nennen.

Nach der Einleitung, in der die Autorin den Forschungsstand, Desiderate, oben genannte Ziele und Vorgehensweise darlegt, folgen - nach Städten aufgeteilt - drei Kapitel, in denen sämtliche Bauprojekte vorgestellt und diskutiert werden. Das erste Kapitel befasst sich mit Damaskus, das zweite Kapitel behandelt die heiligen Städte Jerusalem und Hebron und das dritte sämtliche außerhalb der syrischen Zentren gelegenen Bauten.

Soweit die Quellenlage erlaubt, wird jede Baumaßnahme, ob erhalten oder nicht, in ihren räumlichen und zeitlichen Kontext gesetzt und interpretiert. Dabei werden Muster der Architekturpatronage, Hintergründe sowie die verschiedenen Bedeutungsebenen der Bauten herausgearbeitet. Auch die Frage nach Herkunft und Mobilität von Werkstätten wird ausführlich diskutiert.

Es zeigt sich, dass Tankiz in den ersten Jahren seiner Amtszeit als Gouverneur zunächst bescheidene Maßnahmen auf infrastruktureller Ebene durchführen ließ. Erst ab 1317, schon fünf Jahre im Amt, nahm er umfangreiche Projekte in Angriff, die sowohl Infrastruktur als auch Stadtbild prägten und richtungweisend für weitere urbane Entwicklungen wurden. Exemplarisch seien sein erstes großes und sein letztes Bauwerk vorgestellt: das Ḥiqr as-Summāq-Projekt in Damaskus und ein vermeintliches Siegesmonument an der Straße zwischen Damaskus und Homs.

Innerhalb von knapp zwei Jahren (1317-1318) ließ Tankiz einen monumentalen Komplex an den Auen zwischen Banyas und Barada mit der ersten Freitagsmoschee außerhalb der Stadtmauer von Damaskus errichten. Diese Moschee, von der heute nur noch ein Portal und ein Minarett erhalten sind, besaß eine Fassade von 100 Metern Breite und war mit einer Grundfläche von fast 6000 Quadratmetern die größte nach der Umayyadenmoschee. Ihr angeschlossen waren ein Mausoleum, ein Bad, ein Palast sowie Stallungen und Märkte. Damit hatte Tankiz, nachdem er auch die Verkehrswege vor der Stadt verbessert und umstrukturiert hatte, ein vollständig neues, urbanes Zentrum vor den Toren der Stadt gegründet, wo sich bislang nur der Exerzierplatz maydān al-aḫḍar und der berühmte Ablaq-Palast des Baybars (1266-7) befunden hatten.

Tankiz berief sich auf lokale Bautraditionen, indem der Fassadendekor mit seinem zweifarbigen Steinlagewerk (ablaq) die Ästhetik dieses gut 50 Jahre zuvor errichteten Palastes aufgriff. Nachdem Sultan an-Nāṣir Muḥammad wenige Jahre zuvor mit Hilfe Damaszener Bauleute seinen Ablaq-Palast in Kairo fertiggestellt hatte, waren diese in ihre Heimat zurückgekehrt und bauten seit 1315 vereinzelt ablaq-Fassaden (37), die seit dem Bau der Tankiz-Moschee wieder zu einer einheitlichen Architektursprache erhoben wurden. Mit der Verwendung von Mosaik in den Gebetsnischen stellte er außerdem eine Referenz zu den frühislamischen Mosaiken der Umayyadenmoschee her. Aber Tankiz setzte auch eigene Akzente, indem er neue, aus Kairo importierte Dekorformen einführte, wie die geätzten Marmorplatten, die er in seiner Moschee und seinem neuen Palast, aber auch in den umfangreichen Restaurierungsarbeiten an der Umayyadenmoschee einsetzte.

Ein Blick auf Jerusalem zeigt, dass die Damaszener Werkstatt auch dort und sogar bis nach Kairo wirkte. Für Jerusalem wurden auch andere Werkstätten hinzugezogen, die möglicherweise - wie Vergleiche mit Monumenten in Tripoli, Hama und Aleppo zeigen - aus dem gesamten syrischen Raum bis hin nach Anatolien rekrutiert wurden.

Tankiz' letzter Bauauftrag war im Juli 1340 die (Wieder-?)Errichtung der Qubbat al-ʿA ṣāfīr etwa 25 km nördlich von Damaskus, einem kleinen quadratischen Bau mit achtseitigem Tambour und Kuppel. Der Zweck dieses kleinen Schreins ist nicht ganz klar, eine Formulierung in der Inschrift lässt jedoch vermuten, dass es sich um ein Monument handelt, das den Sieg über die Mongolen 1303 bei Marǧ aṣ-Ṣaffār südlich von Damaskus memoriert, an dem auch Tankiz beteiligt war. Hier bleiben Fragen offen, aber eine Interpretationsmöglichkeit wäre, dass Tankiz in einer Zeit, als er bereits die Ungnade seines Herrn spürte, mit dem Bau oder der Erneuerung dieser Kuppel an die alten Zeiten seiner unabdingbaren Loyalität für den Sultan anknüpfen wollte.

Leider fehlen trotz der guten und spannenden Darstellung zur schnellen Orientierung vor und während der Lektüre ein detailliertes Inhaltsverzeichnis und ein Anhang mit Katalog sowie adäquates Kartenmaterial. Denn Ellen Kenney hat in minutiöser Quellenforschung alle nur nachvollziehbaren Bauten, ob lokalisierbar oder nicht, zusammengestellt und rekonstruiert. Dafür sind die kleinen, teils ausschnittartigen Pläne im Text nicht vollständig und werden den gründlich erarbeiteten Ergebnissen nicht gerecht.

Ein Anliegen der Autorin war es, die Bauten aus einer "katalogisierten Isolation" (4) herauszuholen, was ihr auch hervorragend gelungen ist. Die Unterkapitel über die einzelnen Baumaßnahmen sind spannend zu lesen und werfen ein Schlaglicht nicht nur auf die Architekturentwicklung einer bestimmten Periode in der Mamlukenzeit, eingeschlossen die Herkunft von Werkstätten und die Verbreitung bestimmter Bau- und Dekorformen, sondern heben auch Syrien aus dem Schatten der Kairo-zentrischen Forschung. Zugleich wird das Verhältnis Hauptstadt - Peripherie beleuchtet, sowohl auf der Ebene der Politik als auch auf der Ebene der Architekturentwicklung.

Mit der Untersuchung der Bauprojekte eines Provinzgouverneurs betritt Ellen Kenney mehr oder weniger Neuland, da nur wenige Studien sich mit den Baumaßnahmen einzelner Auftraggeber auseinandersetzen und diese sich wiederum vorzugsweise mit den herrscherlichen Aufträgen von Sultanen befassen (3). Dabei wird anhand von Tankiz' Bauvorhaben ein höchst interessantes Kapitel des mamlukischen Syrien erschlossen: an der Architektur und ihren Inschriften lässt sich die Entwicklung von Biografie, Persönlichkeit und des Verhältnisses zwischen Gouverneur und Sultan bzw. Provinz und Peripherie ablesen. Architektur und Instandsetzungsmaßnahmen sind hier steingewordenes Manifest für die aus den Quellen herauszulesende Biografie des Tankiz. Beides - Bauten und Chroniken - ergänzen einander zu einem stimmigen Gesamtbild. Neben bestimmten Formulierungen in Bauinschriften (Jerusalem), die darauf hindeuten, dass Tankiz' Baumaßnahmen im Namen an-Nāsir Muḥammads übernahm, die normalerweise vom Sultan selbst kommissioniert wurden, zeigen auch die zahlreichen infrastrukturellen Maßnahmen, mit denen neue Verkehrswege, neue Stadtzentren (Ḥiqr as-Summāq in Damaskus) geschaffen, aber auch neue Eingriffe in den heiligen Bereich am Tempelberg zu Jerusalem vorgenommen wurden, die höchst ungewöhnliche Persönlichkeit eines selbstbewussten und mit weitreichenden Kompetenzen ausgestatteten Gouverneurs.

Verena Daiber