Rezension über:

Gerd-Rainer Horn: The Spirit of Vatican II. Western European Progressive Catholicism in the Long Sixties, Oxford: Oxford University Press 2015, IX + 264 S., ISBN 978-0-19-959325-5, GBP 55,00
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Rezension von:
Claus Arnold
Mainz
Redaktionelle Betreuung:
Johannes Wischmeyer
Empfohlene Zitierweise:
Claus Arnold: Rezension von: Gerd-Rainer Horn: The Spirit of Vatican II. Western European Progressive Catholicism in the Long Sixties, Oxford: Oxford University Press 2015, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 6 [15.06.2016], URL: http://www.sehepunkte.de
/2016/06/29074.html


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Gerd-Rainer Horn: The Spirit of Vatican II

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Wie es sich für die Monographie eines im angelsächsischen Wissenschaftsbetrieb sozialisierten Geisteswissenschaftlers gehört, hat das neue Werk von Gerd-Rainer Horn eine These: Die Dynamik sozialer Bewegungen lässt sich selbst im spätmodernen Westeuropa nicht ohne die religiöse Dimension verstehen. Auch wenn Horn natürlich nicht als erster in diese Kerbe schlägt (aus dem deutschsprachigen Kontext sei hier nur Friedrich Wilhelm Graf genannt), so trägt seine konkrete historische Rekonstruktion doch originelle Züge: Der Linkskatholizismus der sechziger und siebziger Jahre ist zwar in der französischen und italienischen Forschung ein sehr präsentes Thema [1], aber eine westeuropäische Zusammenschau mit vertieft recherchierten Exempeln vor allem aus Belgien, den Niederlanden, Italien, Spanien und Frankreich suchte man bisher vergeblich. Indem Horn hier eine "zweite Welle" eines westeuropäischen progressiven Katholizismus entdeckt, bietet er ein "sequel" zu seiner Studie über die erste Welle der westeuropäischen Befreiungstheologie (1924-1959) und eine Ergänzung zu seinem Werk über den "Geist von 1968" [2].

Der programmatische Titel "Der Geist des II. Vaticanums" spielt zielsicher auf die progressive Konzilshermeneutik an, welche sich nicht auf den "Buchstaben" der oft kompromisshaften und für konservative Interpretationen offenen Texte des II. Vaticanums festnageln lassen wollte. Auch wenn Horn durchaus die langfristigen Wandlungsprozesse in den westeuropäischen Katholizismen im Blick hat, beginnt er seine Darstellung deshalb mit einer gelungenen Rekonstruktion der progressiven Lektüre des Konzils, das als "Ereignis" und auch als Text soziale Dynamiken anfachen oder doch zumindest katalysieren konnte. Die Volk-Gottes-Ekklesiologie des Konzils und die neue "anthropozentrische" und positiv weltgestaltende Pragmatik der Pastoralkonstitution "Über die Kirche in der Welt von heute" (Gaudium et spes) wurde aufgenommen in den Theologien von Yves Congar, Karl Rahner, Johann Baptist Metz, González Ruiz und anderen. Dabei traten zunehmend messianische, utopische und eschatologische Elemente hervor, die mobilisierend wirkten: Erlösung sollte konkret als gesellschaftlich wirksame Befreiung verstanden werden. Dieser theologische Vorspann zur Darstellung (5-59) bleibt dabei nicht reiner "Überbau", sondern die konkrete Wirksamkeit der Reformtheolog(i)en finden sich dann Schritt für Schritt in den konkreten Exempeln. Für den deutschen Kontext, der bei Horn meist ausgespart bleibt, hat Christian Schmidtmann schlüssig nachgewiesen, wie katholische Studierende mit Hilfe der Reformtheologien alte Autoritäten in Frage stellten, emanzipatorische Impulse aus der Studentenbewegung für den katholischen Bereich adaptierten und Muster für radikale Aktion gewannen. [3]

Als erstes Thema (61-109) wählt Horn das Wiederaufleben der Arbeiterpriesterbewegung, vor allem in Italien, und bietet verbunden damit die erste größere Darstellung zu den radikalen europäischen Priestergruppen der sechziger Jahren, bei deren Vernetzung die niederländische Septuagint-Gruppe eine zentrale Rolle spielte. Diese sogenannten "Solidaritäts-Gruppen" forderten im Sinne der Reformtheologien nicht nur die Lockerung des Zölibatgebotes, die Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zur Kommunion und grundsätzlich eine Demokratisierung der Kirche, sondern kritisierten auch die Nähe der Episkopate zu den autoritären Regimen in Spanien und Portugal. Ein Höhe- und Wendepunkt wurde mit dem internationalen Treffen in Rom - parallel zur Weltbischofssynode von 1969 - erreicht, bei dem aber auch die inneren Gegensätze zutage traten. Insbesondere die Deutschen und die Niederländer konnten wenig mit der Forderung der französischen Gruppe "Échanges et Dialogue" nach einer radikal armen und strukturfreien Kirche anfangen. Hinzu kam zunehmend römischer und bischöflicher Gegenwind, sodass diese internationale Konstellation wie viele andere radikale Aufbrüche von 1968 schon ab 1971 und endgültig 1975 ihr Ende fand. [4]

Eng verbunden mit den Priestergruppen sind die "spontanen kirchlichen Gemeinschaften", also die sogenannten Basisgemeinden (111-172), die an italienischen Beispielen verdeutlicht werden. Neben den bis heute tätigen Gemeinschaften von San Egidio und Bose bringt Horn hier vor allem die 1957 begründete Florentinische Vorstadtpfarrei Isolotto in den Blick, die von ihren Pfarrern Enzo Mazzi und Sergio Gomiti mobilisiert wurde und dadurch in direkten Konflikt mit Erzbischof Florit geriet, den Pius XII. als Aufpasser in Florenz installiert hatte. "Um ein Volk zu richten, muss man es erst kennen." "Bischof, ohne deinen Autoritarismus wären wir alle wahre Christen": diese Plakate hielten die Gläubigen Florit entgegen (165, Tafel 4). Für diesen waren die Proteste aber nur der Ausdruck eines Marxismus in der Kirche. In den beiden abschließenden Kapitel (From Seminarians to Radical Student Activists, 173-213; The Working Class goes to Paradise, 215-252) wird anhand belgischer, spanischer und italienischer Beispiele die Radikalisierung der katholischen Studierenden und der katholischen Arbeiter, teilweise im Rahmen der "spezialisierten" katholischen Aktion, geschildert.

In seiner unverhohlenen Nähe zum Gegenstand (dessen Kenntnis er ausgedehnten Archivstudien, aber auch langen Gesprächen mit noch lebenden Aktivisten verdankt), seiner exemplifizierenden, facettenreichen, oft auch narrativen Darstellungsweise und seiner relativ offenen theoretischen Rahmung unterscheidet sich Gerd-Rainer Horn deutlich von der deutschsprachigen Katholizismusforschung. Gerade insofern lesen sich seine Werke aber als willkommene Anregung und Ergänzung. Für seine Ausgangsthese bietet er jedenfalls reichliches Belegmaterial.


Anmerkungen:

[1] Denis Pelletier / Jean-Louis Schlegel (éds.): À la gauche du Christ. Les chrétiens de gauche en France de 1945 à nos jours, Paris 2012; Daniela Saresella: Cattolici a sinistra. Dal modernismo ai giorni nostri, Rom 2011.

[2] Gerd-Rainer Horn: Western European Liberation Theology. The First Wave (1924-1959), Oxford 2009; ders.: The Spirit of '68. Rebellion in Western Europe and North America, 1956-1976, Oxford 2007.

[3] Christian Schmidtmann: Katholische Studierende 1945 - 1973. Ein Beitrag zur Kultur- und Sozialgeschichte der Bundesrepublik Deutschland, Paderborn 2006.

[4] Eine ausgezeichnete Synthese zur Rolle der deutschen Solidaritätsgruppen bietet nun Stefan Voges: Konzil, Dialog und Demokratie. Der Weg zur Würzburger Synode 1965-1971, Paderborn 2015, 87-100.

Claus Arnold