sehepunkte 23 (2023), Nr. 7/8

Katharina Kucher: Kindheit als Privileg

Katharina Kucher hat ein umfassendes Werk zur Kindheit in Russland im langen 19. Jahrhundert vorgelegt und füllt damit eine empfindliche Lücke der Forschung. Während in den letzten Jahren zahlreiche Werke zur Kindheitsgeschichte der Sowjetunion erschienen sind, blieb das 19. Jahrhundert auffällig vernachlässigt. Was bislang vorliegt, sind Arbeiten zur Kindheit der ärmeren Schichten (insbesondere David Ransels Forschungen zur Kindesaussetzung und der entsprechenden Politik [1] sowie Boris Gorshkovs Buch zur Kinderarbeit [2]), Studien zur Kindheitswissenschaft um 1900 (Byford [3]) und umfassende Texte zur Familienkultur des Adels (u.a. Randolph [4], Antonova [5]) und natürlich zur Bildungspolitik (hier ist u.a. Jan Kusber [6] zu nennen).

Kuchers Buch konzentriert sich auf den Elitendiskurs zur Kindheit und vereint damit bisherige Erkenntnisse zur historischen Familien- und Bildungsforschung unter einer kindheitshistorischen Linse. Da das Buch eine Longue-durée-Perspektive einnimmt, wechseln sich überblicksartige Darstellungen mit interessanten Sonden in einzelne Quellen, Debatten und Diskurse ab. Besonderen Wert legt die Autorin dabei auf die Arbeit mit Bildquellen.

Fünf große Kapitel strukturieren das Buch: Kucher beginnt nach einer allgemeinen Einleitung mit einer Darstellung der Kindheit im Zeitalter der Aufklärung. Hier wird bereits deutlich, was später immer wieder auftaucht: Die Ähnlichkeiten zwischen west- und mitteleuropäischen Entwicklungen und den Veränderungen in Russland. Der hier bemühte Bezug auf das Konzept der "transnationalen Kindheiten", das von Himmelbach und Schröer [7], aber auch von Bollig und Eßer [8] ausgearbeitet wurde, überzeugt allerdings nur begrenzt. Denn dass internationale Einflüsse zu beobachten sind, kann nicht wirklich überraschen. Die differenzierten Ansätze der Theoriedebatte setzt Kuchers Studie hingegen nicht konsequent um.

Das dritte Kapitel befasst sich mit dem frühen 19. Jahrhundert und der Verbindung von Patriotismus beziehungsweise Nationalismus und Kindheit. Ganz ähnlich wie in den aufklärerischen und frühromantischen Darstellungen, die in der westeuropäischen Kunst zu finden sind, wird auch in Russland die Kindheit mit einem neuen Heimatkonzept verknüpft. Die Bilder zeigen, wie Kucher es sehr pointiert formuliert, "Kindheit, Kanonen und Birken" (104). Die Kindheit steht für eine idealisierte Vergangenheit ebenso wie für eine hoffnungsfrohe (und ebenso idealisierte) Zukunft, vermittelt werden Gemeinschaftsdenken und Pflichtgefühl. Im Rahmen dieser Idealisierung der Natur und des - wie auch immer genau gearteten - "Natürlichen" kommen auch Imaginationen einer bäuerlichen Kindheit ins Spiel. In diesem Zusammenhang macht Kucher überzeugend deutlich, wie gut gerade die bildliche Darstellung verschiedener gesellschaftlicher Gruppen die soziale Distinktion zu unterstützen vermochte. Vermischung war nicht erwünscht.

Der Arbeit mit Bildern schließt sich eine detaillierte Analyse eines individuellen Erziehungsplanes und -protokolls an, auch dies eine typische Quelle für die sich intensivierende Reflexion über Kindheit in Europa. Dieses normative und zugleich doch auch die Realität protokollierende Dokument zeigt die wachsende Bedeutung der Familie sowie die militärisch anmutenden Vorstellungen von einer "ordentlichen" Kindererziehung. Von besonderer Bedeutung für die Elite war die Erziehung zu einem "kulturellen Bilingualismus". Kucher beschreibt die bekannte Zwei- und zuweilen Mehrsprachigkeit des russischen Adels im 19. Jahrhundert als zentrales Element adliger Kindheit.

Eine vom Typus her ganz ähnliche Quelle wird auch im vierten Kapitel zum Zeitalter der Reformen untersucht: Hier zeigt die Instruktion des Aristokraten Dmitrij N. Šeremetev, wie politisch Erziehung konzipiert sein konnte. Die Vorstellungen des Hochadels über die Zukunft der russischen Gesellschaft wurden in ein Erziehungskonzept umgesetzt, das Autorität, Loyalität und Bildung betonte.

Dass Pädagogik dennoch keine Privatangelegenheit (mehr) war, zeigt Kucher mit ihrer Beschreibung der pädagogischen Literatur. Diese war vor allem von vielen neu initiierten - selten aber lange bestehenden - Zeitschriftenprojekten bestimmt. Das Thema erschien wichtig, in seinen Inhalten aber noch offen und umstritten. Dennoch kann eine Dominanz des liberalen Denkens in diesem Diskurs festgestellt werden.

Das letzte Kapitel über "Moderne Zeiten" schließlich beschreibt eine Zeit des beschleunigten Wandels. Ökonomische Veränderungen, Urbanisierung und politische Radikalisierung stellten auch die Tradition der Kindheit als Privileg in Frage. Diese Entwicklung forderte ihrerseits eine erneute Betonung des Konzepts und damit eine verstärkte Abgrenzung heraus. Ähnlich wie in Westeuropa und Nordamerika wurde die Frage, wie eine "echte" Kindheit auszusehen hatte und wem sie zustand, immer drängender. Diese Entwicklung ging einher mit neuen Fachdiskursen in der Medizin und der Pädagogik. Besonders hervorzuheben ist hier Kuchers Auseinandersetzung mit den Kindheitsvorstellungen im Bereich der Rechtswissenschaft und der Justiz.

Auch in diesem Kapitel arbeitet Kucher wieder intensiv mit Bildquellen, diesmal mit Fotografien, die sie als Medium der Darstellung, aber auch Inszenierung und Propagierung bestimmter Kindheitsvorstellungen betrachtet. Stellenweise kommt hier auch die imperiale Komponente ins Spiel. Der Titel "Kindheit als Privileg" beschreibt eine Lebensform, die einer bestimmten sozialen Schicht und zudem dem russischen Teil des Imperiums vorbehalten war. Die Frage imperialer Kindheiten gehört nicht zum Thema des Buches; wie Kucher aber andeutet, dürfte sie zu den wichtigsten künftigen Forschungsaufgaben in diesem Bereich gehören.

Insgesamt stellt sich die Frage, ob das Buch nicht von einer Kürzung der stellenweise doch sehr ausführlichen Darstellung bekannten Wissens und einer stärkeren Konzentration auf eigene Interpretationen und damit wirklich Neues profitiert hätte. Die benutzten Quellen sind wertvoll, die Analysen anregend, sie könnten aber durchaus weitergehen und systematischer sein. Dennoch liegt hier eindeutig ein wichtiges Buch vor, das einen guten Überblick über die Entwicklungen bietet und spannende neue Perspektiven eröffnet. Und wenn, wie Kucher in ihrem letzten Satz schreibt, es ihr Ziel war, "einen Impuls für die weitere Erschließung dieses wichtigen Forschungsfelds zu geben", dann hat sie dieses zweifellos erreicht.


Anmerkungen:

[1] David L. Ransel: Mothers of Misery. Child Abandonment in Russia, Princeton 1988.

[2] Boris B. Gorshkov: Russia's Factory Children. State, Society, and Law, 1800-1917, Pittsburgh 2009.

[3] Andy Byford: Science of the Child in Late Imperial and Early Soviet Russia, Oxford 2020.

[4] John Randolph: The House in the Garden. The Bakunin Family and the Romance of Russian Idealism, Ithaca/London 2007.

[5] Katherine Pickering Antonova: An Ordinary Marriage. The World of a Gentry Family in Provincial Russia, New York 2013.

[6] Jan Kusber: Eliten- und Volksbildung im Zarenreich während des 18. und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Studien zu Diskurs, Gesetzgebung und Umsetzung, Wiesbaden 2004.

[7] Nicole Himmelbach / Wolfgang Schröer: Die transnationale Kindheit, in: Kindheiten in der Moderne. Eine Geschichte der Sorge, hrsg. von Meike Sophia Baader / Florian Eßer / Wolfgang Schröer, Frankfurt/M. 2014, 492-507.

[8] Sabine Bollig / Florian Eßer: Transnationale Kindheiten. Transnationalität als Perspektive zur Erforschung der Dynamiken globaler und lokaler Entwicklungen in kindheitssoziologischer Perspektive, in: Komplexe Dynamiken globaler und lokaler Entwicklungen. Verhandlungen des 39. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Göttingen 2018, hg. von Nicole Burzan; https://publikationen.soziologie.de/index.php/kongressband_2018/article/view/1124/1344 [21.06.2023].

Rezension über:

Katharina Kucher: Kindheit als Privileg. Bildungsideale und Erziehungspraktiken in Russland (1750-1920) (= Campus Historische Studien; Bd. 82), Frankfurt/M.: Campus 2022, 477 S., 55 Farb-, 36 s/w-Abb., ISBN 978-3-593-51433-8, EUR 49,00

Rezension von:
Martina Winkler
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Empfohlene Zitierweise:
Martina Winkler: Rezension von: Katharina Kucher: Kindheit als Privileg. Bildungsideale und Erziehungspraktiken in Russland (1750-1920), Frankfurt/M.: Campus 2022, in: sehepunkte 23 (2023), Nr. 7/8 [15.07.2023], URL: https://www.sehepunkte.de/2023/07/37870.html


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