sehepunkte 24 (2024), Nr. 2

James Bothwell / J.S. Hamilton (eds.): Fourteenth Century England XII

Nun bereits im zwölften Jahrgang erscheint die Reihe Fourteenth Century England, die sich innerhalb der Forschungslandschaft zum englischen Spätmittelalter einen Spitzenplatz erobert hat. Der neueste Band enthält neun Beiträge, die allesamt auf der Grundlage intensiver Quellenstudien neue Einblicke in Probleme von Politik, Gesellschaft und Kultur im 14. und 15. Jahrhundert geben. Dies sei an drei herausragenden Artikeln demonstriert.

Chris Given-Wilson widmet sich einer Personengruppe, die zwar im unmittelbaren Umfeld des Königs über enormen (informellen) Einfluss verfügte, von der Forschung bisher jedoch kaum einmal in den Blick genommen wurde: die königlichen Beichtväter. Zwar ist in den vergangenen Jahrzehnten ein wachsendes Interesse an Facetten des "königlichen Gewissens" zu verzeichnen - die königlichen Beichtväter blieben davon jedoch unberührt. Zeitgleich, in den ersten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts, tauchten diese Beichtväter (confessores regis) an der Seite der englischen, französischen und kastilischen Könige auf und Given-Wilson nennt eine Fülle von Gründen, die zur Etablierung und Institutionalisierung des Amtes führten, an erster Stelle die wachsende Bedeutung der Beichte im Zuge des IV. Laterankonzils (1215) und das Entstehen neuer, als "unbestechlich" empfundener Orden, aus deren Reihen die Beichtväter denn auch vornehmlich rekrutiert wurden. Eine Liste dieser Personengruppe, den Zeitraum von 1256-1450 abdeckend, illustriert den Befund (5). Heinrich III. etwa berief 1256 den Dominikaner John de Darlington, weil er - so der Chronist Matthew Paris - zweier Dinge bedurfte: guten Rats (sanum consilium) und geistlichen Trostes (consolatio spiritualis). Dominikanische Beichtväter, die bis 1399 rund 140 Jahre an der Spitze der königlichen Kapelle standen, waren "intellectual and administrative high-achievers" (7), die ihr Amt in vielen Fälle für Höheres qualifizierte: Elf wurden Bischöfe, zwei erhielten den Kardinalspurpur. Natürlich verfügten sie im Umfeld des Königs über enormen Einfluss, hüteten sich aber tunlichst davor, den schmalen Grat, der Ratgeben von Beeinflussung trennt, zu verlassen. Der anonyme Autor der Vita Edwardi Secundi gab gar der Hoffnung Ausdruck, dass Beichtväter als Gegenpole zum eitlen Hofleben, als eine Art "Anti-Höflinge" agieren könnten: "Yet, given that they were numbered among the most intimate confidants of any king, it is perhaps more surprising that most of them appear to have negotiated their role without noticeable cause for alarm". (28)

David Robinson befasst sich mit den Auswirkungen der Pest 1349 im englischen Klerus (129-150). Von den 9.000-10.000 Personen, die in England zu dieser Zeit zum bepfründeten Klerus gehörten, starben 40-50%. Vakante Stellen in Fülle mussten möglichst rasch wiederbesetzt werden - und interessant ist die Frage danach, in wieweit sich die Nachfolger von den Vorgängern in sozialer Herkunft und Bildungsgrad unterschieden. Die Beantwortung erfolgt auf der Grundlage von Quellenmaterial aus fünf Diözesen Mittel- und Nordenglands: Coventry and Lichfield, Hereford, Lincoln, Worcester und York. Deutlich wird, wie schnell freie Positionen wieder besetzt wurden. In Coventry und Lichfield betrug die durchschnittliche Vakanzdauer lediglich 26 Tage: "Patrons and diocesan administrators seem to have coped with the consequences of the plague remarkably well." (133) Dasselbe Beispiel zeigt, dass selbst in arduis an der Praxis der Überprüfung von Kandidaten festgehalten wurde. Nur in den seltensten Fällen fanden sich Vermerke der Art nulla inquisitio. Der Großteil der neu ernannten rectors und vicars scheint zuvor unbepfründet gewesen zu sein und hatte wohl das Amt von Hilfsgeistlichen inne (capellani parochiales): "The speed with which vacancies were filled suggests that potential successors were not difficult to find, although it may imply that there was a seller's market and that patrons therefore needed to act quickly." (147)

Alison K. McHardy widmet sich einer als corrody bekannten Praxis, die den englischen Königen spezielle Zugriffsrechte auf die Ressourcen monastischer Institutionen gab (29-46). Üblich war es, hohe Staatsbedienstete im Klerikerstand mit üppigen Pfründen zu belohnen, doch was tat man im Falle von einfachen Bediensteten im Laienstand, die ebenfalls versorgt werden mussten? Hier kamen die corrodies ins Spiel: Sie verpflichteten ein Kloster, einer vom König benannten Person bis zu deren Tod Kost, Logis und ärztliche Versorgung in den Mauern des Klosters zu gewähren. Eindrücklich gezeigt wird, wie im Zuge der großen Hungerkatastrophe 1316 und der Pest 1348/49 die Zahl derjenigen Kandidaten geradezu explodierte, die vom König den monastischen Institutionen anempfohlen wurde. Etwas später vollzog sich eine weitere Entwicklung: Corrodies betrafen verstärkt nicht mehr nur königliche Haushaltsbedienstete am Ende ihrer Karriere, sondern auch solche, die sich bester Gesundheit erfreuten und mitten im Berufsleben standen. Alle hatten freilich das gleiche Problem: Fand ein Wechsel an der Spitze des für sie "zuständigen" Klosters statt, war ihr Status massiv bedroht - jedenfalls dann, wenn sie es versäumt hatten, sich ihre Ansprüche vom Kloster selbst zuvor verbriefen zu lassen. Dass Klöster dieser Praxis ablehnend gegenüberstanden, versteht sich von selbst. Sämtliche Befunde werden durch reiches Quellenmaterial gestützt, und man glaubt McHardy gerne, wenn sie bemerkt: "There is enough material for a monograph." (40) Möge diese bald in Angriff genommen werden, geben corrodies doch einen kleinen, aber nicht ganz unbedeutenden Einblick in die konkrete Machtausübung der englischen Könige.

Zwei Beiträge befassen sich mit der Regierungszeit Edwards II. Jonathan Mackman und Paul Dryburgh richten ihren Blick auf einen wohl 1312 entstandenen Brief, einen "draft newsletter", in dem in scheinbar unzusammenhängender Reihung Ereignisse aus dem Yorkshire beschrieben werden (47-64). Identifiziert werden, breit kontextualisierend, sowohl Verfasser als auch Empfänger des Schreibens. Letzterer war (der zu Regierungsgeschäften in London weilende) Walter Bedwyn, Thesaurar der Kathedrale von York, in dessen Haus Piers Gaveston, der Favorit Edwards II. bei dessen Besuch von York Unterkunft fand. Als Verfasser wird mit überzeugenden Argumenten Ralph de Stokes, einer der Verwaltungsbeamten Bedwyns, der seinem Vorgesetzten ein Update über die Vorgänge in York, verbunden mit "a few extra items of local news and court gossip" (62) zukommen ließ. Im Anhang (63f.) findet sich eine Transkription des mittelfranzösischen Briefes (SC 1/37/218) samt englischer Übersetzung.

Mit der personellen Zusammensetzung der im Vorfeld der Absetzung zu Edward II. abgeordneten Gesandtschaften beschäftigt sich Samuel Lane (65-77). Edward II. wurde seit Januar 1327 in Kenilworth gefangen gehalten. Zwei Bischöfe wurden entsandt, um ihn dazu zu bewegen, zum nächsten, für den 7. Januar einberufenen Parliament nach Westminster zu kommen. Edward II. weigerte sich. Die Aussagen der einschlägigen Quellen, welche zwei Bischöfe das Haupt dieser Gesandtschaft bildeten, sind widersprüchlich. Während die Lanercost Chronicle Adam Orleton und John Stratford, die Bischöfe von Hereford und Winchester, mit dieser Aktion betraut sah, nennt die Pipewell Chronicle die Namen Orletons und Stephen Gravesends (Bischof von London). Unter Heranziehung weiteren Quellenmaterials gelingt der Nachweis, dass an der Gesandtschaft wohl tatsächlich der Bischof von London beteiligt war, was insofern erstaunlich ist, als Gravesend zuvor zu den eifrigsten Unterstützern Edwards II. gezählt hatte. Sollte so unter Beweis gestellt werden, dass das Vorgehen der Gegner des Königs unparteiisch war? Wahrscheinlicher ist es wohl, dass Gravesend der "turbulent atmosphere" (71) seiner Kathedralstadt entkommen wollte.

Der schmale Band zeugt von der Leistungskraft der englischen Forschung im Bereich des späten Mittelalters. Gearbeitet wird, wie könnte es anders sein, erfreulich quellennah. Dabei sollte man sich freilich stets der Tatsache bewusst sein, dass England (verglichen mit kontinentaleuropäischen Archiven) über eine atemberaubende Fülle an Quellenmaterial verfügt. Stoff für viele weitere Bände der Reihe Fourteenth Century England ist vorhanden.

Rezension über:

James Bothwell / J.S. Hamilton (eds.): Fourteenth Century England XII, Woodbridge / Rochester, NY: Boydell & Brewer 2022, XIV + 207 S., 5 s/w-Abb., ISBN 978-1-78327-719-3, GBP 70,00

Rezension von:
Ralf Lützelschwab
Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universität Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Ralf Lützelschwab: Rezension von: James Bothwell / J.S. Hamilton (eds.): Fourteenth Century England XII, Woodbridge / Rochester, NY: Boydell & Brewer 2022, in: sehepunkte 24 (2024), Nr. 2 [15.02.2024], URL: https://www.sehepunkte.de/2024/02/38515.html


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