sehepunkte 3 (2003), Nr. 2

Thomas Höpel: Emigranten der Französischen Revolution in Preussen 1789-1806

Wie viele Themen der Revolutionshistoriografie ist die Geschichte der revolutionären Emigration lange Zeit von politischen Prämissen bestimmt worden. Während monarchistische und konservative Historiker die Emigration als Ausdruck des durch die Revolution ausgelösten Unglücks ansahen, begaben sich liberale und (neo-)jakobinische Autoren auf die Suche nach den Drahtziehern der Konterrevolution. Erst in den 50er Jahren entstand mit der vielfach kritisierten, aber keinesfalls überholten Studie von Donald Greer [1] eine politisch weniger eindeutige Sichtweise. Greer wertete als Erster in größerem Umfang quantifizierbare Quellen, die Emigrantenlisten, aus. Er war in der Lage, mit einer Reihe von Vorurteilen aufzuräumen. Insbesondere aus dem überraschenden Ergebnis, dass nur 17 % der Emigranten adelig waren, ergaben sich neue Fragen für die Forschung: Wie hatte es zu einer solchen Verengung der Wahrnehmung von Wanderungsbewegungen kommen können? Welche Motive bewegten Emigranten, wenn diese weder vornehmlich Opfer einer anti-adligen Revolution, noch ausschließlich Agenten der Konterrevolution waren?

Thomas Höpels Studie über die Revolutionsemigranten in Preußen und Kursachsen greift die Fragen, Ergebnisse und methodischen Anregungen der neueren Emigrantenforschung auf. Er geht jedoch noch einen Schritt weiter, indem er das Phänomen auch in den weiteren Kontext der Migrationsgeschichte einordnet. In diesem Bereich hat in Deutschland insbesondere die Osnabrücker Forschergruppe um Klaus Bade wichtige Grundlagen gelegt.[2] Neben der präziseren sozialgeschichtlichen Erfassung von Herkunftskontext, Wanderungsbewegung und Zielkontext ist auch eine kulturgeschichtliche Migrationsforschung auf den Weg gebracht worden. Dabei geht es zum einen darum, die Veränderungen der Selbstwahrnehmung im Kreis der Migranten und ihre identitäre Neuformierung zu untersuchen, zum anderen um die Fremdwahrnehmungen der Aufnahmegesellschaft. Prozesse der Akkulturation und Integration, sowie die Dimension des Transfers werden berücksichtigt.

Da Studien über den Herkunftskontext Frankreich und auch über identitäre Fragen der revolutionären Migration [3] bereits existieren, konzentriert Höpel seine Forschung auf drei Aspekte: Erstens auf die Frage nach dem "Standort der Aufnahmegesellschaft" (21) in Bezug auf ihre Einwanderungspolitik: War moderne Staatlichkeit im späten 18. Jahrhundert bereits so ausgeprägt, dass eine klare Trennung von Staatsbürger und Ausländer vorgenommen wurde? Zweitens die Frage nach der Wahrnehmung der Emigranten durch Regierung, Behörden und Bevölkerung. Drittens die Frage nach der Integration und nach den durch die Emigration ausgelösten kulturellen Transfers; hier werden insbesondere die Bereiche Kunst und Wissenschaft, Erziehung, Militär und Wirtschaft in den Blick genommen.

Quellengrundlage für die Untersuchung sind vor allem die weitgehend unausgewerteten preußischen und kursächsischen Behördenakten im Geheimen Staatsarchiv in Berlin und im Sächsischen Hauptstaatsarchiv Dresden. Wegen der unterschiedlichen Quellendichte in beiden Archiven, wegen der unterschiedlichen Größe und Strukturen der verglichenen Länder, insbesondere aber wegen der geringen Zahl von Emigranten in Sachsen muss der Vergleich zwangsläufig asymmetrisch ausfallen. Die Forschungen zu Sachsen tragen vor allem dazu bei, den Blick auf das weitaus ausführlicher behandelte Preußen zu schärfen.

In seinem ersten Teil legt Höpel zunächst das Fundament, indem er den komplexen historischen Kontext nachzeichnet und den sozialgeschichtlichen Befund der revolutionären Emigration nach Preußen und Kursachsen beschreibt. In beiden Ländern entstand die Emigrantengesetzgebung nach der Belagerung von Valmy im Herbst 1792. Die Kriegswende bedeutete auch das Ende einer ersten Phase der Emigration, in der vornehmlich Adelige versucht hatten, von grenznahen Orten aus - Turin, Ettenheim, Koblentz, Worms, Brüssel - militärisch gegen die Revolution vorzugehen. Valmy bedeutete die schmachvolle Niederlage und die Auflösung der Emigrantenarmee. Da eine Rückkehr in die ersten Exilorte zumeist verhindert wurde, drangen erst jetzt Emigranten ins Innere Deutschlands vor. Gleichzeitig kehrten im Zuge der inneren Radikalisierung Frankreichs neue Bevölkerungsgruppen ihrer Heimat den Rücken. Sowohl in Preußen als auch in Kursachsen wurden umgehend strenge Verordnungen erlassen, die durch Ab- und Ausweisung einen dauerhaften Aufenthalt französischer Emigranten verhindern sollten. In Preußen wurden allerdings, insbesondere in den stärker betroffenen westlichen Provinzen, Ausnahmen zugelassen. In der behördlichen Praxis entstand die Kategorie des politischen Flüchtlings. Anders als heute hatte dieser jedoch keineswegs ein Recht auf Schutz - im Gegenteil: Politische Flüchtlinge waren unerwünscht; ihre Behandlung glich der von Vagabunden. Selbst die wenigen Revolutionsemigranten, welche den preußischen Untertaneneid schworen, wurden den gebürtigen Preußen nicht gleichgestellt. Hier zeigt sich die Genese der Unterscheidung zwischen "Staatsbürgern" und "Ausländern".

In mehreren Wellen strömten Franzosen nach Preußen, ab der Mitte der 1790er Jahre auch in die Mittelprovinzen. Über die etwa 4000 bei den Behörden registrierten französischen Emigranten kann Höpel genaue Aussagen treffen. Etwa die Hälfte gehörte dem ehemaligen ersten Stand an, je ein Viertel dem Zweiten und Dritten. Da die Mitglieder des Dritten Standes vornehmlich die Hausangestellten der Adeligen waren, hatte die Wahrnehmung, die Emigration habe vornehmlich aus Adeligen und Klerikern bestanden, eine reale Grundlage. Greers Ergebnisse bestätigen sich hier also nicht. Höpel entwirft ein überaus differenziertes Bild der Migration, das auch die innerpreußischen regionalen Unterschiede in den Vordergrund rückt. In der Beschreibung regionaler Spezifika geht Höpel vielleicht einen Schritt zu weit, wodurch der erste Teil - vor allem im Vergleich mit den beiden anderen - allzu umfangreich gerät.

Im zweiten Teil beschreibt Höpel die Wahrnehmung der Emigranten durch die Preußen, wobei er - angesichts seines Quellenkorpus - insbesondere über die Perzeption der Beamtenschaft Auskunft geben kann. Für die Behörden sei eine von aufklärerischem Gedankengut und Utilitarismus geprägte Haltung bestimmend gewesen, die Höpel als "Landespatriotismus" bezeichnet. Grundsätzlich eilte den Emigranten ein schlechter Ruf voraus. Die Präsenz ausländischer bewaffneter Einheiten im eigenen Land war alles andere als erwünscht. Konterrevolutionäre Propaganda wurde ebenso aus Rücksicht auf das Verhältnis zum revolutionären Frankreich wie als Auslöser von Unruhen abgelehnt. In den Reihen der Emigranten versteckte Revolutionsemmissäre wurden gefürchtet. So war das Handeln der preußischen Beamten von Sicherheitsbedürfnis geleitet. Darüber hinaus wollte man Versorgungskosten vermeiden. Diese Sorgen führten zur Ausweisungspraxis und zu einer strengen Überwachung der Zugelassenen durch Listen und Genehmigungspflichten. Gleichwohl wurden nützliche Nebeneffekte der Emigration und die Bedürftigkeit vieler Betroffener durchaus anerkannt. Der König, der in einigen Einzelfällen für die Etablierung französischer Emigranten sorgte, verfolgte im Großen und Ganzen die gleiche Politik.

Was die Wahrnehmung der Bevölkerung angeht, so sind die Verwaltungsakten, wie der Verfasser einräumt, nicht die beste Quelle. In Briefen äußerten die Untertanen Beschwerden und Warnungen; andere waren zu Bürgschaften für Emigranten bereit. Die finanziellen Folgen der Emigration für Preußen wurden in den Schreiben an die Behörden unterschiedlich eingeschätzt: Zum einen waren die verwöhnten Franzosen gute Kunden, zum anderen unzuverlässige Schuldner. Ihre Anwesenheit in einer Stadt führte meist zu Teuerung. Vermischung der Bevölkerung mit den Emigranten scheint eher die Ausnahme gewesen zu sein, wenngleich Höpel 38 Mischheiraten nachweisen kann. Insgesamt scheinen die Preußen, so wie ihre Behörden zwischen Mitleid, Nutzdenken und Ablehnung geschwankt zu haben.

Im letzten großen Abschnitt der Arbeit widmet sich Höpel den Fragen der beruflichen Integration der Emigranten und dem Wissenstransfer. Die bei weitem verbreitetste Verdienstmöglichkeit für adelige und klerikale Emigranten war eine Beschäftigung als Hauslehrer für Französisch und höfische Künste. Höpel kann durch Eingaben von preußischen Untertanen belegen, dass diese Qualifikation in Preußen durchaus gefragt war. Allerdings war der Arbeitsmarkt angesichts der Zahl der Emigranten bald gesättigt. An einigen Orten entstanden sogar eigene Lehrinstitute. In den preußischen Universitäten hingegen war die Aufnahme von Emigranten selten. Das gilt auch für das preußische Militär. Wenn Ausnahmen gemacht wurden, dann für junge Emigranten aus alten französischen Adelsfamilien und Ingenieuroffiziere.

Die Integration in bürgerliche Berufe ist - das legt schon das Soziogramm der französischen Emigranten in Preußen nahe - ein Randphänomen gewesen. Gesucht waren nicht die bei den Emigranten des Dritten Standes vornehmlich repräsentierten Domestiken, sondern Facharbeiter. Aus Sicherheitsgründen wurde mit Beginn der Französischen Revolution die im 18. Jahrhundert noch gängige Anwerbepraktik eingestellt. Eine Ausnahme stellte die Textilindustrie, insbesondere die Seidenherstellung, dar. Mit Anreizen für Seidenarbeiter aus dem von der Terreur heimgesuchten Lyon versuchte man staatlicherseits eine Berliner Seidenherstellung aus dem Boden zu stampfen - ein Versuch, der sich bald nach der Retablierung von Lyon als aussichtslos herausstellte. Höpel ist der erste, der so präzise Ergebnisse über die berufliche Integration von Revolutionsemigranten vorlegen kann. Gleichwohl ist es angesichts der recht geringen Zahl der in den Quellen aufzufindenden Fälle schwierig, weitergehende Schlüsse zu ziehen. Über die Überlebensstrategien und die Integration des allergrößten Teils der Emigranten wissen wir weiterhin wenig.

Thomas Höpel ist eine in ihrem methodischen Zuschnitt, in ihrem empirischen Reichtum und in ihrer analytischen Genauigkeit eindrucksvolle Studie gelungen. Es ist zu hoffen, dass dieses Beispiel Schule machen wird. Dies nicht zuletzt deshalb, weil Thomas Höpels Buch dazu beitragen könnte, die Erforschung der revolutionären Emigration aus ihren bisherigen disziplinären Beschränkungen zu lösen und in einen größeren Forschungskontext einzubetten. Weitere Erkenntnischancen würden sich insbesondere eröffnen, wenn der von Höpel erprobte vergleichende Ansatz auf Aufnahmeländer in ganz Europa angewendet werden würde.

Anmerkungen:

[1] Donald Greer: The Incidence of the Immigration During the French Revolution, Cambridge 1951.

[2] Klaus J. Bade: Europa in Bewegung. Migration vom späten 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, München 2000.

[3] Siehe dazu Karine Rance: Les mémoires de nobles émigrés partis en Allemagne: Coblence, ou prédire un échec advenu, in: Daniel Schönpflug / Jürgen Voss (Hg.): Révolutionnaires et Emigrés. Transfer und Migration zwischen Frankreich und Deutschland 1789-1806, Stuttgart 2002, S. 221-234.


Rezension über:

Thomas Höpel: Emigranten der Französischen Revolution in Preussen 1789-1806. Eine Studie in vergleichender Perspektive (= Deutsch-Französische Kulturbibliothek; Bd. 17), Leipzig: Leipziger Universitätsverlag 2000, 460 S., ISBN 978-3-934565-53-1, EUR 46,00

Rezension von:
Daniel Schönpflug
Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Daniel Schönpflug: Rezension von: Thomas Höpel: Emigranten der Französischen Revolution in Preussen 1789-1806. Eine Studie in vergleichender Perspektive, Leipzig: Leipziger Universitätsverlag 2000, in: sehepunkte 3 (2003), Nr. 2 [15.02.2003], URL: http://www.sehepunkte.de/2003/02/3531.html


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