Mit dem hier anzuzeigenden Band eröffnet das Institutum Carmelitanum in Rom eine neue Schriftenreihe, die Subsidia Archivi Carmelitarum, mit der einzelne Archivbestände des Generalarchivs des Karmelitenordens in Rom für die Forschung erschlossen werden sollen. Die Arbeit von Jacopo de Santis ist das Ergebnis des 2019 zum dritten Mal ausgeschriebenen Forschungsstipendiums zum Gedenken an P. Emanuele Boaga O.Carm., Generalarchivar von 1983 bis 2013. Der Verfasser legt mit seinem Werk die Messlatte für die folgenden Bände hoch, denn er bietet als Einleitung zu dem Inventar des Fonds zugleich eine prägnante Übersicht über die historische Entwicklung des Konvents an der Traspontina, einem Zentrum des Karmelitenordens in Rom (11-65).
Die Titelkirche Santa Maria in Traspontina an der heutigen Via della Conciliazione ist die jüngste der drei Karmelitenkirchen in Rom. Der Orden hatte seine erste Niederlassung in der Stadt bereits nach der Mitte des 13. Jahrhunderts mit einem Konvent an San Giuliano l'Ospitaliero ai Trofei di Mario auf dem Esquilin begründet, einer Kirche, die der Überlieferung nach von dem Ordensheiligen Sant'Angelo di Sicilia errichtet worden ist. [1] 1299 erhielten die Karmeliten auch die Basilika San Martino ai Monti, an der die Generalkurie des Ordens seit 1966 ihren Sitz hat. [2] Die Kirche Santa Maria in Traspontina und das Nebengebäude übertrug Papst Innozenz VIII. den Karmeliten am 14. November 1484. Damit fanden sie - trotz des ruinösen Zustands der Baulichkeiten - einen optimalen Standort innerhalb der Befestigungsanlagen der Engelsburg und damit in der Nähe der Peterskirche mit dem Grab des Apostelfürsten. Nach der Wiederherstellung von Kirchen- und Konventsgebäude wurde Pedro Terrasse als Provinzialprior von Rom 1498 Mitglied der ersten Kommunität der Traspontina und verlegte nach seiner Wahl zum Generalprior 1508 seine Residenz und die Ordenskurie hierher. Die Ikone der Madonna del Carmine, die die Karmeliten nach ordenseigener Überlieferung bei ihrer Übersiedlung aus dem Hl. Land mitgenommen hatten, wurde in die Kirche Santa Maria in Traspontina transferiert.
In seiner Einleitung referiert De Santis auch die negativen Folgen, die sich aus dem bei der Engelsburg gelegenen Standort der Kirche bei der Erstürmung und Plünderung der Stadt Rom durch aufständische Truppen Kaiser Karls V. (Sacco di Roma) am 6. Mai 1527 ergaben. Da die Gebäude der Traspontina dem Einsatz der Artillerie des Kirchenstaats im Wege gestanden hatten, drängte Papst Clemens VII. die Karmeliten zu ihrer Aufgabe, um die Fortifikationsanlagen verstärken zu können. Doch erst 1566 erfolgte die Grundsteinlegung für eine neue Kirche im Borgo Nuovo am heutigen Standort. Die Vollendung des Baus zog sich auch nach der Weihe der Kirche im Jahr 1587 noch bis 1668 hin. Die italienische Regierung beschlagnahmte 1873 das Konventsgebäude, das seitdem lange Zeit als Kaserne diente.
Nach den Konventualen musste 1893 auch der dort verbliebene Generalprior das Haus verlassen. Er konnte 1903 seine Residenz in den Neubau des heutigen Centro Internazionale Sant'Alberto (C.I.S.A. Carmelitani) an der nahegelegenen Via Sforza Pallavicini verlegen. Die Situation veränderte sich erneut durch die Straßenplanung für die Hauptstadt Italiens unter Benito Mussolini, der durch den 1936 begonnenen Bau der Via della Conciliazione zahlreiche historische Gebäude zum Opfer fielen. Die Kirche Santa Maria in Traspontina wurde jedoch mit ihrer repräsentativen Renaissancefassade in den Straßenverlauf integriert.
Das Archiv des Konvents und der Pfarrei ruht als Depositum im Generalarchiv des Ordens in der C.I.S.A. Carmelitani. Es hat als separater Bestand einen Umfang von neun Regalmetern mit Archivmaterial vom 16. bis 19. Jahrhundert in 182 Archiveinheiten. Diese bestehen aus 100 Registern, 76 Ordnern (buste) zu jeweils 254 Faszikeln, zwei Handschriften, zwei Chartularen und zwei Druckschriften (60). De Santis hat für den Bestand eine neue Systematik und neue Signaturen eingeführt, die durch eine Konkordanz erschlossen werden. Durch die Neuordnung sind fünf Serien und 13 Unterserien entstanden: Serie I "Amministrazione - Registri" (67-86), Serie II "Amministrazione - Carte non rilegate" (87-154), Serie III "Persone" (155-211), Serie IV "Archivio e memoria storica", u.a. mit Sottoserie "Cronache della chiesa e del convento" (212-219), Serie V "Parrocchia e convento". Von größtem Wert ist seine akribische und detailreiche Beschreibung der einzelnen Archiveinheiten, die Aufschluss über Inhalt, Laufzeit, Umfang und sogar die Lesbarkeit der Faszikel gibt.
Als ein Beispiel für die Tiefenschärfe der Inventarisierung soll hier die Verzeichnung der Korrespondenzen des Generalpostulators P. Serafino Maria Potenza (1697-1763) und des Subpriors der Traspontina P. Avertano Maria Bevilacqua (1693-1764) dienen. P. Potenzas umfangreiche Sammlung der Briefeingänge aus den Jahren 1723-1762 bietet einen Einblick in seine intensive Tätigkeit in den Kanonisationsprozessen. Die Briefeingänge von P. Bevilacqua enthalten auch manches kulturhistorisch interessante (und die Lektüre versüßende) Detail, etwa wenn P. Luigi Laghi aus Forlí den Konfrater Bevilacqua im Jahr 1758 darum bittet, ihm die Schokolade zu schicken, die im Konvent der Traspontina hergestellt wird. Dazu erbittet er auch noch die Makkaroni, die man im dortigen Kloster isst, "ma che siano veramente di Napoli e non di Roma!" (186).
Mehrere Anhänge, darunter Personallisten der Prioren, der Titulatur-Kardinalpresbyter, der Pfarrer, und ein Orts- und Namenregister erschließen den Band.
Es ist zu wünschen, dass die Kombination von historischer Darstellung und Archivinventar, die De Santis dank seiner Doppelqualifikation als Historiker und Archivar mit Souveränität meistert, Modellcharakter für die folgenden Bände haben wird. Auf die Fortsetzung der Schriftenreihe darf man gespannt sein.
Anmerkungen:
[1] Das Kirchengebäude ist im Zuge der römischen Stadterneuerung untergegangen; es befand sich wohl bis 1876 an der heutigen Piazza Vittorio Emanuele II. Siehe dazu Cristina Cumbo: La chiesa e il convento di San Giuliano l'Ospitaliero ai Trofei di Mario (= Institutum Carmelitanum. Textus et Studia Historica Carmelitana; 57), Roma 2024.
[2] Zuvor residierte die Curia generalizia dei Carmelitani bei dem Centro (ehemals: Collegio) Internazionale Sant'Alberto in der Nähe der Traspontina.
Jacopo de Santis: Santa Maria in Traspontina. La vita di una comunità carmelitana attraverso le carte d'archivio (= Institutum Carmelitanum. Subsidia Archivi Carmelitarum; Vol. I), Roma: Edizioni Carmelitane 2023, 288 S., ISBN 978-88-7288-217-7, EUR 28,00
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