Roms Übergang von der Republik in den Prinzipat hat schon seit jeher das Interesse der Forschung gefunden. Der hier zu besprechende Sammelband, der aus einer Seminarreihe an der University of Oxford hervorging, möchte anhand von zehn Studien einen neuen Blick auf diese Anfänge des Prinzipats unter der iulisch-claudischen Dynastie werfen: weg von einer allzu starren Bewertung der iulisch-claudischen Zeit als "absoluter Monarchie", tyrannischem Kaisertum oder Untergangsszenarien, wie sie allzu oft für die späte Republik in der Forschung entworfen wurden, hin zu einem flexibleren Verständnis des Kaisertums, das geradezu als konstanter Aushandlungsprozess zwischen Eliten, Kaisern, Öffentlichkeit und dem Militär erscheint, wie dies bereits von Egon Flaig in seiner einflussreichen Monografie Den Kaiser herausfordern. Die Usurpation im Römischen Reich, Frankfurt/New York 1992 (2. Auflage 2019) propagiert wurde. In jeweils mehreren Beiträgen werden Fragen der kaiserlichen Machtausübung aus verschiedenen Perspektiven behandelt und kritisch diskutiert, von denen im Folgenden einige vorgestellt werden.
Im ersten Beitrag "Caesar Augustus: A Call to Order" (19-38) ist Timothy P. Wiseman uneingeschränkt darin zuzustimmen, dass der frühe Prinzipat nur aus den zeitgenössischen Quellen heraus verstanden werden kann und auch nur daraus bewertet werden sollte. In seinem Plädoyer warnt er davor, sich bei der Behandlung der Prinzipatszeit auf wissenschaftliche Traditionen zu verlassen, die allzu oft die zeitgenössischen Quellen nur unzureichend überprüfen, allerdings stattdessen Narrative von Autokratie, illegaler Stellung oder dem Prinzipat als Monarchie den Vorzug geben und damit mit modernen Denkmustern an die antiken Gegebenheiten herantreten.
Seltsam mutet es an, wenn etwa Eleanor Cowan in ihrem Artikel "Velleius Paterculus, the Rule of Law, and Transitioning to Justice in Post-Conflict Rome" (39-58) die Zeit zwischen 49 v. Chr. und 29 n. Chr. als Kriegs- bzw. Nachkriegsgesellschaft verstanden wissen möchte, anstatt die in der Forschung akzeptierten Periodisierungen wie späte Republik, Triumviratszeit, Augusteisches oder Tiberisches Rom auf diese Zeitspanne anzuwenden. Cowan kann anhand der behandelten Passagen bei Velleius Paterculus deutlich machen, dass dieser an einer Darstellung interessiert war, die den Prinzeps als Garanten der öffentlichen Ordnung zeigt, der durch seine Maßnahmen die unsichere Zeit der Bürgerkriege beenden konnte, wodurch der Prinzipat legitimiert wird und die kollektiven Traumata der Bürgerkriege überwunden werden können. Ist Cowan in dieser Interpretation zuzustimmen, wirkt die Periodisierung in Kriegs- und Nachkriegsgesellschaft doch allzu sehr aus der Moderne heraus gedacht, trägt sie doch den weiteren Konflikten der Kaiserzeit kaum Rechnung, die dann im ständigen Kontinuum als Kriegs- und Nachkriegsgesellschaft bezeichnet werden müssten. Zudem wäre dies nur dann zu rechtfertigen, wenn es noch aus anderen zeitgenössischen Quellen ableitbar wäre.
Ungewöhnlich ist auch die Argumentation von Christina T. Kuhn in "Tiberius and the Prestige Paradox: Honour, Auctoritas, and Political Strategy" (59-87), wenn sie die Meinung vertritt, der zweite Prinzeps hätte durch seine bewusste Vermeidung von Titeln und Ehrungen seine eigene Auctoritas gestärkt und die anhaltende Autorität von Augustus unterstrichen. Dies ist doch gänzlich unwahrscheinlich, denn die antiken Quellen berichten, dass die Senatoren angesichts dieser Haltung des Tiberius konsterniert gewesen seien. Außerdem wurde dies zu einem wesentlichen Kritikpunkt der späteren antiken Quellen an Tiberius. Die deutlich veränderte Herangehensweise des Nachfolgers des ersten Prinzeps, dessen Verhalten man gewohnt war, mag ebenfalls zu dieser ablehnenden Haltung gegenüber Tiberius beigetragen haben.
John F. Drinkwaters Beitrag "Sejanus, Macro and the 'Plastic' Principate" (89-105) führt anhand der Karriere des Prätorianerpräfekten Lucius Aelius Seianus unter Tiberius vor, dass ein Aufstieg innerhalb der neuen Prinzipatsordnung und seiner flexiblen Strukturen auch an Leistungen gekoppelt sein konnte. Entgegen der in den Quellen zu findenden Bewertung Sejans als Intrigant und Bösewicht, die von der senatorischen Geschichtsschreibung herrühren dürfte, interpretiert ihn Drinkwater sicher richtig als jemanden, der die sich bietenden Gelegenheiten durch seine Nahbeziehung zum Prinzeps ausnutzte und so Vorteile für sich und seine Familie erlangen konnte, ähnlich wie auch Quintus Naevius Cordus Sutorius Macro mit der Unterstützung Caligulas für sich und seine Stellung als Prätorianerpräfekt ebenso verfuhr. Die hier von Drinkwater vorgelegte Neubewertung Sejans und Macros ist ein Vorstoß in die bislang eher von der Forschung wenig behandelte Problematik der Entwicklung der Rolle des Prätorianerpräfekten und die damit verbundene Nahbeziehung zum Kaiser in den ersten drei Jahrhunderten n. Chr.
Zwei numismatische Artikel runden den Band ab. Andrew Burnett bespricht in "Two Emperors who Reformed the Coinage: Augustus and Nero" (185-206) die Reformen des römischen Währungssystems in der iulisch-claudischen Dynastie. Er kann zeigen, dass es Nero mit der Einrichtung einer Münzstätte für Bronzemünzen 64 n. Chr. gelang, dem Mangel an Kleingeld entgegenzuwirken, der bereits zu Beginn des 1. Jh. v. Chr. eingesetzt hatte. Burnett vertritt mit dem Großteil der Forschung die Meinung, dass mit den Kleingeld-Emissionen keine politische Propaganda oder Agenda verfolgt wurde, diese nur eine Lösung für die unmittelbaren Probleme gewesen seien (202; vgl. etwa auch RPC I, 53-54), und die Kaiser insgesamt recht wenig Interesse an dieser Münzprägung gezeigt hätten (187 mit Anmerkungen 8 und 9, dort die relevante Literatur). Richtig ist zwar, dass die Kleingeld-Emissionen nicht zentral gesteuert wurden. Es ist jedoch zumindest fraglich, ob die Kaiser nicht auch ein gewisses Interesse an den kleineren Nominalen hatten, die ja im täglichen Gebrauch waren und entsprechenden Umlauf hatten.
Clare Rowan behandelt in "Lead Tokens in Julio-Claudian Italy and the Development of Imperial Ideology" (207-227) das breite Spektrum an Darstellungsoptionen auf Bleimarken. Diese wurden als Medium der Herrschaftspropaganda genutzt, da sie etwa als "Eintrittskarten" für allerlei Veranstaltungen mit den Mitgliedern der kaiserlichen Familie Verwendung fanden. Sie hatten zwar insgesamt nur eine kurze Halbwertszeit, da sie nach der einmaligen Verwendung vielfach wieder eingeschmolzen wurden, waren allerdings für die Verbreitung kaiserlicher Botschaften wichtig, da sie die lokale Reichsbevölkerung recht einfach erreichten.
Insgesamt betrachtet, ist in diesem Sammelband ein breites Spektrum an Neubewertungen der frühen Prinzipatszeit zusammengekommen. Auffällig ist der Schwerpunkt auf der Regierungszeit der ersten beiden Prinzipes Augustus und Tiberius. Die Zeit der weiteren Kaiser spielt nur in übergreifenden Darstellungen eine Rolle, so etwa die Regierungszeit Caligulas und Neros; ein Beitrag zu Claudius' Herrschaft fehlt gänzlich. Auffällig ist auch die unterschiedliche Qualität der Beiträge: Während manche Aufsätze gewagte Thesen präsentieren, die zumindest als fraglich bezeichnet werden können, liefern wieder andere solide Argumente und Ansichten, die die komplexe Übergangsphase von einer durch die Senatsaristokratie gelenkten Politik hin zu einer Herrschaft des einen Mannes wirkungsvoll beleuchten.
Christina T. Kuhn (ed.): The Julio-Claudian Principate. Tradition and Transition, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2025, 235 S., 23 Farb-Abb., ISBN 978-3-515-13748-5, EUR 48,00
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