Der von Marco Conti und Tommaso Duranti herausgegebene Sammelband Forme di dissenso: Attori, pratiche, linguaggi (Bologna, XIV-XV sec.) stellt einen ebenso innovativen wie überzeugenden Beitrag zur Erforschung politischer Kultur und urbaner Gesellschaften des spätmittelalterlichen Italiens dar. Im Zentrum steht nicht der offene Umsturz oder die spektakuläre Revolte, sondern ein breites Spektrum an Formen politischen Dissenses, das von gewaltsamer Opposition über rechtliche Auseinandersetzungen bis hin zu subtilen, passiven oder symbolischen Praktiken der Verweigerung reicht. Gerade dieser bewusst weit gefasste Zugriff erlaubt es dem Band, politische Konflikte jenseits klassischer Dichotomien von Herrschaft und Widerstand zu analysieren und Dissens als alltägliche, strukturierende Größe städtischer Gesellschaften sichtbar zu machen.
Besonders hervorzuheben ist der konsequente Rückgriff auf bislang wenig beachtete oder unedierte Quellen. Die Beiträge zeigen eindrucksvoll, dass Dissens nicht nur in programmatischen Texten oder spektakulären Ereignissen greifbar wird, sondern ebenso in Verwaltungsakten, Gerichtsverfahren, Bildmedien und normativen Aushandlungsprozessen. Dadurch gelingt es der Publikation, die Vielfalt politischer Artikulationsformen in Bologna sichtbar zu machen und die Stadt als einen Raum permanenter Aushandlung von Autorität, Zugehörigkeit und Gehorsam zu begreifen.
Den Auftakt bildet der Beitrag von Marco Conti und Carlo Ludovico Severgnini, der sich mit Zustimmung und Widerstand gegenüber der Fiskalpolitik des päpstlichen Legaten für Norditalien und späteren Kardinalbischofs von Ostia e Velletri Bertrando del Poggetto (1327-1334) auseinandersetzt. Anhand fiskalischer Konflikte zeigen die Autoren, wie eng Konsens und Dissens miteinander verwoben waren und wie städtische Akteure fiskalische Belastungen nicht nur erduldeten, sondern aktiv politisch verhandelten. Enrico Fusaroli Casadei knüpft hieran an, indem er das Spannungsverhältnis von Gehorsam und Widerstand im Kontext des Prozesses Benedikts XII. gegen die Bolognesen (1338-1340) analysiert. Der Beitrag macht deutlich, dass selbst formale Loyalitätsbekundungen Teil strategischer Kommunikationsprozesse sein konnten und obbedienza keineswegs mit politischer Passivität gleichzusetzen ist.
Mit einem methodisch besonders innovativen Zugriff untersucht Silvia Della Manna die Rolle von Bildern in der politischen Auseinandersetzung um die Etablierung der Herrschaft von Kardinal Giovanni Visconti, in Personalunion Erzbischof und Herr von Mailand, über Bologna. Ihr Beitrag zeigt überzeugend, dass visuelle Medien nicht bloß propagandistische Begleiterscheinungen, sondern eigenständige Träger politischer Kritik und Deutungskämpfe waren. Clément Carnielli richtet den Blick auf die Spuren politischer Kritik im kommunalen Regime des späten 14. Jahrhunderts und arbeitet heraus, wie sich Dissens auch dort artikulierte, wo offene Opposition kaum möglich war - etwa in rhetorischen Verschiebungen, administrativen Praktiken oder selektiver Kooperation.
Ein weiteres zentrales Verdienst des Bandes liegt in der Einbeziehung sozialer Gruppen, die in der Forschung lange randständig geblieben sind. Filippo Ribani untersucht Protest- und Verweigerungsformen der sogenannten fumanti im Kontext der spätmittelalterlichen Bürgerrechtspolitik und macht sichtbar, wie soziale Exklusion Dissens hervorbrachte, der sich nicht zwangsläufig in offener Rebellion äußerte, sondern ebenso in Alltagspraktiken der Umgehung und Verweigerung. Besonders hervorzuheben ist auch der Beitrag von Edward Loss, der mit dem Fall der Bartolomea, Ehefrau des Oretti de Orettis, weibliche Handlungsspielräume politischen Dissenses beleuchtet. Die Analyse der Verschwörung gegen Baldassare Cossa (1404-1406) zeigt eindrucksvoll, dass Frauen keineswegs nur passive Beobachterinnen politischer Konflikte waren, sondern aktiv an oppositionellen Netzwerken beteiligt sein konnten.
Den Abschluss bildet der Beitrag von Aldo Giuseppe Di Bari, der die Missachtung arbeitsrechtlicher Normen im Bologna des 13. bis 15. Jahrhunderts untersucht. Indem er Regelverletzungen im Arbeitskontext als Form strukturellen Dissenses interpretiert, erweitert er den Blick auf politische Konflikte um eine sozial- und wirtschaftshistorische Dimension, die den Band sinnvoll abrundet.
Insgesamt überzeugt Forme di dissenso durch seine thematische Geschlossenheit, seine methodische Vielfalt und seine konsequente Kontextualisierung politischer Konflikte im urbanen Alltag. Die Publikation zeigt eindrucksvoll, dass Dissens im spätmittelalterlichen Bologna weder Ausnahme noch Randphänomen war, sondern ein konstitutives Element städtischer Gesellschaften. Gerade die Verbindung von Politik-, Sozial-, Rechts- und Kulturgeschichte macht die Studie zu einem wichtigen Referenzwerk für die Erforschung vormoderner politischer Kulturen - weit über den Bologneser Kontext hinaus.
Marco Conti / Tommaso Duranti (a cura di): Forme di dissenso. Attori, pratiche, linguaggi (Bologna, XIV-XV sec.) (= Storia e culture; Vol. 15), Roma: Viella 2025, 190 S., ISBN 979-12-5701-001-0, EUR 20,90
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