Als epigraphische Landschaft ist Thrakien teilweise erschlossen, vor allem Nordthrakien durch Mihailovs Sammlung der griechischen Inschriften Bulgariens (IGBulg) [1], zu der Beševlievs Corpus der christlichen Inschriften (I.Chr. Bulgarien) tritt. Die Inschriften der thrakischen Ägäis sind ebenfalls vorgelegt (I.Thrake Aeg.). IG X 3 soll die inscriptiones Thraciae umfassen, auch wenn sich die Arbeiten derzeit auf Kleinskythien (IG X 3,3) konzentrieren. Die angezeigte Studie Boshnakovs beschränkt sich chronologisch und thematisch auf die Inschriften thrakischer Großgräber frühhellenistischer Zeit.
Die Einleitung (11-16) erklärt das Ziel der Arbeit: die Verortung des Untersuchungsgegenstandes "within a broader interpretiv framework" (16), d.h. in den archäologischen Kontext der Grabbauten und mit Blick auf die numismatische und literarische Überlieferung. Die titelgebenden "shades" spielen auf Dipinti und Ritzinschriften an, deren Lesung durch photographische Hilfsmittel verbessert oder erst ermöglicht werden konnte. Der einleitende Abriss des Forschungsstandes bleibt kursorisch. Vergeblich sucht man zudem nach einer historischen Fragestellung. Vielmehr versteht sich das Buch als Grundlagenarbeit, die "responsive to future discoveries" (16) den epigraphischen Status quo dokumentieren möchte.
Im ersten Kapitel (17-43) deutet Boshnakov eine Ritzinschrift im Grab von Alexandrovo (Κοζιμασης χρηστός) als Künstlersignatur. Zwar weist er überzeugend nach, dass χρηστός ein auszeichnendes Attribut lebender Personen sei, auch Form und Anbringungskontext der Ritzinschrift samt figürlicher Darstellung eine Interpretation als Grabtitulus unwahrscheinlich machen, doch bleiben andere Deutungen unbeachtet. So könnte eine Nähe zu den καλός-Inschriften der Vasenmalerei bestehen, Κοζιμασης χρηστός also ein Lob des fähigen Künstlers durch einen Schüler, wohlmeinenden Kollegen oder gar den Auftraggeber darstellen.
Ein Dipinto im Tumulus von Kazanlak (44-57) weist zwar einen gewissen Kozimases als Maler aus (Κοζιμασης ἐζωγράφησεν) und nennt im Übrigen den Auftraggeber bzw. Besitzer des Grabes (Σεύθου Ῥοίγος), doch bleibt eine Gleichsetzung des Malers mit dem Kozimases der χρηστός-Inschrift von Alexandrovo (58-76) Postulat. Überdies wirkt die vermeintliche Genese der Künstlersignatur (59; 65-66) von der χρηστός- zur ἐζωγράφησεν-Form eher spekulativ.
Das nächste Kapitel (77-124) gilt dem sog. Grab Seuthes' III. im Tumulus von Goljama Kosmatka. Nach Digressionen zum Heliosmedaillon (85-91), den Fundmünzen (91-95) und Amphorenstempeln (96-105) untersucht Boshnakov die Aufschriften einiger Gegenstände des Grabinventars, wägt die verschiedenen Interpretationen des Vermerkes Σεύθου (Besitzer- oder Herkunfts- bzw. Stifterangabe) gegeneinander ab und entwickelt außerdem eine plausible Erklärung der Gewichts- bzw. Wertangaben (118-119).
Als Kernstück der Untersuchung darf das Kapitel zu Rhoigos selbst (125-201) bezeichnet werden. Nach einleitenden Bemerkungen über Rhoigos' Münzemission (125-128) beschäftigt sich Boshnakov zunächst mit dem Grab von Smyadrovo, das er auf Grundlage der Grabinschrift ΓΟΝΙΜΑΣΗΖΗ | ΣΕΥΘΟΥ ΓΥΝΗ entgegen Hallofs Deutung (Γονιμαση ζῇ) einer gewissen "Gonimaseze" (Γονιμασηζη) zuweist. Boshnakov zeigt sich zurecht skeptisch gegenüber der Identifikation von Gonimasezes Gemahl mit Seuthes III. oder einem bei Polyain. VII 25 erwähnten General des Dromichaites (131-138), was ihn jedoch nicht davon abhält, beide Hypothesen weiterzuverfolgen (138-146).
Anschließend (146-158) führt Boshnakov den Leser in die sog. große Seuthopolis-Inschrift ein und gibt dem Inschriftentext eine Übersetzung bei. (147-148) Obwohl darin die dativi respectus Ἐπιμένει (Z. 1) (statt περὶ Ἐπιμένου) bzw. αὐτῶι (Z. 37) korrekt übersetzt sind, wird später (154) von einem Eid "to Epimenes" gesprochen. Die Ausführungen zur großen Seuthopolis-Inschriften scheinen lediglich Vorbemerkungen darzustellen.
Beachtlicher ist nämlich Boshnakovs Lesung der Schriftreste auf einer Statuenbasis aus Seuthopolis. Mittels Photo- und sogar Video-Aufnahmen [2] konnten zwei Inschriften identifiziert werden: ein älterer "under-text" (eine Weihung an die Kabiren) und ein jüngerer "over-text", der eine Statuenweihung der vier Söhne Berenikes zu Ehren des Spartokos bezeugt.
Im Detail ergeben sich jedoch Zweifel und Fragen, etwa warum Boshnakov im "under-text" [θεοῖς μεγά]λοι[ς Σαμοθρᾷξι - - -] (nach einer Inschrift aus Koptos) der Form Σαμοθραικίοις wie in der Seuthopolis-Inschrift (Z. 18) zu ergänzen vorzieht. Mit merkwürdiger Gewissheit wird die Hypothese vertreten, dass der Bronzekopf von Goljama Kosmatka zu einer Statue Seuthes' III. gehören müsse, die einst den Kabiren geweiht auf ebendieser Basis gestanden habe (176-177) und in Folge einer ebenfalls postulierten damnatio memoriae entfernt worden sei. (178-179) Gleichermaßen gewagt erscheint die Identifikation der Buchstabenreste ΑΣΚ. [. . .] ΙΟ. im "over-text" mit dem Bronzebildhauer Asklepiodoros (Plin. nat. 34,19) (168-170; 178).
Aus einer Anhäufung von Hypothesen rekonstruiert Boshnakov schließlich die politische Geschichte Thrakiens vom Lebensabend Seuthes' III. bis zur Herrschaft des Rhoigos, die in der Hauptsache durch Postulate und Analogien zusammengehalten wird (180-194) und bestenfalls als "a speculative but plausible possibility" (186) gelten darf.
Das folgende Kapitel (202-245) gilt dem Karyatiden-Grab von Sveshtari. Die Buchstabenfolge auf der linken Seite der Türlaibung versteht Boshnakov als κιονηδόν geschriebenen Namen [Μ]ήδα, die er nach einer Nachricht des Satyros (Athen. XIII 557d) mit der Tochter des Kothelas und Ehefrau Philipps II. gleichsetzt. Darauf baut er die These, dass Meda nach Getien zurückgekehrt und nicht in Aigai-Vergina bestattet worden sei (230-231). Wiederum spekulativ bleiben die Ausführungen zum Herrschaftsgebiet des Kothelas. (231-234) Dass die Zuweisung des Karyatiden-Grabes an Meda mit dem Grabbefund und seiner Datierung unvereinbar ist, wird mit der gestellt wirkenden Erklärung erwidert, dass der Grabbau zwar für Meda vorgesehen gewesen, aber kurzer Hand umgebaut worden sei. (243-244)
Nach einem die Ergebnisse resümierenden Schlusskapitel (246-262) folgen ein umfangreicher und das Verständnis des epigraphischen Befundes wesentlich befördernder Tafelteil (263-322), das obligatorische Abkürzungs- und Literaturverzeichnis (323-382), ein Namens- und Sachregister (367-382) und zwei Quellenindices (Schriftquellen: 383-387; Inschriften/Papyri: 388-391).
Boshnakovs Verdienst liegt vor allem in der Neu- oder Erstlesung der Grabinschriften, weswegen die Untersuchung zurecht als grundlegende "introduction of newly identified epigraphic records" (259) des frühhellenistischen Thrakien gelten darf, die sicherlich Anstoß zur weiterführenden Diskussion geben wird. Die historische Interpretation der Texte beruht hingegen häufig auf bloßen Behauptungen und weitreichenden Spekulationen, verlässt mitunter sogar den Boden der durchaus spärlichen Evidenz. Eingedenk der epigraphischen Finesse seiner Arbeit hätte Boshnakov das historische "non liquet" keineswegs scheuen müssen.
Anmerkungen:
[1] Abkürzungen folgen der "liste des abréviations des éditions et ouvrages de référence pour l'épigraphie grecque alphabétique" der AIEGL (dritte Version, September 2024).
[2] Auch ein Abklatsch hätte in diesem Zusammenhang die Entzifferung befördern können.
Konstantin Boshnakov: Epigraphic "Shades" from Hellenistic Thrace. Contextualizing Inscriptions in Greek from Thracian Tombs (= Palingenesia. Schriftenreihe für Klassische Altertumswissenschaft; Bd. 147), Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2026, 391 S., 76 Farb-, 24 s/w-Abb. 5 Tbl., ISBN 978-3-515-14100-0, EUR 72,00
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