Der grundlegende und sich beschleunigende gesellschaftliche Wandel im Zuge der Digitalisierung fordert dazu auf, neu zu reflektieren, wie Geschichte in der Gesellschaft (anders) erzählt wird, welche (neue) Rolle sie in ihr einnimmt und was das für Geschichtsunterricht bedeutet. Die geschichtsdidaktische Bearbeitung dazu ist im vollen Gange. Die Schwerpunkte liegen dabei aktuell auf digitalen und computergestützten Unterrichtsmethoden, auf Geschichte in Social Media und auf der Bedeutung von (generativer) Künstlicher Intelligenz. [1]
An diese Forschungsdebatte knüpft der von Christina Brüning und Alexandra Krebs im Jahr 2024 herausgegebene Sammelband "Historisches Erzählen in Digitalien" an. Der Untertitel "Theoretische Reflexionen und empirische Beobachtungen" verweist bereits auf die Heterogenität der abgedruckten Texte.
Die Herausgeber*innen binden die unterschiedlichen Phänomene (Künstliche Intelligenz, Social Media, digitale Geschichtskultur) über den Begriff "Digitalien" zusammen. Sie verstehen darunter einen "Zustand, in dem digitale Technologien omnipräsent das Leben der Menschen durchdringen, teilweise auch ohne dass wir die Grenzen zwischen dem Hier und Jetzt und dem digitalen Raum bzw. dem authentischen Interagieren und der Interaktion zwischen Mensch und Maschine noch wahrnehmen und beachten."(17f.) Der gewählte Zugriff auf Digitalisierung ist äußerst produktiv, da er über die einzelnen Phänomene hinaus auf die damit verbundene gesellschaftliche Transformation zielt. Offen bleibt allerdings, worin der Mehrwert gegenüber der ebenfalls in der Einleitung aufgegriffenen "Kultur der Digitalität" Felix Stalders bestehen soll. [2] Mit diesem Begriff steht bereits eine überzeugende Theoriebildung zur Verfügung, die in ihren Aussagen weitgehend deckungsgleich mit der Definition von "Digitalien" ist.
Der Band gliedert sich in vier Abschnitte mit jeweils zwei bis drei Beiträgen: zum historischen Forschen mit digitalen Quellen und Narrativen, zu Triftigkeiten historischer Erzählungen in Social Media, zu empirischen Beobachtungen über historisches Lernen in Digitalien und zu geschichtskulturellen Deutungsaushandlungen. Hinzu kommt eine gemeinsame Abschlussdiskussion der Autor*innen.
Der erste Abschnitt bindet zwei Beiträge zu digitalen Forschungsmethoden zusammen. Verena Lucia Nägel und Laura Maria Niewöhner gelingt es, ein breites Panorama digitaler Forschungsmethoden für die Geschichtswissenschaft vorzustellen. Gerade hier hätte sich der Rezensent jedoch einen deutlicheren Bezug zu den übrigen Beiträgen des Bandes und insbesondere zum historischen Lernen in Digitalien beziehungsweise der Kultur der Digitalität als Leitkonzept gewünscht.
Im zweiten Abschnitt stehen historische Erzählungen in Social Media im Fokus. Die Beiträge von Johanna Pöppelwiehe und Sabrina Stolp beschäftigen sich mit den Debatten um das Projekt @ichbinsophiescholl, das das Leben von Sophie Scholl in Instagram-Beiträgen darstellte. Das Projekt hat in der Vergangenheit bereits erhebliche Aufmerksamkeit in der Geschichtsdidaktik erfahren. [3]
Pöppelwiehe untersucht in ihrem Beitrag den Umgang mit empirischer Triftigkeit im Projekt. Sie kann aufdecken, wie dort die Überprüfung der Triftigkeit systematisch mit dem Verweis auf die Attraktivität für die Zielgruppe verhindert wurde. Wichtig auch für die weitere Theoriebildung ist ihre Erkenntnis, dass die "Triftigkeitskonventionen für professionell produzierte und erzählte historische Narration auf Social Media gesellschaftlich bisher nicht ausgehandelt sind."(111)
Der Aufsatz von Anja Neubert, ebenfalls im zweiten Abschnitt verortet, ist der innovativste des Bandes. Er schließt an eine Debatte über die Partizipationsmöglichkeiten an Geschichtskultur an, zu der in den vergangenen Jahren eine äußerst produktive Theoriebildung stattgefunden hat. [4] Neubert nutzt die Ergebnisse ihrer Erhebung zu historischen Erzählungen auf YouTube und TikTok, um das von Lale Yildirim entwickelte Konzept des "Markts der Erinnerungen" [5] für eine Kultur der Digitalität weiterzuentwickeln. Sie arbeitet heraus, wie entscheidend Algorithmen den Zugang zu diesem Markt und die Platzierung auf ihm bestimmen. Die Wirkung der Algorithmen identifiziert sie auf drei Ebenen: Algorithmen präfigurieren historische Erzählungen, indem sie diese an die Logiken der Plattformen anpassen; sie entscheiden über deren Sichtbarkeit; und sie regulieren das Ausmaß an Partizipation, Diskursivität und Kollaboration.(156)
Die beiden Texte des dritten Abschnitts widmen sich jeweils einem bedeutenden digitalisierungsbedingten Faktor bezogen auf historische Lernprozesse. Alexandra Krebs stellt in ihrem Aufsatz ein Forschungsprojekt zum Umgang von Schüler*innen mit Künstlicher Intelligenz vor. Ihre ersten Ergebnisse zeigen, dass es den Schüler*innen besonders schwerfällt, KI-generierte historische Erzählungen zu dekonstruieren und dabei deren spezifische Generierungsbedingungen zu berücksichtigen. Vielmehr sähen sie in den generierten Texten "Supererzählungen", die sich aus einem großen Wissensbestand speisen würden.(188)
Auch der Beitrag von Christina Brüning und Sanna Stegmaier verweist auf Herausforderungen bei der Nutzung digitaler Werkzeuge. In einer Begleitstudie untersuchten die beiden Autor*innen den Umgang von Schüler*innen mit dem interaktiven Zeitzeug*innenbericht der Holocaustüberlebenden Anita Lasker-Wallfisch. Die Antworten wurden dabei nicht durch Künstliche Intelligenz generiert, vielmehr spielte die Software je nach Frage passende Sequenzen des Interviews ein. Der Mehrwert für historisches Lernen blieb gering. Damit ein solcher entstehen könne, seien den Autor*innen zufolge Kontextualisierung, das Einüben von Oral-History-Methoden sowie die Reflexion über Entstehungsbedingungen und Funktion der Interviews notwendig.(216f.)
Der letzte Abschnitt versammelt Untersuchungen zur digitalen Geschichtskultur. Anna-Valeska Strugalla und Sophie Kühnlenz diskutieren die Chancen und Herausforderungen digitaler Sammlungen und Ausstellungen. Sarah Huber untersucht hingegen spezifisch rechte Narrative auf YouTube und in rechten Blogs.
Ein großes Verdienst des Bandes liegt darin, das breite Spektrum der aktuellen Forschung und Theorieentwicklung zum historischen Lernen in einer sich digitalisierenden Welt sichtbar zu machen. Insbesondere die Beiträge zur Veränderung geschichtskultureller Partizipation (Anja Neubert) und zum Umgang mit KI-generierten historischen Erzählungen (Alexandra Krebs) sind wegweisend. Sie zeigen, wie sehr sich der gesellschaftliche Umgang mit Geschichte im Zuge der Digitalisierung verändert. Zugleich verweist der Band auf das weitere Potenzial, die unterschiedlichen Perspektiven zusammenzuführen und grundsätzlich nach Veränderungen des historischen Erzählens und Lernens in einer Kultur der Digitalität zu fragen.
Anmerkungen:
[1] Vgl. u.a. Olaf Hartung / Alexandra Krebs / Johannes Meyer-Hamme (Hgg.): Geschichtskulturen im digitalen Wandel?, Frankfurt am Main 2024; Mia Berg / Andrea Lorenz / Kristin Oswald (Hgg.): Geschichte auf Instagram und TikTok. Perspektiven auf Quellen und Praktiken (= Zeitschrift für Geschichtsdidaktik; 24), Berlin 2025.
[2] Vgl. Felix Stalder: Kultur der Digitalität, Berlin 2016.
[3] Vgl. u.a. Mia Berg / Christian Kuchler (Hgg.): @ichbinsophiescholl. Darstellung und Diskussion von Geschichte in Social Media, Göttingen 2023.
[4] Vgl. Cornelia Chmiel / Lale Yildirim: "Wenn man politisch was reißen will". Agency im geschichtskulturellen Wandel, in: Viola B. Georgi / Martin Lücke / Johannes Meyer-Hamme / Riem Spielhaus (Hgg.): Geschichten im Wandel. Neue Perspektiven für die Erinnerungskultur in der Migrationsgesellschaft, Bielefeld 2022, 385-402.
[5] Vgl. Lale Yildirim: Geschichtskulturelle agency auf dem "Markt der Erinnerungen", in: Michele Barricelli / Lale Yildirim (Hgg.): Geschichtsbewusstsein - Geschichtskultur - Public History. Ein spannendes Verhältnis, Göttingen 2024, 131-150.
Christina Brüning / Alexandra Krebs (Hgg.): Historisches Erzählen in Digitalien. Theoretische Reflexionen und empirische Beobachtungen (= Public History - Angewandte Geschichte; Bd. 27), Bielefeld: transcript 2024, 289 S., zahlr. Abb., ISBN 978-3-8376-7553-5, EUR 45,00
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