Rezension über:

Jukka Korpela: Prince, Saint and Apostle. Prince Vladimir Svjatoslavic of Kiev, his Posthumous Life, and the Religious Legitimization of the Russian Great Power, Wiesbaden: Harrassowitz 2001, 267 S., ISBN 978-3-447-04457-8, EUR 50,11
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Christoph Garstka
Slavisches Institut, Ruprecht-Karls-Universit├Ąt, Heidelberg
Redaktionelle Betreuung:
Hermann Beyer-Thoma
Empfohlene Zitierweise:
Christoph Garstka: Rezension von: Jukka Korpela: Prince, Saint and Apostle. Prince Vladimir Svjatoslavic of Kiev, his Posthumous Life, and the Religious Legitimization of the Russian Great Power, Wiesbaden: Harrassowitz 2001, in: sehepunkte 3 (2003), Nr. 2 [15.02.2003], URL: http://www.sehepunkte.de
/2003/02/1478.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Jukka Korpela: Prince, Saint and Apostle

Textgröße: A A A

Der Verweis auf den ausgeprägten Herrscher- und Zarenkult und seine Fortsetzung im sowjetischen Personenkult ist Bestandteil jeder populärwissenschaftlichen Untersuchung zur russischen Kultur- und Mentalitätsgeschichte. In diesem Zusammenhang gilt die vorbehaltlose Verehrung der zu einem Heiligen oder Übermenschen verklärten Herrscherpersönlichkeit als integrierender Wesenszug eines spezifisch russischen Volkscharakters. Ohne in eine unfruchtbare Diskussion über angeblich "typisch russische Unterwürfigkeit" zu verfallen, wie sie gleichwohl viel zu häufig geführt wurde, bleibt doch festzustellen, dass die Moskauer und Petersburger Machthaber seit der Festigung der Autokratie im 15. und 16. Jahrhundert ein immenses Interesse daran hatten, ihre eigene Position nicht allein durch die faktische Ausübung der Herrschaft zu erweitern, sondern sie besonders auch ideologisch zu überhöhen. Wobei natürlich der erste Punkt in Russland dem zweiten vorausgegangen ist. Doch spätestens seit der Regierungszeit Ivans IV. ist das Bemühen um die erwähnte ideologische Überhöhung des russischen Zarentums und des rjurikidischen Herrscherhauses evident. Sie beinhaltet in der im Mittelalter üblichen Weise eine Verklärung der Vorfahren und die Konstruktion eines in der Weltgeschichte immanent werdenden göttlichen Heilsplan, der an die eigene Herrschaftsausübung gebunden ist.

Hier setzt die Untersuchung Jukka Korpelas über das Leben des Kiever Großfürsten Vladimir Svjatoslavič und dessen posthumen Nachruhm an, indem sie das Phänomen der erst spät einsetzenden Verehrung dieses Fürsten der Kiever Rus' als gezielte Propaganda zur Legitimation der autokratischen Machtansprüche der späteren russischen Zaren begreift. Die aus den Quellen erschließbare tatsächliche Biografie des Großfürsten und die daraus resultierende historische Bedeutung seiner Persönlichkeit entspricht in keiner Weise dem Image, das in der russischen Geschichtsschreibung von diesem "heiligen und apostelgleichen" Herrscher gezeichnet wird. Diese These besticht zunächst nicht durch frappierende Neuheit und rechtfertigt keinesfalls einen immer wieder als störend auffallenden polemischen Sprachgestus des Autors (so gleich in der Einleitung: "Thousands of books and articles about Kievan Rus' have been published in the world, and each and every one of them has repeated what is stated in the Chronicles" (7). Doch Korpela zeigt, und das ist das Verdienstvolle an seiner Untersuchung, warum, wann, wie und mit welchem Resultat die Verklärung des Großfürsten vonstatten ging. Deshalb greifen seine Erkenntnisse weit über die historisch fest umrissene Phase der Christianisierung der Rus' hinaus und geben Aufschlüsse über den im Zusammenspiel von Kirche und Fürst entstehenden autokratischen Charakter des sich herausbildenden Moskauer Staates und über die Genese eines russischen Nationalismus.

Im ersten der fünf größeren Kapitel seines Buches greift Korpela gängige (jedoch keinesfalls derart undifferenzierte!) Wissenschaftsmeinungen über Vladimir und seine Tat auf und widerspricht ihnen in zehn Punkten. Dabei kristallisieren sich zwei Hauptstoßrichtungen heraus: Zunächst gegen die Auffassung, die Taufe Vladimirs stelle ein eindeutiges religiöses Bekenntnis zum griechisch-orthodoxen Ritus gegen die westlich-katholische Lehre dar. Vielmehr sei es eine aus tagespolitischen Erwägungen gewonnene Entscheidung zur Anlehnung an das byzantinische Reich gewesen, wobei der westliche Einfluss gleichwohl in den nächsten zwei bis drei Jahrhunderten noch sehr stark war. So erscheint die Taufe nicht als die welthistorisch bedeutsame Entscheidung, die Russlands Abkehr von (West-)Europa begründete: "The events of the baptism of Rus' (986-989) were not of such historical importance as has usually been claimed, and as the chronicle relates" (12). Zum anderen wendet sich Korpela gegen eine allzu wörtliche Quelleninterpretation. Er macht darauf aufmerksam, dass sich in den Schilderungen der Ereignisse der Taufe der Rus' das Bemühen ihrer Verfasser zur Stilisierung widerspiegelt, um die so erklärte historische Sicht in den jeweils zeitgebundenen religiösen und politischen Disputen als Propagandamittel einzusetzen: "The result is different stories about Vladimir and a new and growing understanding of his historical role - an imaginary Vladimir" (10). Prägend für die Verehrung Vladimirs als Heiliger und Staatsgründer der Rus' sind dabei die Vorgänge im 15. und 16. Jahrhundert, aber auch die Auswirkungen der 900-Jahr-Feier der Taufe Russlands 1888.

Bei einer kritischen Quellenrevision, so Korpela weiter, stelle man sehr schnell fest, dass die einzelnen Zeugnisse viel mehr über die Zeit aussagten, in der sie geschrieben wurden, als über die, die sie beschreiben. Da es keine originären Berichte der Ereignisse im 10. Jahrhundert gebe, müsse man sich stets bewusst machen, dass die uns überlieferten Quellen entscheidende Veränderungen erfahren hätten. Für die wichtigsten russischen Quellen - die "Nestorchronik" und die in ihr enthaltenen Legenden, das "Slovo" Ilarions und die Vita des Hl. Vladimir - verweist Korpela zudem auf die Problematik der nur aus späteren Kopien erhaltenen Textbasis. Nicht allein bei den unterschiedlichen Redaktionen, sondern schon bei einem simplen Kopiervorgang, sei die Vorlage "etwas" verändert und angepasst worden: "I am trying to emphasise that these 'somethings' are not simply mistakes in details, but that the entire concept of the chronicle has probably undergone revision (perhaps on many occasions) because it had to be adjusted from time to time to be in harmony with the world and the facts of each particular occasion or it would have been pointless to copy the text" (37). Leider lässt sich die durchaus berechtigte Vermutung Korpelas nicht zweifellos beweisen.

Im zweiten, dem umfangreichsten Kapitel mit dem Titel "The Historical Vladimir" unternimmt Korpela nun eine detaillierte und kritische Beschreibung des Lebens Vladimirs und seiner Nachfolger in ständiger Abgrenzung zu den besonders in der Nestorchronik geschilderten Sachverhalten. Ausgehend von seiner These einer weitgehenden Stilisierung in den Quellen, beispielsweise einer für Hagiografien typischen Schwarz-Weiß-Zeichnung, versucht der Autor dabei gerade die westlichen Beziehungen und Einflüsse speziell bei den Fürstenhäusern der Rus' herauszustellen, die von den hauptsächlich kirchlichen Interessen verpflichteten Chronisten abgelehnt und verteufelt wurden. Korpela sieht im 11. und 12. Jahrhundert weniger einen innerkirchlichen Kampf zwischen einer russisch-nationalistischen und einer gräkophil eingestellten Geistlichkeit als vielmehr einen beständigen Streit zwischen den eher prowestlich ausgerichteten Fürsten und einem antilateinisch und streng orthodox gestimmten Mönchtum. Hierin sei das Fundament für die Darstellung Vladimirs in den Quellen, aus der die spätere Verehrung erwuchs, zu sehen.

Doch bevor sich eine allgemeine Verklärung Vladimirs als russischer Nationalheld und Heiliger auf breiter Basis durchsetzen konnte, so Korpela weiter in seinem dritten Kapitel "Between East and West without Vladimir", musste erst das Bewusstsein einer eigenständig russischen, von Westeuropa getrennten Kultur erwachsen. Als äußere Faktoren macht der Autor den Mongolensturm aus, aber auch eine zunehmende Entfremdung vom Westen, ausgelöst durch die von Cluny ausgehende "puritanische Erneuerungsbewegung" in der lateinischen Kirche, die schließlich bis zum Häresievorwurf gegen die russisch-orthodoxe Kirche geführt habe. Hier greift Korpela implizit die Westkirche an und schreibt ihr eine erhebliche Mitschuld an der Entstehung eines "Iron Curtain" (148 ff.) zu. Das Werden des Moskauer Staates einerseits und die Herausbildung der Idee einer zentralen Führungsinstanz, die durch eine Person verkörpert wird, andererseits sind letztlich die ausschlaggebenden inneren Faktoren, auf deren Basis der später Kult um Vladimir gedeihen konnte (so im vierten Kapitel "The Revival of Vladimir"). Die kultische Verehrung des mythisierten Staatsgründers und Täufers der Rus' habe nun wiederum ganz konkrete Auswirkungen auf das politische Geschehen. Ihr werden zwei bedeutende Aspekte zugeschrieben: "The final image of St. Vladimir of Moscow has at least two aspects, the heavenly protector of Russia and also the image of new Constantine, i.e., the new Rome symbolism. The first is the national extension and the later one the universal authorization" (190).

Korpelas Arbeit bringt keine neuen Fakten. Das ist auch gar nicht das Ziel des Autors. Er stellt keine neuen Quellen vor, sondern versucht allein eine neue Lesart der bekannten ("to combine them in a new way" [7]). Dabei sträubt er sich gegen eine angeblich auch in der Wissenschaft verbreitete kritiklose Glorifizierung des Kiever Fürsten und seiner Entscheidung, das Christentum für sich und sein Volk anzunehmen. Die Vladimirlegende sei langsam gewachsen, Korpela meint in fünf Stufen, und anschließend hätten die Historiker das komplexe Bild aus den Quellen übernommen und es auf das Leben Vladimirs zurückbezogen. Sicherlich verschwimmt häufig die Beurteilung der Persönlichkeit Vladimirs mit derjenigen der umfassenden historischen Bedeutung der Ereignisse vor dem Jahr 1000.[1] Es ist allerdings eine polemische und nicht ausreichend belegte Überspitzung, deshalb den Forschern mangelnde Quellenkritik vorzuwerfen. Der Sachverhalt einer auf die Taufe Vladimirs rückführbaren historischen Entwicklung Russlands, die nicht eingeschlossen ist in einen wie auch immer gearteten europäischen Zivilisationsprozess, bleibt gleichwohl bestehen. Trotzdem ist Korpelas Buch selbstverständlich eine äußerst anregende und wichtige Analyse zur Entstehung eines russischen Staatsmythos, der als ideologische Waffe bis heute in politischen Kämpfen eingesetzt wird.

Anmerkung:

[1] Siehe beispielsweise Ludolf Müller: Die Bekehrung Wladimirs zum Christentum war ein Ereignis von weltgeschichtlicher Bedeutung, in: Die Taufe Russlands, München 1987, S. 94, sowie die Beiträge in dem gewichtigen Sammelband Tausend Jahre Christentum in Russland, Göttingen 1988.


Christoph Garstka