Rezension über:

Markus Krajewski: Zettelwirtschaft. Die Geburt der Kartei aus dem Geist der Bibliothek (= copyrights; Bd. 4), Berlin: Kadmos 2002, 255 S., ISBN 978-3-931659-29-5, EUR 17,50
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Rezension von:
Armin Heinen
Historisches Institut, Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule, Aachen
Redaktionelle Betreuung:
Martina Heßler
Empfohlene Zitierweise:
Armin Heinen: Rezension von: Markus Krajewski: Zettelwirtschaft. Die Geburt der Kartei aus dem Geist der Bibliothek, Berlin: Kadmos 2002, in: sehepunkte 3 (2003), Nr. 4 [15.04.2003], URL: http://www.sehepunkte.de
/2003/04/1946.html


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Markus Krajewski: Zettelwirtschaft

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Noch findet man sie in den Katalogsälen der Bibliotheken, auf den Schreibtischen der Forscher, in den Büros der Verwaltungen und der Wirtschaftsunternehmen: Zettelkästen, metallene oder hölzerne Schubladen, gefüllt mit rechteckigen, beschriebenen Kartonagen, ungeliebte, gleichermaßen unentbehrliche Verwalter von Informationen. Dass sie Fortschritt markierten, auf Ausdehnung angelegt waren, gleichsam die Moderne und die Rationalität symbolisierten, den Versuch, die Welt zu erfassen und jedem Phänomen seinen Ort zuzuweisen, und zwar immer so, dass neue Orte hinzukommen konnten, daran erinnert die Berliner Studie Martin Krajewskis.

Welch ein Versprechen also 1929: "Karteien können alles"! Sie erschien in der "Zeitschrift für Organisation". Dabei hatte das Zettel-Erstellen, das Abtrennen von Informationseinheiten zu einzelnen, beliebig verschiebbaren Elementen bereits eine lange Tradition, der man sich freilich nicht bewusst war oder die man bewusst verschwieg. Krajewski spürt die Traditionslinien auf in den Papierschnipseln Konrad Gessners (1516-1665), die nichts Geringerem dienten als dem Erstellen eines den Wissensstand seiner Zeit abdeckenden, die Inhalte umfassend erschließenden Buchkatalogs. Noch dienten die Zettel als flexible "Zwischenspeicher" für das eigentlich intendierte Produkt, für die gebundene, linear aufgebaute Publikation.

Erst um 1800 erfolgte die Trennung der Aufgabenbereiche: Zwischenprodukt, Hilfsmittel der Narration, also Exzerptordner einerseits, selbstständiger, auf Dauer angelegter Speicherort strukturierter Informationen andererseits. Dabei erfolgte die Entdeckung des Zettelkastens als Verwaltungsmaschine nicht zufällig im aufgeklärten Österreich Maria Theresias und Josephs II. Hier diente der Zettelkasten als Mittel der Konskription von Soldaten und der Beherrschung der Bücherflut, die nach der Säkularisierung der Klöster in Wien eintraf. Freilich, noch erfolgten die Einträge in der Wiener Hofbibliothek auf großen Blättern, und noch wurden diese in Katalogkapseln aufgehoben, mit dem Ziel, einen gedruckten Katalog zu erstellen. Und nur der schiere Umfang, die Größe und die Weltereignisse sorgten dafür, dass es beim Provisorium blieb.

Es bedurfte weiterer "Erfindungen", nun freilich im dynamischeren Nordamerika, um den Zettelkatalog zur "universalen Papiermaschine" zu machen. Die Entdeckung des Zettels als Katalogisierungsinstrument in den USA war nicht etwa das Ergebnis eines Kulturtransfers aus Europa, sondern Resultat begnadeter Faulheit. Joseph Green Cogswell hatte den Auftrag, die Bibliothek der Harvard University zu verzeichnen. Ihm gefiel das Nichtstun, und erst als ihm nichts anderes übrig blieb, als in kurzer Zeit ein Nachweisinstrument vorzulegen, begann er, den alten gedruckten Katalog zu zerschneiden und um eigene Zettel zu ergänzen. Neuerlich scheiterte der Versuch, aus dem vorhandenen Material einen handhabbaren gedruckten Katalog zu erstellen, und jetzt entstand der bibliothekarische Zettelkasten, wie wir ihn kennen: mit hölzernen Schubladen, gefüllt mit Papierschnipseln immer gleicher Größe, normierten Flächen zum Eintragen spezifischer Informationsinhalte und zusammengehalten durch ein Drahtseil entlang der Löcher in den Zettelchen. 1870 verfügte die Harvard University über ihren ersten, vollständigen, modernen Zettelkatalog.

In diesen Jahren entdeckte der junge Assistenzbibliothekar Melvil Dewey, welch Potenzial in der Normierung des Katalogisierungsvorganges und der Katalogisierungsgegenstände steckte, und er gründete seine eigene Firma, genannt Library Bureau, die die Bibliotheken zu günstigen Preisen mit Kästen, Reitern, Kartons und allem Sonstigen, was der Katalogisierung diente, ausstatten sollte. So brillant die Idee war, so lässig wurde die Buchführung durchgeführt, was zu mehrmaligen Insolvenzen führte. Und erst als die Sekretärin vorschlug, das Karteikartenprinzip auf die Finanzverwaltung zu übertragen, besserte sich der Umgang mit dem Geld und somit das Einkommen Deweys. Damit hatte die Firma einen vierten zukunftsträchtigen Anwendungsbereich für den Zettelkasten entdeckt, den Markt der Versicherungen, Banken und Wirtschaftsunternehmen. Der Zettelkasten wurde zum Synonym für Zeitersparnis, Transparenz und rationale Verwaltung und kehrte mit dem Siegeszug des Taylorismus nach Europa zurück.

Krajewski schildert den aufhaltsamen Siegeszug des Zettelkastens kurzweilig, brillant, immer wieder mit Lust an der Formulierung. Freilich muss man sich auf den Text einlassen, langsam lesen, die Metaphern entschlüsseln, die Fremdwörter ertragen und über jenes Allgemeinwissen verfügen, mit dem der Autor spielt. Literatur- und Informationswissenschaft unterfüttern seine Darstellung, Mathematik und Bibliothekswissenschaft werden zitiert, Informatik und Philosophie.

Wer sich einlässt auf den Jargon, auf die Bildsprache des Autors, wird entschädigt durch eine Geschichte erfolgreichen Scheiterns, denn keine der großen Neuanwendungen für den Zettelkasten war intendiert. Der technische Fortschritt resultierte aus dem Unvermögen, überlieferten Ansprüchen zu genügen. Die Faulheit als Motor Zeit sparenden Tuns, hier wird sie als Antrieb der Geschichte greifbar. Gleichwohl bleibt die Darstellung für eine kulturwissenschaftliche Analyse überraschend einseitig. Denn gewiss interessiert den Verfasser die Genese der Zettelwirtschaft, nicht aber deren Prägungen in den Gehirnwindungen der Nutzer.

Ein letzter Test auf das Gelesene endet wieder positiv. Das Internet als universale Informationsmaschine, nach der Datenbank der endgültige Totengräber des Zettelkastens, hebt den Unterschied zwischen Adressierung und Textstandort auf und macht über flüchtige elektrische Ströme drei lesenswerte Rezensionen zu Krajewskis Buch zugänglich. [1]

Anmerkung:

[1] <http://www.bibliothek-saur.de/preprint/2002/hapke_zettel.pdf>, <http://iasl.uni-muenchen.de/rezensio/liste/kammer.html>, <http://www.nzz.ch/2002/06/19/fe/page-article83FLA.html>.


Armin Heinen