Rezension über:

Reimund Haas / Reinhard Jüstel (Hgg.): Kirche und Frömmigkeit in Westfalen. Gedenkschrift für Alois Schröer, Münster: Aschendorff 2002, 362 S., ISBN 978-3-402-03840-6, EUR 39,90
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Rezension von:
Hans Peterse
Osnabrück
Redaktionelle Betreuung:
Stephan Laux
Empfohlene Zitierweise:
Hans Peterse: Rezension von: Reimund Haas / Reinhard Jüstel (Hgg.): Kirche und Frömmigkeit in Westfalen. Gedenkschrift für Alois Schröer, Münster: Aschendorff 2002, in: sehepunkte 3 (2003), Nr. 4 [15.04.2003], URL: http://www.sehepunkte.de
/2003/04/2556.html


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Reimund Haas / Reinhard Jüstel (Hgg.): Kirche und Frömmigkeit in Westfalen

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Am Ende seines Beitrags über die kirchliche und religiöse Lage im Bistum Minden am Vorabend der Reformation greift Hans Jürgen Brandt eine alte, bis auf den heutigen Tag nicht beantwortete Streitfrage der Geschichtsschreibung auf, die nämlich, wie das Spätmittelalter in religiöser Hinsicht zu beurteilen ist: "War das Spätmittelalter der 'Herbst des Mittelalters', das Sterben einer verbrauchten Kirche und Kultur, auf das als Frühling einer neuen Zeit die Reformation folgte? Oder war das Spätmittelalter genau das Gegenteil, ein religiöser Frühling, über den sich wie ein eisiger Raureif die Reformation legte?" (15). Brandt ist der Meinung, dass sich die spätmittelalterliche Kirche in Minden in einem vorbildlichen Zustand befunden habe. Die Reformation brachte den Mindenern nichts Neues, was sie nicht schon gehabt hätten, sei es eine deutsche Bibel, sei es eine Kirchenordnung auf der Höhe der Zeit. Brandt beschließt seinen Aufsatz mit der provokanten These, dass die Bürger Mindens sich eben deshalb so schnell der Reformation öffneten, weil sie dank der spätmittelalterlichen Kirche ein hohes Maß an religiöser Aufgeschlossenheit besaßen.

Brandt ist einer von insgesamt 21 Autoren, die sich in dieser Gedenkschrift für den am 17. Februar 2002 verstorbenen Alois Schröer mit dem Thema "Kirche und Frömmigkeit in Westfalen vom Frühmittelalter bis ins 20. Jahrhundert" auseinandersetzen. Die Mehrzahl der Beiträge bezieht sich auf die Frühe Neuzeit. Neue Wege gehen vor allem diejenigen Autoren, die ihre Darstellung auf Quellenforschungen gründen. Drei Beiträge haben ein explizit hagiographisches Thema: Reinhard Jüstel schreibt über die vier heiligen Marschälle des Bistums Münster, Georg C. M. Rabeneck über Verehrung, Bildwerk und Tracht des Heiligen Liudger zu Werden an der Ruhr und Manfred Wolf über die Legende von Sankt Reinhildis zu Riesenbeck. Diese Aufsätze befinden sich im letzten Teil des Bandes, der der religiösen Volkskunde gewidmet ist. Die übrigen Teile sind chronologisch gegliedert: Mittelalter - Reformation und innerkirchliche Reform - Neuzeit.

Wilhelm Kohl stellt in seinem Beitrag seine beträchtlichen Kenntnisse über die sächsischen Frauenklöster unter Beweis. Er befasst sich mit der Gründung dieser Frauenklöster um die Mitte des 9. Jahrhunderts und betrachtet sie im politischen Kontext der damaligen Zeit. Die Gründung folgte unmittelbar auf den politischen Machtkampf zwischen den fränkischen Königen Lothar, Ludwig und Karl (841-843) und die damit in Zusammenhang stehende Erhebung der sächsischen Bauern gegen ihre Herren. Für die Bemühungen der Kirche, das Land zu christianisieren, bedeuteten die Ereignisse einen herben Rückschlag. Kohl beschreibt, wie mit der Gründung der Frauenklöster die Macht des fränkischen und sächsischen Adels gegenüber dem widerspenstigen Volk zum Ausdruck gebracht werden sollte. Jedoch spürt Kohl gleichzeitig den tieferliegenden Motiven für die Errichtung der Klöster nach. Er weist nach, dass die Sorge um das Seelenheil der Ahnen dabei eine ebenso bedeutende Rolle gespielt hat wie die Machtentfaltung.

Der bemerkenswerteste Beitrag in diesem Band stammt ohne Zweifel von Manfred Becker-Huberti. Vor etwa dreißig Jahren ließ er in der Bibliothek der Philosophisch-Theologischen Hochschule der Franziskaner und Kapuziner in Münster ein Buch mit dem Titel "Christliches Mitleyden / Oder Vier Trewhertzige kurtze Erinnerung / von jetziger grawsamer veränderung in Teutschlandt" des Franziskaners Zacharias Kirchgesser aus dem Jahre 1635 fotografieren. Das Buch, das aus vier Predigten zusammengestellt ist, thematisiert die Folgen des Krieges für Deutschland. Heute ist das Werk nicht mehr auffindbar und existiert nur noch als die Kopie, die Becker-Huberti hat anfertigen lassen. Er stellt den Inhalt der vier Predigten ausführlich dar und befasst sich gleichzeitig mit der Biografie Kirchgessers. Dieser geißelt in seinen Predigten die Lage der Nation. Für das Elend, das über die Deutschen hineingebrochen ist, macht er nicht nur die Häresie der Protestanten, sondern auch die Lebenshaltung katholischer Fürsten und Geistlichen verantwortlich. Kirchgesser ist ein Zeitzeuge des Dreißigjährigen Krieges, sein Buch eine beeindruckende Lektüre.

Harm Kluetings Aufsatz "Zur reformierten Konfessionalisierung des 16. Jahrhunderts in Westfalen" enthält einen ausführlichen Überblick über die in der Forschung kontrovers geführte Debatte bezüglich der Konfessionalisierung in der Frühen Neuzeit. Klueting skizziert die unterschiedlichen Positionen in seinem reichhaltig dokumentierten Beitrag auf klare Art und Weise. Als dezidierter Gegner der Theorie einer "Zweiten Reformation" macht er keinen Hehl daraus, wo er selbst in dieser Debatte steht. Erst am Ende seines Beitrags spricht er über die Entfaltung eines reformierten Kirchenwesens in Westfalen - ein Thema, das einen Schwerpunkt seiner Forschungen bildet. Kluetings Thesen sind anregend und provokativ im positiven Sinne des Wortes, was auch seine Kontrahenten anerkennen müssen. Es ist zu hoffen, dass diese Thesen auch im Hinblick auf die anderen Territorien des Reiches zum Gegenstand der Forschung werden.

Es ist im Rahmen dieser Rezension unmöglich, alle 21 Autoren zu nennen, geschweige denn, den Inhalt ihrer Beiträge gebührend zu würdigen. Jedoch stellt der Rezensent fest, dass die einzelnen Arbeiten sich nahtlos in die Tradition Schröers einfügen, und das ohne Ausnahme. Diese Feststellung ist ein wohl gemeintes Kompliment. Reimund Haas und Reinhard Jüstel gebührt zum Schluss das Verdienst, ihre editorischen Aufgaben vorbildlich erledigt zu haben.


Hans Peterse