Rezension über:

Hadrien Bru: Le pouvoir impérial dans les provinces syriennes. Représentations et célébrations d'Auguste à Constantine (31 av. J.-C. - 337 ap. J.-C.) (= Culture and History of the Ancient Near East; Vol. 49), Leiden / Boston: Brill 2011, XXIII + 366 S., 50 Farbabb., ISBN 978-90-04-20363-1, EUR 143,00
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Rezension von:
Michael A. Speidel
MAVORS-Institut für antike Militärgeschichte, Basel / Universität Bern / Universität Zürich
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Michael A. Speidel: Rezension von: Hadrien Bru: Le pouvoir impérial dans les provinces syriennes. Représentations et célébrations d'Auguste à Constantine (31 av. J.-C. - 337 ap. J.-C.), Leiden / Boston: Brill 2011, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 11 [15.11.2012], URL: http://www.sehepunkte.de
/2012/11/20825.html


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Hadrien Bru: Le pouvoir impérial dans les provinces syriennes

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Die militärischen Operationen des Gnaeus Pompeius im Osten und die Einrichtung der provincia Syria hatten weitreichende und langfristige Folgen sowohl für die unterworfenen Gebiete und den gesamten Nahen Osten als auch für das übrige Römische Reich. Denn die vielschichtigen Integrationsprozesse, die sie auslösten und die seit der Alleinherrschaft des Augustus eine neue Qualität und Dynamik annahmen, brachten viele tiefgreifende Änderungen in wichtige Bereiche des Alltags der Betroffenen. Wesentlicher Teil der Integration waren dabei die verschiedenen, herrschaftssichernden Spielarten von Macht. Hinter dem langfristigen Erfolg der römischen Herrschaft stand aber schon bald nach Abschluss der militärischen Eroberung keineswegs in erster Linie oder gar ausschließlich Zwang durch rohe Gewalt oder ein System von Drohung und Belohnung, sondern vielmehr eine imperiale Macht, die in erster Linie durch den Kaiser verkörpert wurde, und die auf Autorität und Akzeptanz gründete. Diese Macht manifestierte sich auf verschiedenste Weise sowohl etwa in Denkmälern, Bildern, Bauwerken und Inschriften als auch in symbolischen Praktiken und rituellen Handlungen.

Hadrien Bru hat unter der Leitung von Maurice Sartre, dem großen französischen Kenner des römischen Nahen Ostens, seine "thèse de doctorat" an der Université de Franche-Comté (2005) den Bildern, Symbolen, Anlässen und Zusammenhängen gewidmet, die im antiken Großraum Syria als Manifestationen dieser Macht die kaiserliche Herrschaft und die Zugehörigkeit zum Römischen Reich zum Ausdruck brachten. Als "syrische Provinzen" gelten dem Verfasser neben der eigentlichen (erst im Jahre 194 zweigeteilten) provincia Syria offenbar der gesamte Nahe Osten von Nordmesopotamien bis zur nabatäischen, später (ab 106 n.Chr.) römischen Arabia. Seine Arbeit schließt einerseits an jene neueren kulturgeschichtlichen Forschungen an, die aus verschiedenen Blickwinkeln in einem bestimmten Untersuchungsgebiet den welthistorischen Integrationserfolg des kaiserzeitlichen Römischen Reiches untersuchen sowie andererseits an jene, die dem Phänomen der Macht in der kaiserzeitlichen römischen Kultur gewidmet sind.

Eine knappe Einleitung von 14 Seiten erörtert die Prämissen und klärt Fragen der Terminologie. Sie dient der Darlegung der theoretischen und methodischen Grundlagen der Arbeit, die in besonderem Maße von den Werken Paul Veynes und den Forschungen von Maurice Sartre inspiriert sind. Aber auch Arbeiten von C. G. Jung zum Unbewussten werden zur Analyse der Wirkung von Bildern auf ihre Betrachter herangezogen (und auf Seite 8 kritisiert!). Dagegen bleiben einflussreiche Arbeiten aus der Soziologie zur Macht (etwa von Max Weber, Michael Mann oder Heinrich Popitz) oder der Politikwissenschaften zum Wesen von Imperien (z.B. von Michael Doyle oder Herfried Münkler) ungenannt.

Der erste Hauptabschnitt der Arbeit ist den physischen und für die damalige Bevölkerung der Region sichtbaren Repräsentationen kaiserlicher Macht sowie ihrem Verhältnis zum syrischen Raum gewidmet. Dabei kommen vor allem Inschriften, Bauten und Bauwerke aus Syrien und den angrenzenden Ländern zur Sprache, in denen der römische Kaiser in verschiedenen Funktionen als Handelnder oder Handlungsmächtiger erscheint oder präsent ist, etwa als übernatürlicher oder irdischer Beschützer und Beherrscher des Raums und der Natur, als Herr der inneren und äußeren Grenzen und der Übergänge (Brücken und Bögen), als Beherrscher und Spender von Wasser (Kanalbauten, Nymphäen, Badeanlagen, Trinkwasserversorgung) sowie als Herr der kaiserlichen Domänen. Auch die finanzielle Beteiligung des Kaisers an städtischen Bauvorhaben, die zur Schönheit und Bedeutung der Städte beitrugen, werden als wichtiger kaiserlicher Beitrag zum idealen Stadtbild und zum Stolz der Stadtbewohner besprochen. Den Abschnitt schließt ein Kapitel zu den bisher bekannt gewordenen Tempeln und Heiligtümern des Kaiserkultes.

Der zweite Hauptabschnitt untersucht religiöse, politische und künstlerische Repräsentationen der kaiserlichen Macht. Ausgehend von der Angleichung der Götter- und Kaiserbildnisse, geht es hier zunächst um die Formen der Vermischung von Götter- und Kaiserkult. Weitere Kapitel behandeln Verbindungen der kaiserlichen Herrschaft mit Ausdrücken der Ewigkeit, die Wirkung der kaiserlichen Namen und Beinamen und sogar der "prophylaktischen" Namen römischer Kriegsschiffe in Seleukeia Pieria. Den Schluss dieses Abschnitts bildet ein Kapitel zu den Statuen des Kaisers.

Der dritte Hauptteil, schließlich, ist den zahlreichen Spielen, Wettkämpfen und Festen sowie ihrer Instrumentalisierung im Rahmen des Kaiserkults gewidmet, bzw. der auf die syrischen Provinzen angewandten "Theologie des kaiserlichen Sieges". Thema ist die Nutzung solcher Veranstaltungen zugunsten der Festigung der kaiserlichen Römischen Herrschaft, darunter auch im supraregionalen Rahmen der Eparchien und koina. Auch die Einführung des Kaiserkultes in den abhängigen Königreichen der Region und nach ihrer Unterwerfung unter direkte römische Herrschaft, wird thematisiert. Schließlich erörtert Bru die für diese Veranstaltungen in organisatorischer und religiöser Funktion Verantwortlichen. Es folgt eine Zusammenfassung des Buches auf nur zweieinhalb Seiten, eine Liste der Kaiser, die Syrien besucht haben sowie außerordentlich nützliche, ausführliche Verzeichnisse und Register.

Bru gelingt es, dem Leser die Vielzahl und die Vielfalt der Repräsentationen kaiserlicher römischer Macht und ihre Bedeutung für die Festigung der römischen Herrschaft ebenso zu verdeutlichen wie das Ausmaß, in dem die Bewohner des untersuchten Raumes täglich und bei wiederkehrenden Anlässen solchen Repräsentationen begegneten. In diesem Sinne ist die Arbeit auch ein wichtiger Beitrag zur Integration des antiken Nahen Ostens ins Römische Reich. Methodisch geht Bru dabei ähnlich vor wie teils vergleichbar gelagerte (aber nicht zitierte) Arbeiten, die solche Erscheinungen im Westen des Reiches untersuchen. [1] Vergleiche wären deshalb möglich und besonders willkommen gewesen.

Auch einige Ungereimtheiten sind zu finden: Obwohl Bru bereits auf S. 9 festhält, Roms Herrschaft der Kaiserzeit habe in erster Linie auf einem "consensus" beruht, während das Militär nur in Notfällen eingegriffen habe, finden sich auf den folgenden Seiten immer wieder Einschätzungen, nach denen die kaiserliche römische Herrschaft von militärischer Natur gewesen sei (z.B. 15 n. 68. 137. 188. 201. 319. Auf Seite XVIII wird die römische Gesellschaft als "militarisée" bezeichnet). Was genau der Autor darunter versteht und wie sich diese Aussage mit der Vorstellung eines "consensus" vereinbaren lässt, bleibt unbesprochen. Das besprochene Material einschließlich der jeweils dazu zitierten Literatur ist außerordentlich reichhaltig. Es kann deshalb nicht verwundern, wenn nicht sämtliche Einzelheiten die Zustimmung jedes Lesers finden werden, und wenn nicht alle Bücher und Artikel, die man vielleicht erwartet hätte, in der Bibliographie erscheinen. [2] Auch lässt der Haupttitel des Buches eine Beschäftigung nicht nur mit den Repräsentationen, sondern auch mit den Repräsentanten der kaiserlichen Macht und ihrem Austausch mit der Bevölkerung erwarten, zumal der Präsenz römischer Kaiser in Syrien immerhin ein Appendix gewidmet ist. Doch diese Zusammenhänge sucht man vergeblich.

Insgesamt hat Bru jedoch ein material- und kenntnisreiches, aber auch anregendes Werk vorgelegt, das einen wichtigen Beitrag zur Bedeutung des Kaisers und seiner Repräsentationen im römischen Nahen Osten und zur Integration des Reiches liefert.


Anmerkungen:

[1] Beispielsweise Greg Woolf: Becoming Roman. The Origins of Provincial Civilization in Gaul, Cambridge 1998. Louise Revell: Roman Imperialism and Local Identities, Cambridge / New York 2009.

[2] Unverständlich ist allerdings das Fehlen von K. Butcher: Roman Syria and the Near East, Los Angeles 2003.

Michael A. Speidel