Rezension über:

Jeffrey Koerber: Borderland Generation. Soviet and Polish Jews under Hitler, Syracuse: Syracuse University Press 2020, XIV + 421 S., ISBN 978-0-8156-3619-9, USD 80,00
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Rezension von:
Alexander Friedman
Universität des Saarlandes, Saarbrücken
Redaktionelle Betreuung:
Christoph Schutte
Empfohlene Zitierweise:
Alexander Friedman: Rezension von: Jeffrey Koerber: Borderland Generation. Soviet and Polish Jews under Hitler, Syracuse: Syracuse University Press 2020, in: sehepunkte 23 (2023), Nr. 6 [15.06.2023], URL: https://www.sehepunkte.de
/2023/06/38189.html


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Jeffrey Koerber: Borderland Generation

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Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 instrumentalisiert der Kreml den nationalsozialistischen Judenmord, um seinen Angriffskrieg zu rechtfertigen. Obschon Moskau die russischen Truppen zu "Befreiern von ukrainischen Nazis" stilisiert, werden, zum Beispiel in Kijyv und Charkiv, Holocaustdenkmäler angegriffen. 77 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs müssen Holocaustüberlebende aus der Ukraine nach Deutschland oder nach Israel fliehen. Diese Menschen gehören zur Borderland Generation, deren sich der US-amerikanische Historiker Jeffrey Koerber in seiner Studie annimmt.

Der Verfasser befasst sich mit der "zerstörten Generation", mit den zwischen den Weltkriegen geborenen jüdischen Menschen aus Polen und der UdSSR, deren Alltag, Identitäten und Lebenswelten als Jugendliche und deren dramatische Erfahrungen mit dem Stalinismus und Nationalsozialismus am Beispiel von Vitebsk (Vicebsk) in der Belarussischen Sozialistischen Sowjetrepublik und Grodno (Hrodna) im polnischen Westbelarus exemplarisch analysiert werden. Die Studie umfasst den Zeitraum zwischen 1933 und 1948.

Zunächst wird im ersten Kapitel die Sowjetisierung des jüdischen Lebens in der "roten Stadt" Vitebsk beleuchtet, die einerseits zur Zerstörung der traditionellen Lebensweise führte sowie die Assimilierung jüdischer Menschen begünstigte und andererseits vielen von ihnen einen sozialen Aufstieg in der UdSSR ermöglichte. Sowjetisch sozialisiert und gerade durch die Schulbildung im kommunistischen Staat maßgeblich beeinflusst, wendeten sie sich nach und nach von der jiddischen Kultur und Sprache ab. Bis zum deutschen Überfall auf die UdSSR war ihre Russifizierung weit fortgeschritten. Offiziell verboten und bekämpft, war der Antisemitismus auch in der sowjetischen Gesellschaft fest verankert.

Militanter Antisemitismus, vielfältige Formen der Diskriminierung sowie geringe Aufstiegsmöglichkeiten gepaart mit einer relativen Freiheit der kulturellen, politischen und religiösen Betätigung kennzeichneten hingegen das Leben junger jüdischer Menschen in Grodno vor der sowjetischen Okkupation 1939. Dadurch konnten sie eine stärkere jüdische Identität entwickeln, die vielfältig ausgeprägt war. Im Gegensatz zu Vitebsker Juden und Jüdinnen waren ihre Kontakte mit dem nichtjüdischen Umfeld eher eingeschränkt.

Eine wichtige Bedeutung kommt in der Studie der Zeit zwischen dem Hitler-Stalin-Pakt und dem deutschen Überfall auf die UdSSR zu: Koerber beleuchtet die Sowjetisierung des jüdischen Lebens in Grodno, die zur Zerschlagung nichtkommunistischer jüdischer Gruppen führte, und geht unter anderen auf die repressive sowjetische Politik ein, die sich in Massendeportationen manifestierte. Im nächsten Schritt werden die deutsche Okkupation von Vitebsk und Grodno, der Judenmord in diesen Städten und das Schicksal von Holocaustüberlebenden dargestellt, die nach dem Krieg nach Vitebsk zurückgekehrt waren oder die - wie nicht selten im Falle Grodnos - als ehemalige polnische Staatsbürger:innen die Sowjetunion verlassen und nach Polen auswandern konnten.

Während Grodno schon gleich nach dem deutschen Überfall auf die UdSSR von der Wehrmacht besetzt worden war, hatten jüdische Menschen in Vitebsk fast drei Wochen Zeit, um die Stadt zu verlassen. Aufgrund ihrer vom Leben in der Sowjetunion geprägten Erfahrungen und Kontakte und ihrer Vernetzung im nichtjüdischen Umfeld hatten Juden und Jüdinnen aus Vitebsk bessere Chancen, den Holocaust zu überleben und sich an den postsowjetischen, von Antisemitismus geprägten Alltag anzupassen. In Grodno gab es hingegen besonders enge Verbindungen zwischen den jüdischen Menschen. Im Hinblick auf die Rettung der jüdischen Bevölkerung unterscheidet der Verfasser zwischen zwei grundsätzlich unterschiedlichen Ansätzen: "Those born in Grodno looked to each other when facing a mortal threat, whereas their contemporaries from Vitebsk reconstructed their sense of self in their attempts to reach safety" (272).

Koerber hat eine lesenswerte Studie verfasst, die sowohl in methodischer als auch in inhaltlicher Hinsicht überzeugt. Die Untersuchung beruht auf diversen Quellen aus Archiven in Belarus, Polen, den USA und Israel. Darüber hinaus wurden umfangreiche Pressebestände ausgewertet, ebenso zahlreiche Interviews mit Zeitzeugen und Zeitzeuginnen. Gerade im Hinblick auf die zunehmende Abschottung in Belarus erscheinen die Quellen besonders wertvoll, denn der freie Zugang westlicher Historiker zu belarussischen Archiven ist in absehbarer Zeit eher unwahrscheinlich.

Alexander Friedman