Rezension über:

Johannes Plagemann / Henrik Maihack: Wir sind nicht alle. Der Globale Süden und die Ignoranz des Westens, München: C.H.Beck 2024, 224 S., ISBN 978-3-406-80725-1 , EUR 18,00
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Pai-Li Liu
Ludwig-Maximilians-Universität München
Redaktionelle Betreuung:
Empfohlene Zitierweise:
Pai-Li Liu: Rezension von: Johannes Plagemann / Henrik Maihack: Wir sind nicht alle. Der Globale Süden und die Ignoranz des Westens, München: C.H.Beck 2024, in: sehepunkte 24 (2024), Nr. 3 [15.03.2024], URL: https://www.sehepunkte.de
/2024/03/39074.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Johannes Plagemann / Henrik Maihack: Wir sind nicht alle

Textgröße: A A A

Was unter dem Globalen Süden zu verstehen ist, wandelt sich im Laufe der Zeit. Der US-amerikanische Aktivist der Neuen Linken, Carl Oglesby, führte den Begriff 1969 in einem Anti-Vietnamkriegs-Essay ein. Damit bezeichnete er die große Mehrheit der ehemals kolonialisierten Territorien, die weiterhin unter der politischen, wirtschaftlichen und militärischen Vorherrschaft der westeuropäischen Industriestaaten und des US-amerikanischen Neokolonialismus leiden würden. Ein Jahrzehnt später betrachtete die Nord-Süd-Kommission unter Willy Brandt den Globalen Süden als gleichberechtigten Partner des Nordens im Kampf gegen Armut, Hunger, Überbevölkerung und Umweltverschmutzung. Im Zeitalter der Globalisierung präsentierte sich der Globale Süden als aktiver Mitgestalter der weltwirtschaftlichen Arbeitsteilung unter der Regie der neoliberalen Marktwirtschaft. Gleichzeitig sprachen kritische Sozialwissenschaftler von einem Globalen Süden, der über geografische Grenzen hinausging. Gemeint waren jene Menschen, die sich zwar an der globalen Ökonomie beteiligten, aber von materiellem Wohlstand und Teilhabe an der Macht ausgeschlossen waren. [1] Unabhängig davon, in welchem Kontext der Begriff des Globalen Südens verwendet wird, bezieht er sich im Wesentlichen auf eines: das Framing des Anderen und die Verortung des Selbst.

In ihrer Studie problematisieren Johannes Plagemann und Henrik Maihack die Beziehungen zwischen dem Westen ("wir") und dem Globalen Süden vor dem Hintergrund der vielfältigen Krisenlagen der heutigen Welt. Teile des Buches sind Forschungsergebnisse des DFG-Projekts "Legitime Multipolarität" von 2018 bis 2023. In der Einleitung machen beide Politikwissenschaftler ihre Grundannahme explizit: Der hegemoniale Alleingang des Westens bei der globalen Regelsetzung und beim Krisenmanagement werde "endgültig" (21) in Frage gestellt. Gerade viele Staaten des Globalen Südens würden in der Multipolarität ein "emanzipatorisches Versprechen" (22) für größere Handlungsspielräume in der internationalen Politik sehen. Wie es zu einem "Epochenbruch" (21) von einer bi- beziehungsweise unipolaren zu einer multipolaren Welt kam und wie dabei unterschiedliche Geschichtsverständnisse des Westens beziehungsweise des Globalen Südens eine entscheidende Rolle spielten, zeigt das Buch. Freilich läuft eine schematische West-Süd-Unterscheidung Gefahr, die Diversität nicht-westlicher Staatengruppen zu vernachlässigen.[2] Dennoch sehen die Autoren im Begriff des Globalen Südens einen analytischen Vorteil für die "größte Neuorientierung deutscher Außen- und Sicherheitspolitik seit dem Ende des Kalten Krieges" (24): die Realitäten einer multipolaren Welt anzuerkennen und pragmatische Grundlinien für den Umgang damit herauszuarbeiten.

Zu den Staaten des Globalen Süden zählen die Autoren alle Länder Asiens (einschließlich Chinas), Afrikas, des Nahen und Mittleren Ostens sowie Lateinamerikas, nicht aber Russland, "andere Staaten Osteuropas" (12), Südkorea, Japan, Neuseeland und Australien. Diese Kategorisierung wird historisch begründet. So beginnt das erste Kapitel mit einer Analyse der widersprüchlichen historischen Erfahrungen im Westen und im Globalen Süden. Anknüpfend an postkoloniale Geschichtsnarrative stellen die Autoren das eurozentrische Verständnis von Aufklärung, Modernisierung und liberaler Marktwirtschaft als Norm der Weltgeschichte in Frage. Demgegenüber seien die Geschichtsbilder des Globalen Südens vor allem durch die gemeinsame traumatische Erfahrung geprägt, vom Westen kolonialisiert, ausgebeutet, diskriminiert und dominiert worden zu sein. Dies war und ist ein Grundkonsens seit der Bandung-Konferenz von 1955, der die Staaten des Globalen Südens verband, aber vom Westen jahrzehntelang ignoriert wurde. Die "Bruchlinien im historischen Verständnis" (31) haben die unterschiedliche Wahrnehmung internationaler Politik determiniert. Am Beispiel von Kenia und Bangladesch zeigen die Autoren im zweiten Kapitel auf, warum eine multipolare Welt gerade vom Globalen Süden bevorzugt wird. Denn Multipolarität und außenpolitischer Pragmatismus bewirken größere Handlungsspielräume und den Schutz der eigenen Autonomie im internationalen Machtwettbewerb. Im dritten Kapitel wird anhand von vier Krisen (globaler Pandemie, Klima, Schulden und Korruption) veranschaulicht, wie westliche Alleingänge im Umgang mit globalen Krisen immer wieder historische Kränkungen des Globalen Südens auslösten und damit auf Unbehagen und Abwehr stießen. Das letzte analytische Kapitel greift diese Problematik auf und plädiert für einen inklusiveren, demokratischeren Entscheidungsmechanismus in der Internationaler Politik. Die Ignoranz des Westens zu überwinden, bedeutet insofern, die Multipolarität der heutigen Welt anzuerkennen und anzustreben sowie eine "pragmatische, themenorientierte" (222) Allianzpolitik zu betreiben, statt sich in die Lagerbildung zwischen Demokratie und Autokratie zu verstricken.

Die Lesbarkeit des Buches verdankt sich der übersichtlichen Gliederung, dem laienfreundlichen Schreibstil und der sachkundigen Wiedergabe des persönlichen Meinungsaustauschs beider Autoren mit ihren Gesprächspartnern des Globalen Südens. Ihre Thesen sind schlüssig nachvollziehbar, da sie empirische Evidenzen aus Sekundärliteratur, Medienberichten und Umfrageergebnissen plausibel arrangieren. Auch die konstruktiven Vorschläge im Schlusskapitel stärken die Verlässlichkeit und Sachlichkeit des Buches, wobei der Westen vielleicht etwas zu selbstkritisch als "Gesellschaften der Täter" (60) bezeichnet wird. Für Historiker lohnt sich die Lektüre, weil die Autoren konsequent auf die geschichtswissenschaftliche Forschung zurückgreifen und den Zusammenhang zwischen vergangenen Erfahrungen und gegenwärtiger Politikgestaltung im Globalen Süden illustrieren. Gerade hier liegen aber fragwürdige Punkte. Es stellt sich die Frage, ob eine Dichotomie zwischen dem Westen und dem Globalen Süden für die Erklärung globaler Verflechtungen aussagekräftig ist. Die moderne Welt war und ist voller Hybriditäten. Auch Ausbeutung und Unterdrückung konnten und können immer multisektional sein. Darauf hinzuweisen ist kein akademischer Zynismus. Denn eine historische Dichotomie zwischen dem Westen und dem Globalen Süden verdeckt gerade eine schärfere Trennung zwischen Pragmatismus und Opportunismus in der Internationaler Politik. Der Begriff des Globalen Südens kann schließlich dazu dienen, sich vor der Einmischung der "Anderen" in "innere Angelegenheiten" zu schützen. Das kann die Unterdrückung religiöser Minderheiten, die Verletzung von LSBTIQ- bzw. Frauenrechten oder die Inhaftierung politischer Andersdenkender sein. All dies sind Phänomene der "Autokratisierung" (129, 207) - nicht nur im Globalen Süden. Dann wäre der Globale Süden bloß eine strategische Rhetorik, um die Abkehr von universellen Werten zu legitimieren. Insofern erscheinen die Vorschläge der Autoren für "multidimensionale Zusammenarbeit" (221) und "Diversifizierung" (223) der Kontakte zu Zivilgesellschaften und Oppositionellen besonders wertvoll. Denn universelle Werte wie Demokratie und Menschenrechte werden ihnen zufolge von der Mehrheit des Globalen Südens geteilt (212); auch der Westen biete mehr als "fossiler Kapitalismus und Doppelstandards" (214). Letztendlich stellt sich die Frage, weshalb und wozu man die Welt in eine West-Süd-Dichotomie einteilt, die die Komplexität der Welt von gestern und heute nur reduziert.


Anmerkungen:

[1] Alfred J. López: Introduction: The (Post)global South, in: The Global South Vol. 1, 1 (2007), 1-11, hier 5.

[2] Siehe die Kritik von Stewart Patrick / Alexandra Huggins: The Term "Global South" is Surging. It Should be Retired, 15. 8. 2023. (https://carnegieendowment.org/2023/08/15/term-global-south-is-surging.-it-should-be-retired-pub-90376)

Pai-Li Liu