Rezension über:

Uwe Bathe: Der romanische Kapitelsaal in Brauweiler. Eine kritische Bestandsaufnahme seiner Architektur, Bauskulptur und Malerei (= mediaevalis. Beiträge zur Kunst des Mittelalters; Bd. 3), Köln: SH-Verlag 2003, 488 S., ISBN 978-3-89498-100-6, EUR 49,80
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Rezension von:
Monika Tontsch
Referat Kirchliche Denkmalpflege, Bischöfliches Generalvikariat Hildesheim
Redaktionelle Betreuung:
Gerhard Lutz
Empfohlene Zitierweise:
Monika Tontsch: Rezension von: Uwe Bathe: Der romanische Kapitelsaal in Brauweiler. Eine kritische Bestandsaufnahme seiner Architektur, Bauskulptur und Malerei, Köln: SH-Verlag 2003, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 7/8 [15.07.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/07/7478.html


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Uwe Bathe: Der romanische Kapitelsaal in Brauweiler

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Die hier vorgestellte Dissertation von Uwe Bathe widmet sich mit dem Kapitelsaal des ehemaligen Benediktinerklosters Brauweiler bei Köln, einem der herausragenden Baudenkmäler des 12. Jahrhunderts im Rheinland. So überrascht es, dass bislang eine angemessene Würdigung des Kapitelsaals fehlte. Der Autor kann in seiner Untersuchung auf ältere, in wichtigen Teilen noch heute gültige Standardliteratur aufbauen. Es handelt sich zum einen um Paul Clemens "Die romanischen Wandmalereien der Rheinlande" von 1905 und 1916. Zum anderen ist Walter Baders Baumonografie "Die Benediktinerabtei Brauweiler bei Köln" von 1937 zu nennen, die ein Manuskript von Erica Huyssen einbezieht.

Bathe versucht eine Gesamtdarstellung des Kapitelsaals unter Berücksichtigung aller Kunstgattungen. Dem Autor gelingt dies in weiten Teilen durch einen sehr differenziert, aber klar und nachvollziehbar gegliederten Text.

Das erste Kapitel behandelt die Geschichte der Abtei mit Schwerpunkt auf dem 11. und 12. Jahrhundert. Interessant und neu ist dabei der Blick auf die Wirtschaftsgeschichte, ein Aspekt der in älteren kunsthistorischen Publikationen meist außer Acht gelassen oder nur gestreift wurde. So konnte Bathe z. B. feststellen, dass Brauweiler im untersuchten Zeitraum im Vergleich zu den Abteien Werden und Siegburg "nur mittelmäßig begütert" war (23).

Das zweite Kapitel zur Architektur bettet den hier zentralen Kapitelsaal in die Gesamtarchitektur des Klosters seit dem Gründungsbau (1024) und in die komplexe Baugeschichte ein. Hilfreich für die gesamte Betrachtung ist der Abschnitt 3.1., der auf den Kapitelsaal als einen in nachkarolingischer Zeit entstandenen Versammlungs- und Beratungsraum des klösterlichen Konvents eingeht.

Eine zentrale Frage der Arbeit bezieht sich auf die Datierung des Kapitelsaals. Der Neubau der Abtei war 1136 unter Abt Amilius (1135-1148) begonnen worden. Dieser hatte noch 1147 Bernhard von Clairvaux in Brauweiler empfangen, wurde aber 1148 aus nicht bekanntem Grund auf dem Konzil von Reims von Papst Eugen III. seines Amtes enthoben. Er starb bereits ein Jahr später und wurde im Kapitelsaal beigesetzt. Sein Nachfolger Geldolf (1149-1177) setzte die Bautätigkeiten seines Vorgängers fort und wurde selbst in der benachbarten Benediktuskapelle bestattet. Bathe kommt auf Grundlage der Quellen zu dem vorsichtigen Schluss, dass die Grundmauern des Raumes mit großer Wahrscheinlichkeit so weit aufgerichtet waren, dass die Beisetzung des Abtes darin erfolgen konnte. Zu Recht hält er es aber weiterhin für fraglich, ob der Kapitelsaal zur Zeit des Abtes Amilius komplett fertig gestellt werden konnte (113).

Das dritte Kapitel zur Bauskulptur des Kapitelsaals behandelt nicht nur ausführlich die Säulen mit ihren reich skulptierten Kapitellen und setzt sie in Beziehung z. B. zu jenen der Wartburg und in Königslutter, sondern erfasst auch die heute baulich mit dem Kapitelsaal vereinigte Benediktuskapelle. Auch werden überzeugende Verbindungen zur Goldschmiedekunst, z. B. zum so genannten Scyphus im Lapidarium des Klosters (2. Hälfte 12. Jahrhundert) und zu romanischen Skulpturen im Kirchenraum (Hl. Nikolaus, Marienretabel) hergestellt. Neu ist in diesem Zusammenhang die Zuschreibung des Medardusreliefs als ein Frühwerk der Gruppe des so genannten Hauptmeisters, der um 1170 vornehmlich im Kreuzgang tätig war. Dieses 1978 wieder aufgedeckte Relief an der Westwand neben dem Kirchenportal gehört nach Bathe in die Phase nach 1136, als der dreitürmige Westbau errichtet wurde (207). Kleinere Unsicherheiten zeigt der Autor im Bereich der liturgischen Gewandung. So trägt Bischof Nikolaus das Humerale (Schultertuch) nicht über, sondern unter der Kasel (209).

Dem spätromanischen Malereizyklus des Kapitelsaals kommt als einem der umfangreichsten seiner Art eine besondere Bedeutung zu. Er nimmt in Bathes Arbeit eine vorrangige Stellung ein. Dem Kapitel sind 34 farbige Abbildungen vorangestellt, auf die im Text an entsprechender Stelle verwiesen wird. Bathe nutzt seine Kenntnisse als Restaurator und analysiert zunächst Aufbau und Technik der Malerei, die in einer Mischtechnik (Fresco-Kalk-secco) gestaltet wurden (247). Anschließend gibt der Autor einen Abriss der Überarbeitungen und Restaurierungen des Zyklus: Unter Abt Amandus Herriger (1756-1778) waren die "durch Feuchtigkeit zerstörten Malereien" überstrichen worden (257). Nachdem das Kloster 1802 durch Napoleon aufgehoben und 1814 in die preußische Verwaltung übernommen worden war, wurde in den Klostergebäuden eine so genannte Arbeitsanstalt für die Rheinprovinz eingerichtet. 1820 erhielt die evangelische Anstaltsgemeinde den Kapitelsaal als Gottesdienstraum. Anstaltsdirektor Ristelhueber veranlasste eine erste mechanische Freilegung, der damals anscheinend teilweise wieder sichtbaren Malereien. Schinkel erwähnte 1833 bereits die freigelegten Malereien, die er auf einer dienstlichen Reise durch die Rheinprovinz gesehen hat.

Johann Anton Ramboux, seit 1844 Konservator des Städtischen Museums in Köln und auch für denkmalpflegerische Aufgaben außerhalb des Museums zuständig, initiierte eine Dokumentation der Malerei durch den Zeichner Carl Ruben. Die vollständig im Buch abgebildeten farbigen Aquarelle sind angesichts der späteren Restaurierungen heute unschätzbar wertvolle Quellen (265).

Christian Hohe (1798-1868), Universitätszeichenlehrer in Bonn, der bereits 1854 an den Malereien in Schwarzrheindorf gearbeitet hatte, restaurierte 1862 die Gemälde in Brauweiler. Er nahm dabei nicht nur Ergänzungen vor, sondern er "tränkte die noch vorhandene Malerei mit wachs- oder paraffinhaltigen ätherischen Ölen" (275). Schon bald nach dem Abschluss dieser Maßnahmen gab es neben Lob ein vernichtendes Urteil durch den Politiker und Kunstkenner August Reichensperger, der die Malerei nach der Restaurierung durch Hohe für "künstlerisch vernichtet" erklärte (275).

Schließlich erfolgte 1958/59 eine "Entrestaurierung" durch den Restaurator Wolfhart Glaise, die zunächst von den verantwortlichen Denkmalpflegern und Fachkollegen allgemein begrüßt wurde. In den nachfolgenden Jahrzehnten wurden aber umfangreiche konservatorische Probleme sichtbar, u. a. die Fixierung der Malereien durch Kali-Wasserglas mit äußerst gravierenden Schadensbildern. Die Malereien, die heute als "gewaltiges Fragment" gelten müssen, wurden von Glaise auch nicht durchgehend fachgerecht freigelegt, wie Bathe im Einzelnen nachweist (289). Detaillierte stilistische Untersuchungen, wie sie in Abschnitt 5 im Ansatz versucht werden, sind aufgrund des schlechten Zustands, wie Bathe selbst einräumen muss, nur bedingt möglich.

Breiten Raum nehmen dagegen Bathes Recherchen zum Bildprogramm ein (Abschnitt 6). Das Programm erforderte einen Verfasser von "hoher theologischer Bildung", den Bathe in Abt Amilius vermutet. Dem Autor erscheint am Schluss seiner Überlegungen der Abt "als Spiritus Rector des Kapitelsaals und dessen Ausstattung sicher" (366). Das Bildprogramm besteht aus zwei Zyklen und mehreren Einzelszenen, wobei im Zentrum die Illustration des elften Kapitels des Hebräerbriefes (Vers 33-39) durch das Glaubenszeugnis von Heiligen und Märtyrern sowie biblischer Gestalten des Alten Testamentes steht.

Der Schlussbetrachtung folgt die katalogartige Erfassung der Bauskulptur und Malerei mit einer zeichnerischen Wiedergabe der Spruchbänder sowie einer Dokumentation der verschiedenen Zustände (Aquarelle Ruben, Maßnahmen von Hohe und Zustand heute). Der Anhang enthält neben einem Abdruck der relevanten Quellentexte auch Befundkartierungen, Putzanalysen sowie Quellen- und Literatur.

Das Buch von Uwe Bathe geht inhaltlich und vom Umfang her über eine gewöhnliche Doktorarbeit deutlich hinaus. Besonders hervorzuheben ist, dass der Autor neben der rein kunsthistorischen Betrachtungsweise seine Erfahrungen auf restauratorischem Gebiet einbringt. Das vorzüglich ausgestattete Buch ist nicht nur handlich im Format (22,5x22,5 cm), sondern auch vom Schriftbild her (dreispaltig, die rechte Spalte für die Anmerkungen) angenehm und bei aller wissenschaftlichen Präzision spannend zu lesen.

Monika Tontsch