Rezension über:

Bart D. Ehrman / Andrew S. Jacobs (eds.): Christianity in Late Antiquity, 300-450 C.E. A Reader, Oxford: Oxford University Press 2004, XIII + 504 S., ISBN 978-0-19-515460-3, GBP 20,99
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Rezension von:
Sabine Hübner
Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universität Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Sabine Panzram
Empfohlene Zitierweise:
Sabine Hübner: Rezension von: Bart D. Ehrman / Andrew S. Jacobs (eds.): Christianity in Late Antiquity, 300-450 C.E. A Reader, Oxford: Oxford University Press 2004, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 7/8 [15.07.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/07/8268.html


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Bart D. Ehrman / Andrew S. Jacobs (eds.): Christianity in Late Antiquity, 300-450 C.E.

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Nach seinen beiden viel gelobten Quellensammlungen zu den frühen christlichen Texten des 1. und 2. Jahrhunderts [1] und zur Entwicklung des Christentums im 2. und 3. Jahrhundert [2] hat der an der University of North Carolina lehrende Religionswissenschaftler Bart Ehrman nun in einem dritten Band seine Einführung in die Quellen des frühen Christentums bis ins 4. und 5. Jahrhundert fortgesetzt - diesmal in Kooperation mit Andrew Jacobs, Religionswissenschaftler an der University of California. Das anvisierte Zielpublikum der Herausgeber sind wie bei den früheren Bänden Studierende im Grund- und Hauptstudium, aber auch interessierte Laien. Die Herausgeber haben sich zum Ziel gesetzt, Texte aus dem reichen Quellenfundus der Spätantike zu präsentieren, die exemplarisch wesentliche Grundzüge des spätantiken Christentums deutlich werden lassen.

Die Quellen decken sowohl das westliche als auch das östliche Christentum ab und stammen aus der Epoche zwischen den letzten Christenverfolgungen unter Diokletian bis zum Konzil von Chalkedon im Jahre 451, einer Epoche, in der nach Ansicht der Herausgeber "the most crucial changes in the way Christians viewed their place in the world" (2) stattfanden. Anhand einer repräsentativen Auswahl an Quellen sollen dem Leser die kulturelle und soziale Vielfalt des Christentums und seine tief greifenden Veränderungen in der Spätantike deutlich werden. Dabei werden nicht nur die 'klassischen' Texte von Autoren wie Eusebius, Ambrosius oder Augustinus geboten, sondern auch Auszüge aus abgelegeneren Quellen wie beispielsweise die Demonstrationes des Syrers Aphrahat, die Korrespondenz des Severus von Menorca, die Vita des georgischen Heiligen Shushanik oder die Schriftauslegungen des Tyconius.

In einer allgemeinen Einführung (1-7) folgt nach einem kurzen Überblick über die Forschungsgeschichte zur Spätantike ein Abriss der Geschichte des Christentums vom Ende der Christenverfolgungen unter Diokletian bis ins 5. Jahrhundert. Eingegangen wird hier auf die Bedeutung Konstantins für die Geschichte des Christentums und des römischen Staates, auf die zunehmende Verquickung von staatlicher und kirchlicher Macht, auf die christliche Übernahme kultureller Praktiken, philosophischer Ansätze und sozialer Normen aus dem paganen Erbe, auf die Verbindung von Auseinandersetzungen über "orthodox" oder "häretisch" mit dem kaiserlichen Streben nach politischer Loyalität und Einheit, auf die Anfänge des Mönchtums, die Verehrung von heiligen Stätten und Reliquien und die Expansion des Christentums über die Grenzen des Römischen Reiches hinaus.

Nach dieser allgemeinen Einführung folgen die Quellentexte, die unter folgenden Oberpunkten thematisch gegliedert sind: "The End of Persecution" (8-23), "Christianity and the Imperial House" (24-67), "Christianity and Roman Law" (68-77), "Becoming a Christian" (78-128), "Christian Leadership" (129-154), "Heresy and Orthodoxy" (155-241), "Canons and Creeds" (242-267), "Asceticism and Monasticism" (268-330), "Pilgrims, Relics, and Holy Places" (331-365), "Saints' Lives" (366-416), "The Christian Bible" (417-465), "Christian Art and Architecture" (466-480) und "Christianity Outside the Roman Empire" (481-504).

Jedem Themenkomplex geht eine ausführliche inhaltliche Einleitung voran, die dem Leser die wesentlichen Grundzüge der Thematik vorstellt, und eine kurze Zusammenstellung der einführenden Literatur, die in der Regel den neuesten Forschungstand repräsentiert. Darauf folgen die Quellentexte, denen jeweils wiederum eine kurze Einleitung vorangestellt ist, welche die wesentlichen Informationen zum Autor und zum Inhalt der Quelle bietet.

61 Quellentexte von 43 verschiedenen Autoren werden in englischer Übersetzung geboten. Es finden sich Ausschnitte aus Laktanz, Eusebius, Zosimus, Julian Apostata, Ephraim, Ambrosius, dem Codex Theodosianus, Augustinus, Sulpicius Severus, Severus von Menorca, Johannes Chrysostomus, Hippolytus, dem Testamentum Domini, Gregor von Nazianz, Aphrahat, Arius, Alexander von Alexandria, Nestorius, Kyrill von Alexandria, Athanasius, Hieronymus, Optatus, Epiphanius, den Canones der ökumenischen Konzile, Pachomius, den Apophthegmata Patrum, Antonius, Egeria, Gregor von Nyssa, Victricius von Rouen, Lucianus, Athanasius, Theodoret, der Historia Monachorum in Egypto, der Vita Pelagiae, Eusebius, Priscillian, Tyconius, Diodorus von Tarsus, Paulinus von Nola, Sozomenus, den Acta Martyrorum Persorum und der Passio der Hl. Shushanik. Die Herausgeber wollen die Entwicklungen aus christlicher Sicht darstellen, deswegen sind nur zwei der ausgewählten Autoren keine Christen (Zosimus und Julian Apostata).

Es werden statt kurzer Ausschnitte - wie sonst in Quellensammlungen üblich - bevorzugt lange Passagen aus den genannten Quellen geboten, teilweise sogar die kompletten Texte. Ungewöhnlich ist auch, dass die Herausgeber bewusst vermieden haben, Frauen, Juden oder auch den syrischen Kirchenschriftstellern eigene Kapitel zu widmen, da diese Gruppen, wie sie richtig argumentieren, "were fully integrated into the discourses of early Christian identity in all its complexity and multiplicity" (6 f.).

Einige der Texte werden in einer eigenen, neuen Übersetzung gegeben, da die vorhandene den Herausgebern unzureichend oder veraltet erschien: der Brief des Alexander von Alexandria an Alexander von Konstantinopel, der Brief des Hieronymus nach Kthesiphon (gegen Pelagius), der komplette Reisebericht der Egeria, der Brief des Gregor von Nyssa über das Pilgerwesen, die Revelatio Sancti Stephani des Lucianus mit einem vorangehenden Brief des Presbyters Avitus an Lucianus, eine Schrift des Priscillian De fide et de apocryphis und Teile aus der Historia Ecclesiastica des Sozomenos (H. E. 6-15; 24).

Eine Zeittafel und eine Karte des spätantiken Römischen Reiches helfen dem Leser, die Quellentexte chronologisch und geografisch einzuordnen. Bei der Fülle an zur Verfügung stehendem Quellenmaterial zum spätantiken Christentum lässt sich natürlich immer über die Auswahl der Texte streiten. Dies wurde in diesem Fall durch die Herausgeber jedoch vorbildlich gelöst, indem neben den einschlägigen auch eine ganze Reihe von selbst für den Fachmann abgelegenen Quellen geboten werden.

Bei der Auswahl der Themenbereiche vermisst man wenig. Doch nicht jede Einführung in die verschiedenen Themenkomplexe zeugt von einer gleichermaßen umfassenden Kenntnis der Quellen sowie des neuesten Forschungsstandes. Die nach den Canones des Hippolyt getroffene Aussage, dass klerikale Amtsträger unterhalb des Status eines Presbyters und Diakons allgemein nicht ordiniert wurden, darf so nicht stehen bleiben. Auch dass nach der konstantinischen Wende die niederen Ämter im Klerus häufiger in den Quellen erscheinen als zuvor, ist sicher nicht allein auf eine steigende Beliebtheit bei christlichen Familien zurückzuführen, die Prestige durch ein geistliches Amt in der Familie erreichen wollten "without having to give up one or more of their children to lifelong ecclesiastical service" (129), sondern wohl in erheblichem Maße auf die wachsende Zahl an Gemeindemitgliedern und die zunehmenden finanziellen Mittel, die es erst ermöglichten, weiteres kirchliches Personal zu beschäftigen und zu unterhalten.

Nicht weiter begründet wird von den Herausgebern, warum sie auf die Berücksichtigung der nicht-literarischen Quellen so gut wie verzichteten. In Kapitel 13 werden zwar einige wenige Zeugnisse für die christliche Kunst der Spätantike im Bild vorgestellt, daneben hätte man sich aber beispielsweise auch einen Überblick über die Grundrisse der ersten Kirchenbauten und ihre Lage in der Stadt, über die christlichen Einflüsse auf die kaiserliche Münzprägung oder auf das Formular von christlichen Grabinschriften gewünscht. Wünschenswert wäre sicher auch gewesen, wenn neben der englischen Übersetzung der Texte auch die Originalversion geboten worden wäre. Gleichzeitig muss man aber zugestehen, dass dies dazu geführt hätte, dass man die Auswahl der Texte aus Platzgründen erheblich hätte einschränken müssen.

Alles in allem stellt diese Quellensammlung eine für den Anfänger vorbildlich aufbereitete Einführung in die Quellen und den Forschungsstand zum spätantiken Christentum dar, die in Pro- und Hauptseminaren zum spätantiken Christentum sicherlich rege Verwendung finden wird, aber auch noch den Fachmann zum Blättern einlädt. Das Buch ist zeitgleich als Hardcover- und als halb so teure Paperback-Ausgabe erschienen, die mit gut 30 Euro für mehr als 500 Seiten in jedem Fall ihr Geld wert ist.


Anmerkungen:

[1] Bart D. Ehrman: The New Testament and Other Early Christian Writings. A Reader, 2. Aufl., New York 2004.

[2] Bart D. Ehrman: After the New Testament. A Reader in Early Christianity, New York 1999.

Sabine Hübner