Rezension über:

Hubertus Günther: Was ist Renaissance? Eine Charakteristik der Architektur zu Beginn der Neuzeit, Darmstadt: Primus Verlag 2009, 304 S., ISBN 978-3-89678-654-8, EUR 39,90
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Rezension von:
Matteo Burioni
Institut für Kunstgeschichte, Ludwig-Maximilians-Universität München
Redaktionelle Betreuung:
Hubertus Kohle
Empfohlene Zitierweise:
Matteo Burioni: Rezension von: Hubertus Günther: Was ist Renaissance? Eine Charakteristik der Architektur zu Beginn der Neuzeit, Darmstadt: Primus Verlag 2009, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 6 [15.06.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/06/15975.html


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Hubertus Günther: Was ist Renaissance?

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Wo fängt die Renaissance an? Wo hört sie auf? In Dubrovnik, Istanbul und Moskau entstanden im 15. und 16. Jahrhundert prächtige Bauten, die sich an die Antike und an die eigene Bautradition anlehnten. Hubertus Günther ist es zu verdanken, für sie wie selbstverständlich einen Platz in seinem durchweg gut argumentierten und quellengesättigten Überblick zur Renaissancearchitektur zu finden. Durch eine neue Definition dessen, was Renaissance ausmacht, gelingt es Günther, auch die Architektur nördlich der Alpen in ein fruchtbares Gespräch mit den Bauten der italienischen Halbinsel zu bringen. Die Renaissanceformen wurden "an den verschiedensten Orten jeweils gezielt mit rationalen Gründen eingeführt" (9). Der regelhafte und korrigierende Bezug auf Vorbilder sei trotz regionaler Unterschiede ein verbindendes Element des neuen Stils. Indem Günther durch viele Beispiele belegen kann, dass man sich in Italien oftmals auf romanische und byzantinische Vorbilder bezog, die man für antik hielt, werden die Gemeinsamkeiten zur nordalpinen Spätgotik herausgestrichen. Das anzuzeigende Buch ist in der Reihe der Architektur-Einführungen bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft erschienen und richtet sich an fortgeschrittene Studenten, Laien und Architekturinteressierte. Im Lichte des gegenwärtigen Interesses für Kulturaustausch ist das Buch besonders zu begrüßen.

In einem ersten Kapitel (11-32) gibt Günther eine konzise Einführung in das Epochenbild Renaissance. Die herangezogene Literatur zur Perspektive und zur Renaissance als Epoche bleibt weitgehend in den späten 70er-Jahren stehen und berücksichtigt kaum neuere Publikationen. [1]

Auf ein einführendes Kapitel folgt eine Erörterung der geographischen Ausbreitung der Renaissance (41-67). Von Florenz aus zeigt Günther wie Potentanten den neuen Stil gezielt in Neapel und Mailand sowie in Ungarn, Dubrovnik (Ragusa) und Moskau aufnahmen. Gesonderte Unterkapitel sind Venedig, Rom, Mittel- und Westeuropa gewidmet. Hier ist dem Autor eine glänzend durchdachte, detailreiche und überzeugende Zusammenschau der Renaissance in ihren geographischen Ausformungen gelungen. Günthers Darstellung bewegt sich mühelos von Brunelleschis Florentiner Bauten über die Porta del Arsenale in Venedig zu der Uspenskij-Kathedrale in Moskau und Bramantes Planungen für Neu-Sankt Peter. Auf nur sechs Seiten gelingt es Günther, die Neuerungen Filippo Brunelleschis auf den gegenwärtigen Forschungsstand pointiert zu referieren. Kritisch ist zu vermerken, dass die Darstellung hier mit Brunelleschi einsetzt und kaum auf die Voraussetzungen im 14. Jahrhundert eingeht. Wie Günther selbst an anderer Stelle anmerkt, führte jedoch bereits der Antiquar Flavio Biondo den von Portiken umgebenen Hof von Trecento-Palästen Oberitaliens auf antike Häuser zurück (164). [2]

Die Kompetenz und Planungswerkzeuge des Architekten werden im nächsten Kapitel knapp und einleuchtend behandelt (81-96). Das Image des Architekten hätte man ausgehend von den vielen Baumeisterbildnissen und -grabmälern der Frühen Neuzeit - beispielsweise Brunelleschis Grabmal in Florenz von 1446 und Hans von Burghausens Epitaph in Landshut von 1432 - noch anschaulicher machen können. Auch haben außereuropäische Architekten ihre Bauten signiert. [3]

Mit den Bautypen (97-178) folgt wieder ein äußerst dichtes und gelungenes Kapitel, in dem Günther mit beneidenswerter Stoffbeherrschung und Materialkenntnis die bedeutendsten Typen des Sakral- und Profanbaus erläutert. Wenn Günther den Zentralbau eher als Zeugnis von "sentimentaler Frömmigkeit" als von Verweltlichung auffasst (107), so wäre zu ergänzen, dass die Wahlfahrtskirchen ein überregionales Publikum anziehen, das sie auch mit ihren überregionalen Architekturformen bedienen. [4]

Mit dem Kapitel zur Antike (179-206) ist ein Kern- und Glanzpunkt der Darstellung erreicht. Hier stellt Günther die vermeintlich antiken, lokalen Renaissance-Vorbilder wie das Baptisterium von Florenz und San Giacomo di Rialto in Venedig neben die Rezeption der griechisch-römischen Antike. Günther zeigt, wie die eigenen Rationalitätsannahmen und Wunschbilder oftmals den Blick auf die Antike überformten. So habe Alberti im Heiliggrab in San Pancrazio eine Heilig-Grab-Kopie konzipiert, die antikisch korrekter als die ihm bestens bekannten Überreste in Jerusalem war. Lesenswerte Passagen zur Rezeption byzantinischer und gotischer Bauformen runden das Bild ab. Bei der italienischen Rezeption der nordalpinen Hallenkirche hätte man auch die Beispiele in Portugal, Spanien und Amerika einbeziehen können. [5]

Günther schließt mit einem "Vergleich der Renaissance in zwei unterschiedlichen Kulturen" (276-283), in dem er zeigt, wie sich der neue Stil in Westeuropa wie auch im Osmanischen Reich teilweise auf die gleichen Vorbilder bezog und ähnlichen Prinzipien folgte. "Beiden gemein ist das Bestreben nach Klarheit und Übersichtlichkeit, die Ausrichtung nach einfachen geometrischen Figuren [...] und die nüchterne Auskleidung" (281).

Das Buch wartet mit einer schönen Ausstattung und hochauflösenden Farbabbildungen auf. Nur wenige Aufnahmen sind unzureichend (74, Abb. 57; 104, Abb. 81; 184, Abb. 167). Unter den wenigen Druckfehlern sind ein falscher Abbildungsverweis (144) und die Fehldatierung der Fresken in Santo Spirito in Sassia zu nennen (61). [6]

Was bleibt, ist eine hervorragende Einführung in die Architektur der Renaissance, der man viele Leser wünscht. Nicht nur als Handbuch vermag das Buch zu überzeugen, auch dem Spezialisten werden immer wieder neue Einsichten geboten. Dieser glänzende und gut geschriebene Epochenüberblick argumentiert an kaum einer Stelle pauschal und veranschaulicht die größeren Zusammenhänge immer mit einleuchtenden Beispielen. Literaturverzeichnis, Orts- und Personenregister sorgen für eine gute Erschließbarkeit. Wünschenswert wären darüber hinaus eine kommentierte, auf den neusten Stand gebrachte Bibliographie und eine Chronologie der Ereignisse und Werke gewesen.


Anmerkungen:

[1] Etwa den Sammelband zur Perspektive The Treatise on Perspective: published and unpublished, ed. by Lyle Massey, New Haven 2003. Siehe die Thesen zur Renaissance von Alexander Nagel / Christopher S. Wood: Toward a New Model of Renaissance Anachronism, in: The Art Bulletin 87 (2005), 403-415.

[2] Die von Biondo erwähnten Bauten sind heute nicht leicht zu identifizieren. Vermutlich bezieht sich Biondo auf den heute zerstörten 'Castello di Porta Romana' (1386) des Bernabò Visconti, auf den Palazzo della Ragione in Padua und auf den Palazzo Scaligero in Verona.

[3] Genannt sei Qavam al-Din Shirazi im Iran des 15. Jahrhunderts. Siehe Donald Wilber, Qavam al-Din ibn Zayn al-Din Shirazi: A Fifteenth-Century Timurid Architect, in: Architectural History 30 (1987), 31-44.

[4] Erik Thunø, The miraculous image and the centralized church Santa Maria della Consolazione in Todi, in: The miraculous image in the late Middle Ages and Renaissance, ed. by Erik Thunø / Gerhard Wolf, Rom 2004, 29-56.

[5] So weist Kubler etwa darauf hin, dass die Hallenkirche in Spanien, Portugal und Amerika große Verbreitung fand. George Kubler: Portuguese Plain Architecture. Between Spices and Diamonds, 1521-1706, Middleton (CT) 1972, 29.

[6] Diese stammen nicht aus dem 18. Jahrhundert, sondern sind wohl zuverlässig dem 15. Jahrhundert zuzurechnen. Siehe die neuere Monografie von Eunice D. Howe: Art and culture at the Sistine Court: Platina's "Life of Sixtus IV" and the frescoes of the hospital of Santo Spirito, Città del Vaticano: Biblioteca Apostolica Vaticana 2005.

Matteo Burioni