Rezension über:

Giovanni Carlo Frederico Villa (a cura di): Lorenzo Lotto, Cinisello Balsamo: Silvana Editoriale 2011, 312 S., zahlr. Farbabb., ISBN 9788836619528, EUR 35,00
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Rezension von:
Brigitte Reineke
Deutsches Historisches Museum, Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Hubertus Kohle
Empfohlene Zitierweise:
Brigitte Reineke: Rezension von: Giovanni Carlo Frederico Villa (a cura di): Lorenzo Lotto, Cinisello Balsamo: Silvana Editoriale 2011, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 7/8 [15.07.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/07/19865.html


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Giovanni Carlo Frederico Villa (a cura di): Lorenzo Lotto

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Schlicht und eindrücklich zugleich war der Titel der Ausstellung in den Scuderie del Quirinale in Rom (März bis Juni 2011), die dem Werk des venezianischen Malers Lorenzo Lotto gewidmet war. Erschien der Künstler 1997/98 anlässlich der großen monografischen Ausstellung in Washington, Bergamo und Paris mit dem Titel "Lorenzo Lotto. A Rediscovered Master of the Renaissance" noch als unbekannter und also wieder zu entdeckender Maler, so konnte man sich mehr als zehn Jahre und zahlreiche Studien später wohl darauf verlassen, dass der Maler nicht mehr nur dem Fachpublikum bekannt sein dürfte.

Dem künstlerischen Lebensweg Lottos zwischen Venedig, einer langjährigen Tätigkeit in Bergamo und Treviso, einem Aufenthalt in Rom und vielen Jahren in den Marken widmen sich die einführenden Essays des Katalogs zur Ausstellung. Peter Humfrey gibt einen stringenten Überblick über die "fortuna critica" durch die Jahrhunderte, die geradezu als typisch für einen italienischen Renaissancekünstler abseits der großen Kunstzentren gelten kann. Lotto kann in seiner Geburtsstadt Venedig neben dem mächtigen Giganten Tizian und seiner Entourage nicht bestehen, in Bergamo und Treviso auf der Terraferma dagegen werden seine Werke sehr geschätzt. Im Cinquecento selber also bleibt Lotto die weitreichende Anerkennung seiner berühmteren Zeitgenossen versagt. Humfrey zeichnet eine zunehmende Marginalisierung des Künstlers in den folgenden Jahrhunderten nach, indem seine Werke bekannteren Künstlern wie Correggio und Tizian, aber auch nordischen Malern wie Holbein zugeschrieben werden. Diese Zuschreibungen lassen zumindest aber die Einflüsse auf die Kunst Lottos wie auch die Qualität seiner Werke erahnen. Erst im 19. Jahrhundert werden Lotto seine Werke wieder vermehrt zurückgegeben, 1895 erscheint die erste Monografie von Bernard Berenson. Pietro Zampetti eröffnet 1953 im Palazzo Ducale in Venedig die erste epochale monografische Ausstellung. 1997/98 folgt die bereits erwähnte internationale Ausstellung, die den Künstler endgültig in den Olymp der anerkannten Meister der italienischen Renaissance hebt und der vielfältige Studien und Publikationen zum Œuvre folgen.

Eine Neubewertung des Werks des Künstlers ist demnach mit der neuen Publikation kaum zu erwarten. Die ausschlaggebende Motivation für den Katalog wie auch die Ausstellung ist heute denn auch eine deutlich konservatorische. Denn der Kurator Giovanni Carlo Federico Villa konnte im Rahmen des Projekts "Terre di Lotto 2010-2012" für einige der Gemälde, die sich heute noch in situ in der Lombardei, im Veneto und den Marken befinden, Kooperationspartner für dringende konservatorische und restauratorische Maßnahmen gewinnen. Villa selber widerspricht einer Erwartungshaltung, die nach neuen Zuschreibungen, Datierungen oder ähnlichen werkimmanenten Erkenntnissen sucht und beschreibt seine Motivation deutlich als eine "Rettungsmaßnahme" für zahlreiche Gemälde Lottos, die zum bedeutenden Kulturerbe Italiens zählen. Der Katalog fokussiert damit eindeutig den Blick auf die Bedeutung Lottos innerhalb des italienischen Kanons.

Der Katalog präsentiert die ausgestellten Werke in vier Kategorien und darin in chronologischer Reihenfolge: Altarwerke, Andachtsbilder, Porträts und Bilder profanen Inhalts. Die erste Sektion eröffnet mit dem Gemälde einer thronenden Madonna mit Kind, mit dem Lotto erstmals in Treviso 1504-1505 in Erscheinung tritt. 1480 in Venedig geboren und dort ausgebildet, zeigt Lotto in diesem Bild, das bereits selbstbewusst seine Signatur auf der steinernen Basis des Marienthrons trägt, seine Herkunft aus der Lagunenstadt. Der Aufbau des Werkes orientiert sich deutlich an venezianischen Vorbildern mit seinem steinernen, getreppten Thron in einer Nische, überwölbt von einer mosaizierten Halbkuppel. Mit den davor befindlichen vier Heiligen sieht sich der Besucher einer venezianischen Sacra Conversazione gegenüber, die sich noch heute in situ in der Kirche S. Cristina al Tiverone in Quinto di Treviso befindet. Villa verortet folglich das Altargemälde und die dazugehörige Lünette mit einer Engelspietà in den künstlerischen Kosmos eines Bellini, Giorgione, Mantegna und Cima da Conegliano. Umso einschneidender ist die Überraschung bei der Betrachtung des nächsten Altarwerks (Kat. 2): Das Gemälde aus dem Dom Santa Maria Assunta in Asolo wurde lange Zeit als Transfiguration der Maria angesprochen, aber es kann sich um eine solche nicht handeln, da die zu erwartenden Apostel nicht zugegen sind. Stattdessen erscheint dem Hl. Abt Antonius und dem Hl. Ludwig von Toulouse die Madonna, die in einer Engelsgloriole auf Wölkchen über einer nordisch anmutenden Landschaft schwebt. In seinem Katalogbeitrag verweist Villa auf die ikonografische Neuerung, die Lotto hier gelingt - und dies als noch nicht ganz volljähriger, also noch 25-jähriger Meister, wie er mit Stolz selber auf dem Cartellino zu Füßen der schwebenden Madonna festhält: LAURENT LOTUS / JUNIOR M.D.VI.

Auch dieses Altarwerk befindet sich noch heute in situ, und genau darin liegt die Besonderheit des Katalogs, der nicht sein Augenmerk auf die hinlänglich bekannten Meisterwerke Lottos in den Museen der Welt legt, sondern auf die Gemälde, die sich noch heute an ihrem Ursprungsort befinden. Weder die einführenden Essays noch die Katalogeinträge in allen vier Kategorien können mit neuen Erkenntnissen aufwarten, dennoch sind sie in ihrer Ausführlichkeit und exakten Literaturzusammenstellung bemerkenswert. Insbesondere der Porträtsektion kommt dabei ein handbuchartiger Charakter zu, der der akribisch Quellen- und Sekundärliteratur auswertenden Autorin Elsa Dezuanni zu verdanken ist. Selbstverständlich ist dem berühmten Porträt Bernardo de' Rossis (Kat. 34, Neapel, Museo Capodimonte) ebenso ein Katalogbeitrag wie auch dem Frauenbildnis aus Dijon, Musée des Beaux-Arts (Kat. 33), das möglicherweise die Schwester Rossis zeigt, gewidmet. Und hier zeigt sich eine Schwäche in der typologischen Einteilung des Katalogs: Die beiden als Deckel der erwähnten Porträts geltenden Allegorien (Kat. 50 und 51) werden zwar in den Einträgen zu den Porträts erwähnt, abgebildet und besprochen werden sie jedoch erst im vierten und letzten Teil des Katalogs, der sich Bildern profanen Inhalts widmet. Das Faszinosum im Zusammenspiel von Porträt und Allegorie wird damit unterbunden, der nahe liegende Kontext nicht dargestellt - in der Ausstellung allerdings waren die Ensembles erfreulicherweise zusammen zu sehen.

Auch in den Katalogbeiträgen, die sich mit den bemerkenswert zahlreich vertretenen Andachtsbildern mit dem Hl. Hieronymus als büßendem Eremit wie auch mit der mystischen Vermählung der Hl. Katharina im zweiten Teil beschäftigen, unterbleibt eine über das einzelne Bild hinaus gehende Betrachtungsweise. Diese Einträge sind beispielhaft für die fast durchgängig werkimmanente, stilistische Argumentation, die sich selten für größere ikonografische und thematische Zusammenhänge interessiert. Darin liegt ein Manko der sicherlich genau recherchierten Beiträge, die im Übrigen fast ausschließlich auf englischsprachige und italienische Literatur verweisen.

Auf der Grundlage dieses Ausstellungskatalogs lassen sich in Zukunft weitere Studien betreiben, die eher der höchst interessanten und letztlich noch unbeantworteten Frage nach dem Stellenwert des Werks Lorenzo Lottos innerhalb der Kunst Venedigs und der Terraferma nachgehen werden und damit der Bedeutung eines Malers, der sich abseits der großen Kunstzentren sicherlich keineswegs zu einem provinziellen Künstler, sondern ganz im Gegenteil oder vielleicht gerade deshalb zu einem höchst eigenständigen Künstler entwickelt hatte.

Brigitte Reineke