Rezension über:

Rosamond McKitterick: Rome and the Invention of the Papacy. The Liber Pontificalis (= The James Lydon lectures in medieval history and culture), Cambridge: Cambridge University Press 2020, XVII + 271 S., ISBN 978-1-108-83682-1, GBP 29,99
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Rezension von:
Cornelia Scherer
Friedrich-Alexander-Universität, Erlangen-Nürnberg
Redaktionelle Betreuung:
Andreas Fischer
Empfohlene Zitierweise:
Cornelia Scherer: Rezension von: Rosamond McKitterick: Rome and the Invention of the Papacy. The Liber Pontificalis, Cambridge: Cambridge University Press 2020, in: sehepunkte 22 (2022), Nr. 7/8 [15.07.2022], URL: http://www.sehepunkte.de
/2022/07/35146.html


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Rosamond McKitterick: Rome and the Invention of the Papacy

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Das 2020 erschiene Buch von Rosamond McKitterick widmet sich mit dem Liber pontificalis einem zentralen Text des Frühmittelalters. Basierend auf einer Veranstaltung, die 2018 in Dublin stattfand (xi), zeugt das Werk von der großen Expertise der Autorin für mittelalterliche Texte sowie deren Überlieferung, Intentionen und Wirkungen.

Das Buch ordnet sich ein in die neu entfachte Diskussion um die Geschichte des sukzessive entstandenen Werkes, das nach den Editionen von Louis Duchesne und Theodor Mommsen Ende des 19. Jahrhunderts lange kein Interesse mehr fand. Zu nennen sind in diesem Zusammenhang neben der Autorin unter anderem Hermann Geertman, Eckhard Wirbelauer, Deborah M. Deliyannis, Andrea Antonio Verardi und Matthias Simperl. Jedoch geht das Buch über Fragen der Genese hinaus und beschäftigt sich auch mit den Fortsetzungen und Aneignungen des ursprünglich stadtrömischen Textes in insgesamt sechs Kapiteln. Jedes davon weist eine Einleitung und ein Fazit auf. So ist es möglich auch nur einzelne Kapitel zu lesen und trotzdem der Gesamtargumentation zu folgen. In einem Schlusskapitel werden die zentralen Thesen nochmals rekapituliert.

Das erste Kapitel (1-37) fungiert als Einleitung. Bereits hier klingen zentrale Themen an, die in den folgenden Kapiteln vertieft werden. Nach einem Forschungsüberblick werden der Entstehungskontext des Liber pontificalis, die politischen Verhältnisse Roms im 6. Jahrhundert, die verschiedenen Phasen der Textkonstitution und die Datierung der ersten Version des Liber pontificalis diskutiert. McKitterick nimmt eine Abfassung während der Krisen der 530er Jahre an. Doch sei der Liber pontificalis in Anlage und Verbreitung zu divers, um als eine Reaktion auf ein spezifisches Ereignis, wie beispielsweise das laurentianisch-symmachianische Schisma, gedeutet zu werden (31). Sie geht von der Entstehung einer ersten Version um 536 aus (12), räumt aber ein, dass darüber noch kein Konsens besteht (221).

Im zweiten Kapitel (38-67) steht die Stadt Rom im Fokus, deren Bild als eine explizit christliche Stadt durch die Darstellung im Liber pontificalis geformt und auch außerhalb der Stadt propagiert wurde. In Anknüpfung an antike Traditionen wurde im Text eine christliche Identität der Römer und in einem zweiten Schritt aller lateinischen Christen gestaltet (65).

Das dritte Kapitel (68-96) behandelt die apostolische Sukzession als Erzähl- und Deutungsmuster von Geschichte im Liber pontificalis. Diese Darstellung etabliert eine eigene, spezifisch christliche Zeitrechnung. Anhand der Vita des Petrus zeigt McKitterick darüber hinaus, welche Bedeutung andere Texte wie die Apostelakten oder die Evangelien als Vorbilder, Quellen und Referenzwerke für die Verfasser des Papstbuches hatten (zum Beispiel 79).

Der vierte Teil (97-131) behandelt die römischen Bauwerke, insbesondere Kirchen, denen sich die Päpste widmeten. Beginnend mit der Vita Silvesters gehören die Berichte über päpstliche Patronage innerhalb der Stadt zu den Hauptthemen des Liber pontificalis. Die Intention der breiten Schilderung ist doppelt: Sie präsentiert den Papst als souveränen Stadtherren und verweist auf die zunehmende Christianisierung der ehemals kaiserlichen Stadt. Die Berichte des Papstbuches werden mit archäologischen Befunden abgeglichen, was die tendenziöse Schilderung vermeintlich allein päpstlicher Initiativen im Text deutlich hervorhebt (122). Schilderungen über die Förderung römischer Märtyrerkulte gehören ebenfalls zu dieser Strategie.

Päpstliche Bestimmungen zu Liturgie und Recht als Zeichen für die Wahrung der Orthodoxie sind Thema des fünften Kapitels (132-170): Im Papstbuch wird die schrittweise Etablierung einer stadtumgreifenden, auf den römischen Bischof ausgerichteten Liturgie geschildert. Diese wurde in den folgenden Jahrhunderten für die gesamte lateinische Kirche zum Vorbild, wie McKitterick anhand von Werken fränkischer Geistlicher, vor allem Walahfrid Strabo, zeigt. Die selektiven Erwähnungen päpstlicher Rechtsprechung im Liber pontificalis verweisen auf den Anspruch universeller Verantwortung und Autorität der römischen Bischöfe für 'ihre' Kirche (148), in der die tatsächliche Normenvielfalt der Zeit keinen Platz hat.

Das sechste und letzte Kapitel (171-223) knüpft an das erste an und stellt erneut der Frage der Entstehung des Liber pontificalis. Basis für die Antwort ist die handschriftliche Verbreitung des Werkes im Frühmittelalter. Trotz der Entstehung in Rom ist der Liber pontificalis nur in italischen und fränkischen Handschriften erhalten - ein Schicksal, das er mit anderen römischen Texten des Frühmittelalters teilt. Über die frühen Rezensionen des Werkes und dessen Entstehung und Verbreitung lassen die Manuskripte daher keinen Aufschluss zu. Diese Fragen müssen durch textimmanente und textkritische Argumente beantwortet werden. Aber Zusammenstellungen des Liber pontificalis mit anderen Werken, Abkürzungen und spezifischen Zusätze in den erhaltenen Handschriften - zu erwähnen wäre beispielsweise die langobardische Rezension des Papstbuches - lassen erkennen, wie die Rezipienten Einfluss auf die Textgestaltung und letztlich das Bild des Papstes außerhalb Roms nahmen.

Gerade in den Passagen, in denen es um die Manuskripte des Liber pontificalis geht, nimmt das Buch Fahrt auf. McKitterick als ausgewiesene Kennerin der frühmittelalterlichen Überlieferung versteht es meisterhaft Bezüge zu anderen Werken herzustellen und den handschriftlichen Befund zu interpretieren. So ist ein Verdienst des Buches die intertextuellen Bezüge aufzudecken, die auch der nüchtern geschriebene Liber pontificalis aufweist. Dass das Papstbuch trotz seiner formelhaften Sprache und Gleichförmigkeit, keineswegs objektiv über die Päpste und deren Taten berichtet, wird an vielen Punkten deutlich, z.B. den Berichten über die päpstlichen Kirchenbauten in Rom. Dass McKitterick immer wieder darauf hinweist, wirkt mitunter überflüssig.

Die durchdachte Komposition des Werkes aufzuzeigen und die einzelnen Bestandteile der Viten in ihrer Funktion im Text klar zu benennen, ist nur ein Verdienst des Buches. Den Text als Ganzes in seiner Wirkung, sei es die erste Version der römischen Verfasser des 6. Jahrhunderts oder die interpolierten Fassungen, die im Frankenreich Verbreitung fanden, zu würdigen ist ein weiterer. Dem Ergebnis, dass der Liber pontificalis als zentrales Selbstzeugnis des römischen Bischofs die Identität des Papsttums, aber auch der Stadt Rom prägte und wirkungsvoll nach außen transportierte, ist uneingeschränkt zuzustimmen.

Cornelia Scherer