Rezension über:

Florian Heßdörfer: Der Geist der Potentiale. Zur Genealogie der Begabung als pädagogisches Leistungsmotiv, Bielefeld: transcript 2021, 239 S., ISBN 978-3-8376-6051-7, EUR 35,00
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Rezension von:
Tim Zumhof
Universität Trier
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Tim Zumhof: Rezension von: Florian Heßdörfer: Der Geist der Potentiale. Zur Genealogie der Begabung als pädagogisches Leistungsmotiv, Bielefeld: transcript 2021, in: sehepunkte 22 (2022), Nr. 9 [15.09.2022], URL: http://www.sehepunkte.de
/2022/09/36931.html


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Florian Heßdörfer: Der Geist der Potentiale

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Seit Beginn des 20. Jahrhunderts hat der Begriff der "Begabung" unter Fachleuten ebenso wie in der Öffentlichkeit zunehmend an Bedeutung gewonnen. Bereits im Jahr 1896 erschien in Deutschland eine wichtige Studie zur "Theorie der Begabung", die sowohl eine empirische, "[p]sychologisch-pädagogische Untersuchung über Existenz, Klassifikation" und "Ursachen" der Begabung bot als auch eine evaluative Analyse von "Bildsamkeit, Wert und Erziehung menschlicher Begabungen" versprach. [1] Seither avancierte die Wendung vom "Aufstieg der Begabten" [2] zu einer bildungspolitischen Programmatik, die von unterschiedlichen ideologischen Lagern vorgetragen wurde, und biologisch-psychologische sowie volkswirtschaftliche und sozialpolitische Ansichten zusammenlaufen ließ. Heute befasst sich die Begabungsforschung mit Fragen der individuellen und Hochbegabten-Förderung, der Bildungs- und Begabungsgerechtigkeit sowie mit den Herausforderungen einer inklusiven Schul- und Unterrichtsgestaltung. [3] 'Begabungen' werden hierbei oft im Sinne von Potentialen als "Möglichkeiten des einzelnen Subjekts" aufgefasst, die im "weiteren Leben Wirklichkeit werden sollen" und die jeder als individualisierte Aufgaben nur auf "seine Art zu bestehen" habe. [4]

Vor diesem Hintergrund befasst sich der Erziehungswissenschaftler Florian Heßdörfer in seiner Habilitationsschrift "Der Geist der Potentiale" mit der "Genealogie der Begabung als pädagogisches Leistungsmotiv". Hierbei geht es um die Frage, wie die Geschichte des pädagogisch-psychologischen Denkens zu der heute unter Fachleuten und Laien gängigen Vorstellung beigetragen habe, dass menschliche Potentiale, Talente und Anlagen zu ihrer eigenen Realisierung verpflichten. Wie verändert sich pädagogisches Denken und Handeln, wenn es nicht an Idealen, sondern an latenten Potentialen orientiert ist? Für die Bearbeitung dieser "gegenwartsgeschichtlichen" (15) Fragestellung wählt Heßdörfer in Anlehnung an Michel Foucault einen diskursanalytischen Zugriff, bei dem Produktionsprozesse von pädagogisch-psychologischem Wissen daraufhin untersucht werden, wie dieses Wissen hervorgebracht wird, wie es sich praktisch und anhaltend Geltung verschafft und hierdurch zu einer "pädagogisch strukturierten 'Menschenregierungskunst'" (22) beiträgt. Im Zentrum der Untersuchung stehen exemplarisch ausgewählte, weitgehend deutschsprachige Texte und Autoren aus dem Zeitraum "um 1900" (11), deren Begriffe, Argumente und Vorstellungen heute wie "Komplizen" (23) weiterwirken.

Das Buch gliedert sich insgesamt in acht Abschnitte: Nach einer einleitenden Vorbemerkung und einem vorgreifenden Resümee, das einen orientierenden Überblick 'vom Ende' her verspricht, folgen fünf unzusammenhängende, kursorische Studien - von denen vier aus bereits publizierten Aufsätzen hervorgegangen sind - sowie ein abschließendes Kapitel. Die erste Studie befasst sich mit Ellen Keys eugenischem Entwurf von Kindsein, was sich vom Erwachsensein weniger durch Alter, Schwäche oder Naturnähe unterscheide, sondern durch den "Grad an Möglichkeitssättigung". (92) Die zweite Studie thematisiert mit einem Fokus auf Theodor Litts "Idee einer nationalen Gesamtökonomie des Geistes" (114) den Zusammenhang von "Individualisierungsforderung" (102) - also die aus der Identifizierung individueller Anlagen/Begabungen resultierende Befragung beziehungsweise Regierung des Einzelnen hinsichtlich seiner zukünftig möglichen, als Projekt gedachten Existenz - und der bedarfsorientierten Allokationsfunktion des Bildungswesens. In der dritten Studie widmet sich Heßdörfer der "erbbiologisch geläuterte[n] Pädagogik" (141) von Wilhelm Hartnacke, der in der NS-Zeit als sächsischer Minister für Volksbildung tätig war und eine rigorose schulische Auslesepraxis vor dem Hintergrund vermeintlich unveränderlicher Begabungsgrenzen einforderte. In der vierten Studie wird der Frage nachgegangen, inwiefern Herrmann Ebbinghaus' "praxisferne und laborbasierte Psychologie" (161) Eingang in das pädagogische Denken gefunden habe und wie der in die USA emigrierte Psychologe Hugo Münsterberg trotz wertneutraler Forschung die moderne Laborpsychologie als "nahezu universale Beratungsautorität" (168) ausgeben konnte. In der fünften Studie geht es um die Ludifizierung von Tests und den Einsatz von Spielzeug in Beobachtungsstudien wie in William Sterns Methodensammlung zur Intelligenzprüfung. Abschließend hebt Heßdörfer die Kritik des US-amerikanischen Psychologen David McClelland an der klassischen Intelligenztestung und die Etablierung des "modernen Kompetenzparadigmas" (205) hervor, bei der sich der Kompetenzbegriff als eine Variation des Geistes der Potentiale erweise.

Angesichts der gegenwärtigen Rede von 'Begabung' in der Öffentlichkeit und unter Fachleuten erscheint eine Historisierung, wie sie Heßdörfer in seiner Arbeit anschiebt, eine notwendige und aufschlussreiche Aufgabe zu sein. Hierin liegt eine wesentliche Leistung der vorliegenden Arbeit. Da Heßdörfers "Geist der Potentiale" aber ausdrücklich keine "Geschichte der Potentiale" (197) sein will, bleiben - zumindest aus bildungsgeschichtlicher Perspektive - bei diesem Unterfangen einige Fragen offen: Unklar ist weiterhin, worin die Exemplarität der ausgewählten Texte und Autoren besteht. Diese Frage stellt sich insbesondere hinsichtlich der sehr unterschiedlichen (bildungs-)politischen und (trans-)nationalen Kontexte, die in der Arbeit zwar angesprochen, aber kaum in die Analysen aufgenommen werden. Auch thematisiert der Autor nicht, welche Bedeutung die Rede von 'Begabung' für bildungspolitische Akteure und Interessenverbände hatte und welche Praktiken der Begabungsdiagnose und Begabungsförderung institutionell implementiert wurden. Erstaunlich ist zudem, dass zwar im Zusammenhang mit McClelland auf die Formel des lebenslangen Lernens hingewiesen wird, die für die deutsche Bildungsexpansion aber zentrale Umdeutung von Begabung als Produkt (und nicht Bedingung) von Lernprozessen in Heinrich Roths Sammelband "Begabung und Lernen" (1968) keine Erwähnung findet. "Der Geist der Potentiale" ist daher mehr Auftakt als Bilanz einer radikalen Historisierung von Begabungskonzeptionen.


Anmerkungen:

[1] Richard Baerwald: Theorie der Begabung. Psychologisch-pädagogische Untersuchung über Existenz, Klassifikation, Ursachen, Bildsamkeit, Wert und Erziehung menschlicher Begabungen, Leipzig 1896.

[2] Peter Petersen: Der Aufstieg der Begabten. Vorfragen, Leipzig 1916. Vgl. hierzu Peter Drewek: Begabungstheorie, Begabungsforschung und Bildungssystem in Deutschland 1890-1918, in: Bildung, Staat, Gesellschaft im 19. Jahrhundert. Mobilisierung und Disziplinierung, hg. von Karl-Ernst Jeismann, Stuttgart 1989, 387-412.

[3] Vgl. beispielsweise Carolin Kiso / Judith Lagies (Hgg.): Begabungsgerechtigkeit. Perspektiven auf stärkeorientierte Schulgestaltung in Zeiten von Inklusion, Wiesbaden 2019. Vgl. auch Claudia Solzbacher / Gabriele Weigand / Petra Schreiber (Hgg.): Begabungsförderung kontrovers? Konzepte im Spiegel der Inklusion, Weinheim / Basel 2015.

[4] Vgl. Gabriele Weigand: Geschichte und Herleitung eines pädagogischen Begabungsbegriffs, in: Karg-Hefte: Beiträge zur Begabtenförderung und Begabungsforschung 3/2011, 48-54, hier 53; www.karg-stiftung.de/pdf/Karg-Heft-Nr-3.pdf (11.07.2022).

Tim Zumhof