Jonas Hahn: Die Deutsch-Israelischen Studiengruppen und die frühen studentischen Kontakte mit Israel 1948-1972 (= Israel-Studien. Kultur-Geschichte-Politik; Bd. 7), Göttingen: Wallstein 2025, 352 S., 16 s/w-Abb., ISBN 978-3-8353-5869-0, EUR 38,00
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Die Annäherung zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Israel gestaltete sich in den 1950er Jahren äußerst schwierig. Die Bedenken in großen Teilen der israelischen Gesellschaft gegenüber dem Nachfolgestaat des NS-Regimes waren angesichts der deutschen Verbrechen gegen die Juden mehr als verständlich. In Westdeutschland dagegen war das Interesse an dem jüdischen Staat generell sehr gering.
Bei den frühen Kontaktaufnahmen zwischen beiden Ländern spielten deutsche Studierende, die Reisen nach Israel unternahmen, eine wichtige Rolle. 1957 gründete sich schließlich an der Freien Universität in Berlin die erste Deutsch-Israelische Studiengruppe. Sie entstand aus einem Arbeitskreis des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds (SDS), damals noch der Hochschulverband der SPD. Die linken Studenten betrachteten Israel als progressiven Staat, über den sie mehr erfahren wollten.
In den kommenden Jahren entstanden Studiengruppen in vielen Universitätsstädten. Ihrer Geschichte geht Jonas Hahn in seiner an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität entstandenen und von Michael Brenner betreuten Dissertation erstmals nach. Damit arbeitet er eine wichtige Etappe im frühen deutsch-israelischen Verhältnis auf. Das Buch besteht neben der Einleitung und dem Fazit aus sechs Kapiteln, die chronologisch die Zeit von der Staatsgründung Israels 1948 bis 1972 behandeln.
Die ersten Versuche deutscher Studierender, nach Israel zu reisen, stießen aufgrund der fehlenden offiziellen Beziehungen auf hohe Hürden. Umso erstaunlicher ist, dass Eva Beling 1956 nach Israel reiste, um sich an der Hebräischen Universität in Jerusalem zu immatrikulieren. Bereits zwei Jahre zuvor war sie mit ihrer Schwester nach Israel gefahren und damit wahrscheinlich die erste nichtjüdische deutsche Touristin dort. Bereits diese Reise war von der israelischen Presse breit wahrgenommen worden. Die Genehmigung zur Einreise hatte die Israel-Mission in Köln erteilt, die seit dem Luxemburger Abkommen 1952 als eine Art inoffizielle Botschaft fungierte.
Zu ihrem Studienaufenthalt hatte Beling ein Empfehlungsschreiben des Frankfurter Sozialphilosophen Max Horkheimer erhalten, bei dem sie studierte und später auch eine Doktorarbeit verfasste. Sie untersuchte die Eingliederung der jüdischen Einwanderer aus Deutschland in Israel. Seinerzeit bestand noch keine Möglichkeit der Förderung, etwa durch den Deutschen Akademischen Austauschdienst. Dennoch setzte Beling ihr Vorhaben um und berichtete rückblickend sehr positiv über ihren Israelaufenthalt. Hahn betont, dass Eva Beling den Weg für zukünftige Studienaufenthalte in Israel bereitet habe.
Angesichts der Suez-Krise 1956 organisierten arabische Studierende Proteste an verschiedenen deutschen Universitäten. Dieser Umstand beunruhigte die Mitarbeiter der Israel-Mission, da sie aufgrund der Bedeutung der Bundesrepublik für Israel an einer guten Öffentlichkeitsarbeit interessiert waren. Deshalb suchte sie den Kontakt zu Studierenden, die an Israel Interesse bekundeten, und bemühte sich, ihre Aktivitäten zu unterstützen. Die Deutsch-Israelische Studiengruppe in Berlin organisierte Vorträge über Israel, lud Referenten ein und wollte der Unkenntnis und dem verbreiteten Desinteresse in der Öffentlichkeit am jüdischen Staat entgegenwirken. Es waren zunächst hauptsächlich linke oder christliche Studierende, die sich aus unterschiedlichen Gründen für Israel interessierten. Gerade für Linke galt Israel als eine progressive Gesellschaft mit einer starken Arbeiterbewegung und genossenschaftlichen Strukturen im Wirtschaftsbereich. Wie Hahn zu Recht betont, speiste sich das Israelbild häufig aus Projektionen und Wunschvorstellungen, die nicht zuletzt auch aus einem problematischen Philosemitismus erwuchsen. Deshalb nimmt es auch nicht wunder, dass der israelisch-arabische Konflikt in den Studiengruppen weitgehend eine Leerstelle blieb.
Neben der Beschäftigung mit Israel genoss für die Studiengruppen ein weiteres Thema höchste Priorität: die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit. Angesichts des politischen Klimas der 1950er und frühen 1960er Jahre stieß dieses Ansinnen auf breite gesellschaftliche Abwehr. Die Studiengruppen kritisierten sowohl die personellen Kontinuitäten in der Justiz und an den Universitäten als auch das Schweigen über die deutschen Verbrechen. So konzipierten Mitglieder der Studiengruppen beispielsweise 1959 die Ausstellung "Ungesühnte Nazijustiz", die in vielen Universitätsstädten gezeigt wurde und für großes Aufsehen sorgte. Außerdem schlossen sich die Studiengruppen der Forderung nach Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu Israel an und beteiligten sich zusammen mit anderen Organisationen an einer bundesweiten Kampagne dazu. 1965 nahmen die beiden Länder schließlich offiziell Beziehungen auf und tauschten Botschafter aus. Ein Jahr später entstand die Deutsch-Israelische Gesellschaft mit einer ähnlichen inhaltlichen Ausrichtung wie die Studiengruppen.
Für diese stellte die Reaktion der neuen Linken auf den Sechstagekrieg 1967 einen Einschnitt dar. Der SDS vollzog einen antizionistischen Paradigmenwechsel, der "im weiteren Verlauf teils in offenen Antisemitismus" (260) mündete. Israel wurde nicht mehr als Staat der Holocaustüberlebenden und emanzipatorisches Projekt gesehen, sondern als Vorposten des westlichen Imperialismus im Nahen Osten. Diese ideologische Positionsverschiebung führte zu heftigen politischen Auseinandersetzungen in den Studiengruppen. Die verschiedenen Entwicklungen seit Mitte der 1960er Jahre resultierten letztlich in ihrem Ende. Im April 1972 fand die letzte Bundesdelegiertenkonferenz statt. Sie fasste keinen offiziellen Auflösungsbeschluss, aber die bundesweite Organisation hatte damit faktisch aufgehört zu existieren.
Hahn arbeitet in seiner Dissertation einen sehr wichtigen, bislang nicht berücksichtigten Aspekt der frühen deutsch-israelischen Beziehungen heraus. Er resümiert die Bedeutung der Studiengruppen wie folgt: "Den Deutsch-Israelischen Studiengruppen fällt die Rolle und das Verdienst zu, die Anfänge mitgestaltet zu haben und damit auch folgenden Initiativen und Entwicklungen den Weg bereitet zu haben." (308)
Die Geschichte der Studiengruppen leistet zugleich einen Beitrag zur Erforschung des komplizierten Verhältnisses der deutschen Linken zu Israel. Hahn macht deutlich, dass die Linke bis 1967 fast durchweg proisraelisch war und in Israel nicht nur den Staat der Holocaustüberlebenden, sondern auch ein fortschrittliches gesellschaftliches Experiment sah. Diese Position historisch nachzuzeichnen, stellt angesichts der antisemitischen Haltungen vieler (radikaler) Linker nach dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 ein Verdienst von Jonas Hahn dar.
Sebastian Voigt