Wulf Raeck: Konkurrenz und Charisma. Porträts in der politischen Kultur des antiken Griechenland, Wiesbaden: Reichert Verlag 2025, 174 S., Diverse s/w-Abb., ISBN 978-3-7520-0819-7, EUR 59,00
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Antike griechische Porträts wurden oft als Teil einer (Kunst)Geschichte des europäischen Porträts studiert - vor allem die 'Fortschritte' in der Individualisierung ihrer Porträtköpfe. Schon lange aber stehen Fragen nach ihrer Rolle im sozialen und politischen Leben ihrer Zeit im Vordergrund - als öffentliche Medien ehrender Erinnerung. Wulf Raeck legt dazu nun eine zusammenfassende Studie vor mit dem Ziel, ihre Erscheinungsformen im Kontext "der politischen Kultur des antiken Griechenland" zu verstehen.
Er verfolgt eine diachrone Linie vom 6. Jahrhundert v.Chr. bis zur Festigung römischer Dominanz im 1. Jahrhundert v.Chr. (22). Klärungen zu Beginn (9-34) sind nicht allein methodologisch: Sie führen die Komplexität des Phänomens griechischer Porträts vor Augen, die nachantiken Pendants in Vielem fremd sind. Es handelte sich fast durchweg um ganzfigurige, im öffentlichen Raum sichtbare Porträts (12-13, 31); als Kommunikationsmittel vermittelten sie positive Botschaften über die Dargestellten und ihren Status (12, 19) - keine Charakterstudien, die äußerlicher "Ähnlichkeit" (24-33) bedurften, denn Inschriften identifizierten sie. Der Autor folgt dem heute maßgeblichen "weiten Porträtbegriff" (13). Dieser sieht körperliche Individualität und Ähnlichkeit mit den Dargestellten (dazu 13; 25-34) nicht als Bedingungen, sondern, wenn sie auftauchen, als Teile der Semantik eines Porträts an, die es zu erklären gilt. Um dies zu erreichen, ordnet er die Bildnisse - und darin liegt der 'rote Faden' - ein ins politisch-sozial geprägte Spannungsfeld von physischer Individualisierung, d.h. Absetzung gegenüber anderen, Typisierung bzw. Normierung und divin-heroenhafter, überpersönlicher Stilisierung, die z.T. als Idealisierung bezeichnet und mit Charisma verbunden wird (11, 22, vgl. 66).
Schon kleinformatige Handwerkervotive des 8. Jahrhunderts v.Chr. könnte man als erste griechische Porträts verstehen. Bei Raeck stehen am Beginn erste großformatige Bildnisse von Angehörigen der sozialen Elite im 6. Jahrhundert v.Chr. (35-46). Ihre Konkurrenzorientierung kommt in vielfältigen Rollenbildern zum Ausdruck, deren Spektrum lokal verschieden, insgesamt aber auffällig konstant war. Individualisierungen von Körper oder Gesicht traten erst im späten 6. Jahrhundert auf (46-49). Raeck sieht im Einklang mit der Forschung ein Movens dazu im Konkurrenzdruck unter relativ vielen, im Grundsatz denselben Rollenidealen verpflichteten "Adeligen" (49) - man könnte pointieren: weil körperliche Differenzierungen die kollektiv-aristokratischen Rollenbilder nicht infrage stellten, an denen man festhielt.
Im frühen 5. Jahrhundert änderte sich dies. Die Statuen der Tyrannenmörder, 477/6 v.Chr. von den Athenern inmitten der Polis aufgestellt (52-56) [1], verzichteten als paradigmatische Leitbilder auf körperliche Individualisierung. Demgegenüber zeichneten das Bildnis des Themistokles (56-63) - oft als erstes Individualporträt bezeichnet - zwar differenziertere Einzelzüge aus. Doch waren sie Topoi einer additiven Kennzeichnung als "Tatmensch", als klug und - meines Erachtens fraglicher - als "rechtschaffen vierschrötig" (59, 62; durch schwerathletische Boxerohren?). Das um 430 v.Chr. geweihte Periklesbildnis hingegen präsentierte "physiognomische Unauffälligkeit" (66). Raeck diskutiert, ob es eine neue Epoche (demokratischer) Normierung eröffnete oder eine gegenüber Themistokles andere, eher den überindividuellen Tyrannenmördern folgende "Porträtauffassung" (70) repräsentierte (68; vgl. 141), wofür auch der heroenhafte Helm spricht. Er plädiert - in Anbetracht weiterer "realistisch" erscheinender Bildnisse (Homer, Pindar, Bronze von Porticello) - dafür, im 5. Jahrhundert eine Zunahme ikonographischer Differenzierungen anzunehmen, aber auch "von Individuen geweihte Bildnisse" als sich eher persönlich profilierend, "auf Beschlüsse der Polisgemeinschaft zurückgehende" eher als normiert zu sehen (71), obgleich einzig die Tyrannenmörder als sicher von der Polis errichtete Bildnisse bekannt sind. Die Debatte ist nicht abgeschlossen. Klaus Junker [2] erkennt jetzt im 5. Jahrhundert körperlich-individuelle Züge (wieder) als eine revolutionäre mimetische Option eines aus Freiheit erwachsenen Leistungsbewusstseins. Luca Giuliani [3] arbeitet dieselbe Option heraus und sieht in den persönlichen Bildmotiven des Pindarporträts selbstbewusst-individuelle, distinktive Repräsentation. Das neue 'Rollenbild' wäre weniger sozial imprägniert gewesen, als dass es die "Ich-bin-anders"-Sagenden ins Bild setzte.
Das Aufkommen offizieller Ehrenstatuen für verdiente Bürger rückte seit dem frühen 4. Jahrhundert die demokratisch-normierten Leitbilder in den Vordergrund (73-80) - zumindest in Athen: Selbst der Dichter Sophokles wurde zum Normalbürger im Mantel mit "Durchschnittsgesicht" (79), ein Ideal, das in den Statuen des Hellenismus fortlebte (89-96). Auffällig bleiben die lebensnahen Individualisierungen der bürgerlichen hellenistischen Porträtköpfe, die nun Unterscheidbarkeit und Glaubwürdigkeit anstrebten (95) - als konkurrierende Ebene neben dem Normhabitus der Statuen, was im Grundsatz an die Entwicklungen im späten 6. Jahrhundert erinnert.
Entscheidender für den Fortgang war das Aufkommen griechischer Herrscherbildnisse mit Alexander der Große (105-109). [4] Damit wurde die "überindividuelle, 'ideale' Porträtauffassung" zu derjenigen der neuen Herrscher, vor allem durch Götterattribute, sieghafte und heroengleiche Statuentypen - während Herrscher als Thronende und im Bürgermantel fehlten. Die beiden früheren Optionen der Porträtgestaltung wurden kategorial getrennt (109-120). Die Herrscherkörper blieben alterslos, doch verschwanden aus ihren Köpfen trotz überhöhender Formeln Lebensnähe und individuelle Erscheinung nicht, was Raeck einleuchtend als "Profilbildung" (113) in der Konkurrenz der Monarchien deutet, nicht unähnlich den Individualisierungen der Bürgergesichter.
Überzeugend sieht er dann gegen einen Teil der Forschung für das 2. Jahrhundert, als Rom im Osten stark wurde, Bildnisköpfe von 'Römern', ihren 'Sympathisanten' und solche von 'Griechen' nicht distinktiv getrennt (129-137). Ein kategorialer Unterschied zwischen 'griechischen' und 'römischen' Porträtköpfen lag im Interaktionsraum des Mittelmeeres nicht vor. In Italien entwickelten sich auch unter Bezug auf hellenistische Traditionen neue Porträtkonzepte erst im 1. Jahrhundert v.Chr. (130-134). Vorher übernahmen im Osten aufstrebende Römer statuarische Darstellungsformen hellenistischer Herrscher und Athleten, weil man sie als "typisch griechisch" und als besonders heraushebend empfand (125) - Körpertypen, die allerdings auch lokale Verstorbene in ihren Grabreliefs nutzten, was Raeck nicht bespricht. Die Polarisierung zwischen Herrschern und Bürgern löste sich damit, bevor die Herrschaft des römischen Kaisers neue Grenzen zog.
Wulf Raeck ist eine problemorientierte Gesamtdarstellung gelungen, die Komplexitäten und Widersprüche nicht nivelliert, sondern abwägend diskutiert. Vor allem werden griechische Porträts als ganzfigurige Statuen ernst genommen. Neue rezeptionsanalytische Zugriffe zu Aufstellungsorten bleiben ausgeklammert, auch andere Porträtmedien wie Grabreliefs - sein Ziel ist ein anderes. Er führt die sozialgeschichtlich orientierte Forschung der vergangenen 50 Jahre zum griechischen Porträt in Summe vor, koppelt sie aber einerseits an Einzelstudien auf ikonographisch-vergleichender Grundlage, die das Visuelle gegenüber textlichen Zeugnissen (aber nicht ohne sie) ins Zentrum stellen, andererseits an die alte Frage nach dem Sinn des Individuellen im griechischen Porträt, die er als eine sozialgeschichtliche versteht. Konkurrenz trieb in den demokratischen Poleis über mehr als 400 Jahre Individualisierungen - Politik aber auch Normierungen - voran. Monarchen forcierten Distinktion und Polarisierung. Ihre charismatischen Porträtstatuen wurden dann von aufstrebenden Römern - aber auch von Mitgliedern der Poleis - adaptiert, Grenzen wurden durchlässiger. Es bleibt nun, wie Raeck andeutet (143), griechische Porträts im diachronen und interkulturellen Vergleich zu positionieren, zunächst aber in diesem Sinne vielleicht, den Porträts der römischen Kaiserzeit, die andere soziale Kontexte und Praktiken erhellen, eine vergleichbare zusammenfassende Darstellung zu widmen.
Anmerkungen:
[1] Elisabeth P. Baltes: A monumental stepped statue base in the Athenian Agora, in: Hesperia 89 (2020), 339-377.
[2] Klaus Junker: Der klassische Stil und die sozialen Grenzen seiner Anwendung, in: JDAI 138 (2023), 13-51.
[3] Marie Luisa Catoni / Luca Giuliani: Der verurteilte Philosoph, die Satyrn und das Hässliche. Das frühe Sokrates-Porträt im Kontext, in: JDAI 136 (2021), 151-197, hier 174-176.
[4] S. nun Martin Kovacs: Vom Herrscher zum Heros. Die Bildnisse Alexander des Grossen und die Imitatio Alexandri, Rahden 2022.
Ralf von den Hoff