Nikolas Lelle / Tom Uhlig: Antisemitismus definieren. Anleitung zur Abgrenzung, Berlin: Verbrecher Verlag 2026, 128 S., ISBN 978-3-95732-651-5, EUR 18,00
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Die Annahme, dass sich gesellschaftliche Realität und Ideologien nicht in einfache Definitionen fassen lassen, scheint das Credo der Kritischen Theorie zu sein. Darüber hinaus verfehlen allgemeine Begriffe immer, was sie subsumieren: Das Allgemeine, wenn man es so abstrakt formulieren möchte, tut dem Besonderen unrecht. Damit setzt sich die Kritische Theorie sowohl gegen den Positivismus als auch gegen das identifizierende, eindimensionale (Ticket-)Denken ab, das sich, so Theodor W. Adorno und Max Horkheimer, kulturindustriell im 20. Jahrhundert durchgesetzt habe. Doch die Kritik am "Vulgärszientivismus", der Definitionen für das "Ein und Alles der Erkenntnis" hält, entbindet das kritische Denken nicht davon, selbst "in seinem Fortgang [...] der Definition mächtig" zu sein - zumindest "für Augenblicke" muss es vermögen, "die Sache durch sprachliche Prägnanz einstehen zu lassen" [1]. Gerade "der reale Gang der Geschichte nötigt" die Kritische Theorie, der sich Nikolas Lelle und Tom Uhlig in ihrer Beschäftigung mit Antisemitismus verpflichtet fühlen, "zum Aufsuchen von Konstellationen" [2]. Die Autoren werfen deshalb Blicke auf aktuelle Erscheinungsformen des Antisemitismus und gehen ihm in der wissenschaftlich-politischen Debatte um seine Bestimmung sowie im gesellschaftlichen Alltag nach. Dementsprechend ist das Buch nicht nur an ein Fachpublikum gerichtet, sondern zielt auf eine breite Rezeption und bemüht sich, der Ratlosigkeit und Ignoranz gegenüber Antisemitismus etwas entgegenzusetzen. Der Band nimmt dabei keineswegs eine neutrale Position ein. Stattdessen wollen die Autoren dazu beitragen, "das Phänomen Antisemitismus" nicht nur wissenschaftlich zu ergründen, sondern, wie es programmatisch heißt, dazu beitragen, ihn "praktisch zu erledigen" (39).
Einleitend positionieren sich die Autoren zum 7. Oktober 2023. Das Massaker der Hamas stelle eine "Zäsur [dar], die keine ist", da sich die schon vorhandene "Indifferenz gegenüber jüdischem Leben" erneut gezeigt habe, während "moralische Empörungswellen, angefeuert durch die Verhältnisse in Nahost, und Verschwörungserzählungen" in einer "gesamtgesellschaftliche[n] Ratlosigkeit im Umgang mit antisemitischen Eskalationsdynamiken" virulent geworden seien (9). Außerdem sprechen sie sich gegen eine regressive Erinnerungskritik aus, die verkenne, dass die Erinnerungskultur keine offiziöse Staatsräson darstellt, sondern von unten und durch Überlebende transnational allererst gegen die eigene familiäre Verstrickung ausblendende Mehrheitsgesellschaft erkämpft werden musste.
Lelle und Uhlig diskutieren im Hauptteil an Fallbeispielen, ob es eine Antisemitismus-Definition brauche, um gegen ihn vorzugehen. Sie konjugieren Begriffsbestimmungen und Vorfälle von Antisemitismus durch und versuchen, Irrtümer so zu wenden, dass sie zum Verständnis von Antisemitismus beitragen. Der von den Autoren "vorgeschlagene Antisemitismusbegriff" ist die "Summe der ausgeräumten Missverständnisse": Die Unstimmigkeiten und "Halbwahrheiten" im Diskurs über Antisemitismus sollen so gewendet und betrachtet werden, dass sie zu seiner Bestimmung beitragen (39). Zugespitzt kritisieren die Autoren die "Tendenz", durch vermeintliche Differenzierung "noch die augenfälligsten, direktesten Formen antisemitischer Gewalt und Ideologie diskutabel machen zu wollen" (53). Darin zeige sich die Schieflage einer Diskussion über Antisemitismus, der nur als solcher anerkannt werde, wenn er in Reinform auftrete. Die Diskussion um die documenta fifteen beispielsweise belege, dass sich in der Öffentlichkeit etwas "sträubt, [...], Antisemitismus eindeutig zu benennen", und immer "Restzweifel [bleiben], ob es sich bei Antisemitismus wirklich um Antisemitismus handelt" (16). Wo er klar benannt wird, ist er "derart umstritten", dass er als "Frage daher[kommt]", die jedoch "keine Antwort" duldet (57).
Der Fokus des Bandes auf die Arbeitsdefinition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) und die Jerusalem Declaration on Antisemitism bringt mit sich, dass die wissenschaftliche Debatte selbst zum Sujet wird. Nicht nur der Antisemitismus, sondern auch seine Bagatellisierung gerät in den Blick: Dabei treten Beschwichtigungen nicht selbst als Spielarten des Antisemitismus auf, aber die subjektive Abwehrstruktur und das "Unbehagen an der Antisemitismuskritik" trügen doch zu einer "Gelegenheitsstruktur für die antisemitischen Vorfälle von morgen" bei (58). Zwar reichen für die Autoren Definitionen nicht aus, um Antisemitismus in all seinen Spielarten zu erkennen und zu kritisieren, aber dennoch hegen sie deutliche Sympathie für die IHRA-Definition, die "eine Handreichung, kein Monolith", sei, und "signalisiert, dass diese weiterentwickelt werden kann" (31). Ähnlich der Herangehensweise des Buches, das sich über exemplarische Einwürfe konstellativ-kreisend dem Antisemitismus nähert, lebe die Arbeitsdefinition von den Beispielen, die sie "überhaupt erst mit Leben füllen" (33).
Die diskutierte Bandbreite der Umgangsformen mit Antisemitismus reicht von intellektuellen Debatten zu Psychologie, Geschichte, Intersektionalität, über Überforderungen der (Schul-)Pädagogik bis zu Gerichtsverhandlungen über Antisemitismusvorwürfe und Volksverhetzung. Die Autoren werfen mit Adorno, Jean Amery, Moishe Postone oder Shulamit Volkov Schlaglichter auf Antisemitismustheorien und den Gegenwartsantisemitismus.
Die Auswahl dieser Fallbeispiele bietet ein Panorama der deutschsprachigen akademischen Auseinandersetzung um Antisemitismus im 21. Jahrhundert.
Die Autoren liefern ihrem eigenen Anspruch nach nicht mehr und nicht weniger als eine Anleitung zur Abgrenzung in der Diskussion darüber, wie Antisemitismus zu definieren sei. Zumeist aus der Negation schöpfen sich positive Bestimmungen: Aus der Kritik an der extremismustheoretischen Ausblendung des "Antisemitismus der sogenannten Mitte" (114) folgern sie etwa, dass Antisemitismus eine "Brückenideologie" sei, die "gesamtgesellschaftlich ihr Unwesen treibt" (115). Weder sei er dem Rassismus "als Unterform" zu subsumieren (116), noch werde er "beim intersektionalen Ansatz [...] als Kategorie mitgedacht" (128). Weiterhin werde der Antisemitismus als vermeintlich importierter von den "wieder gutgewordenen Deutschen" rassistisch externalisiert und kulturalisiert (142); dass "auch unter Menschen mit Migrationsgeschichten Antisemitismus verbreitet" ist (144), dürfe nicht der Ablenkung von der fortwährenden und nicht aufgearbeiteten "lange[n] Geschichte des Judenhasses in Deutschland" dienen (143).
Die Kraft und zugleich die Schwäche dieses Ansatzes besteht im fragmentarischen Oszillieren zwischen der Besprechung von Ausdrucks- und Erscheinungsformen von Antisemitismus und der Diskussion eines Meta-Diskurses. Schwach ist dies aufgrund der Fallhöhe und Sprunghaftigkeit zwischen den teils unvermittelten Splittern, die diskutiert werden: der vermeintlich banalen Alltags-Antisemitismen, aktuellen wissenschaftlichen Studien, an der Kritischen Theorie orientierter Antisemitismusforschung, historischen Konstellationen und ihrer geschichtswissenschaftlichen Analysen. Stark ist dies, da die zunächst irritierende Fallhöhe anzeigt, wie verwoben und mannigfaltig der gesamtgesellschaftliche Antisemitismus ist. Er ist selbst eine sprunghafte Ideologie, die sich mit sich selbst nur wahnhaft vermitteln lässt; sie drückt sich im banalsten und im komplexesten Gedankengang aus; sie kann ahistorisch und zugleich geschichtsträchtig sein. Die Autoren formulieren, wie sie selbst zu bedenken geben, "keine geschlossene Theorie über Antisemitismus" (196 f.). Nötig ist das Oszillieren, da das gesellschaftspolitische Interesse den akademischen Diskurs prägt und die diskursive Ratlosigkeit in eine Abwehrstruktur mündet, den Antisemitismus als solchen nicht anzuerkennen, und ihn dadurch zu perpetuieren.
Beginnt das Buch mit dem Vorschlag eines "Perspektivwechsel[s] [...], Antisemitismus definieren als eine Praxis zu verstehen, als Arbeit am Begriff, die das Phänomen durch Abgrenzung konturiert" (12), so endet es mit der Erkenntnis, dass weder der Antisemitismus noch das, was gegen ihn - beispielsweise in der politischen Bildung - zu tun ist, überzeitlich bestimmt werden kann. Die Publikation, die einerseits der Selbstverständigung dient, andererseits versucht, Antisemitismus jenseits eindeutiger Definitionen erkennbar zu machen, schließt mit der Hoffnung, dazu beizutragen, dass die Leserinnen und Leser in immer neu erprobten "Praktiken der Solidarität, des Widerstands und der Aufklärung" eine klare Haltung gegen Antisemitismus einnehmen (200).
Anmerkungen:
[1] Theodor W. Adorno: Negative Dialektik. Jargon der Eigentlichkeit, Frankfurt a. M. 1997, 167.
[2] Ebenda, 168.
Lea Fink