Rezension über:

Johannes Jahn / Stefanie Lieb: Wörterbuch der Kunst, 13., vollst. überarb. u. erg. Aufl., Stuttgart: Alfred Kröner Verlag 2008, X + 917 S., 330 Abb., ISBN 978-3-520-16513-8, EUR 31,80
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Renate Maas
Hamburg
Redaktionelle Betreuung:
Julian Jachmann
Empfohlene Zitierweise:
Renate Maas: Rezension von: Johannes Jahn / Stefanie Lieb: Wörterbuch der Kunst, 13., vollst. überarb. u. erg. Aufl., Stuttgart: Alfred Kröner Verlag 2008, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 5 [15.05.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/05/15147.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Andere Journale:

Diese Rezension erscheint auch in KUNSTFORM.

Johannes Jahn / Stefanie Lieb: Wörterbuch der Kunst

Textgröße: A A A

Wer bislang ein Nachschlagewerk zur bildenden Kunst suchte, fand in dem Wörterbuch der Kunst, das der Kröner-Verlag seit 70 Jahren herausgibt, eine kleine und handliche Alternative zu einschlägigen, oft mehrbändigen Lexika. Nun liegt dieser von Johannes Jahn begründete Klassiker in der 13., laut Verlag vollständig überarbeiteten und ergänzten Auflage vor. Was daran unmittelbar ins Auge fällt, ist das neue Format: Das Buch ist doppelt so groß wie bisher. Als ein ständiger Begleiter, als welcher es oft gelobt wurde, taugt es damit weniger - zumal auch sein Gewicht, stattliche 1,3 kg, mit einem Notebook konkurriert. Diese Änderungen werden durch Verbesserungen in anderen Bereichen aufgewogen: Die Schrift ist lesbarer geworden, und die Abbildungen werden dem Zweck der Veranschaulichung nun besser gerecht. Vor allem wurde die Stichwortanzahl gegenüber der letzten Auflage um 200 Einträge - vorwiegend zur modernen und gegenwärtigen Kunst und Architektur - auf 3200 erhöht, und mit 330 schematisierten Zeichnungen enthält das Buch bemerkenswerte 50 Prozent mehr als zuvor.

Doch der erklärte Zweck von Jahns Wörterbuch ist nicht formaler oder quantitativer Art. Vielmehr soll über die alphabetische Auflistung wesentlicher Begriffe hinaus deren Bedeutung im geschichtlichen Kontext zugänglich gemacht werden (Vorwort zur ersten Auflage, VII). Aus diesem Grund hat die Kunsthistorikerin Stefanie Lieb, die die Neuauflage bearbeitet hat, das Verweissystem verfeinert und bibliografische Angaben aktualisiert. Ziel ist es, so informiert uns der Umschlagtext, die Leser zur weiteren Beschäftigung mit bildender Kunst, Architektur und Design anzuregen. Das bisherige Prinzip der Stichwortauswahl hat Lieb beibehalten. Es beruht auf einer Gliederung des kunstgeschichtlichen Feldes von der Vorzeit bis heute in Länder und Epochen, Künstler und Architekten, bedeutende Objekte und Symbole sowie Methoden, Materialien und Techniken. Wohl über ein Viertel aller Lemmata nehmen die Personen ein. Hierzu gehört auch eine Reihe von Künstlerinnen, denen Lieb endlich ihren angemessenen Platz eingeräumt hat - ein Verdienst, das man gar nicht hoch genug schätzen kann. Denn in den früheren Auflagen sind selbst so wichtige Namen wie Claudel, Kahlo und Hepworth nicht verzeichnet. Außer diesen Künstlerinnen hat Lieb viele zeitgenössische aufgenommen, namentlich etwa Bourgeois, Holzer oder die Architektin Hadid. Bereits vorhandene Artikel über Modersohn-Becker, Münter und Kauffmann wurden so geändert, dass die Frauen stärker als eigenständige Künstlerpersönlichkeiten und weniger als 'Schülerinnen' oder 'Gattinnen' in Erscheinung treten.

Traditionell sind die Wörterbücher des 1904 gegründeten Kröner-Verlags sowohl für Fachleute als auch für Laien konzipiert. Dieses Konzept, das vor dem Hintergrund seinerzeit zunehmender Bestrebungen der Volksbildung steht, verlangt von den Autoren, wissenschaftliche Begriffe allgemein verständlich zu erklären. Daher bestechen die Artikel im Wörterbuch der Kunst durch eine klare, anschauliche und lebendige Sprache. Allerdings klingt auch in der neuen Auflage vielfach die 'bodenständige' und emphatische Ausdrucksweise der frühen Ausgaben durch. Zwar wurden propagandistische Elemente längst entfernt, doch viele Formulierungen bleiben befremdlich und zeugen von einer überholten Ästhetik, die schöpferische Leistungen am Grad von Vergeistigung, Schönheit und Vollkommenheit misst. So heißt es etwa über Lehmbrucks 'vergeistigte' Figuren mit überlängten Gliedmaßen, sie würden "nie ins Hässliche und Deformierte abgleiten" (502), womit der Künstler einst offenbar gegen die nationalsozialistische Ächtung in Schutz genommen werden sollte.

Es wäre also gut gewesen, in den 13 Jahren seit der letzten Auflage wirklich alle Artikel zu überarbeiten, wie es die Verlagsangabe suggeriert, und nicht nur viele, wie die Autorin im Widerspruch hierzu in ihrem Vorwort schreibt. Auch erfolgte die Überarbeitung nicht immer konsequent. Der Begriff 'Primitive Kunst' etwa wird durch Anführungszeichen als veraltet kenntlich gemacht, zugleich aber der fragwürdige (wenngleich noch gängige) Name 'Buschmänner' für das südafrikanische Volk der San beibehalten (675). Ein anderes Beispiel für die Notwendigkeit grundlegender, systematischer Korrekturen des Jahn liefert der Artikel 'Volkskunst'. Dort lesen wir: "Heute sind in ganz Europa viele Vereine und amtliche Stellen bemüht, die V[olkskunst] zu pflegen und zu fördern", gefolgt von dem Hinweis auf den ersten internationalen Volkskunst-Kongress in Prag 1928 (877). Ein Blick in frühe Ausgaben bestätigt, dass 'heute' keineswegs unsere Gegenwart meint.

Als problematisch erweist sich ferner das - zweifellos nützliche - Verweissystem. Es kommt vor, dass ein Text kaum noch für sich spricht, sondern in erster Linie auf weitere Begriffe verweist. Im Artikel 'Deutsche Kunst' führt dies soweit, dass sich der Leser - anders als etwa im Fall der italienischen oder französischen Kunst - mit Hilfe der unzähligen Künstlerverweise ihre Spezifik selbst erschließen muss. Die von Jahn übernommene nationenorientierte Kategorisierung von Kunst wird damit hinfällig. Zudem führt der Versuch, an angegebener Stelle eine Begriffserklärung zu erhalten, oft ins Leere. Beispielsweise taucht die unter 'Deutsche Kunst' erwähnte 'Heimatkunst' in dem ausgegliederten Teil 'Nationalsozialistische Kunst', auf den verwiesen wird, gar nicht auf. Dasselbe Problem stellt sich, wenn man unter 'Arno Breker' nachschlägt.

Häufig weichen Auswahl und Umfang von Artikeln von der heutigen wissenschaftlichen Bedeutung eines Künstlers oder Begriffs ab. Einträge wie der über Bunzlauer Tonwaren (132) wären verzichtbar, andere dürften kürzer ausfallen. So irritiert es, dass dem Heimatmaler Hans Thoma eine ganze Spalte gewidmet ist (830), man Namen wie Gerz oder Haacke aber vergeblich sucht. Ebenfalls unausgewogen sind Inhalt und Umfang der bibliografischen Apparate. Während uns zu den Stichworten 'Gotik' oder 'Matisse' eine Palette vom frühen 20. Jahrhundert bis heute vorgestellt wird, vermissen wir bei den Artikeln 'Kunstgeographie' und 'Volkskunst' grundlegende Schriften aus den 1930er Jahren. Auch wichtige Techniken wie die Acrylmalerei, Werke wie das Perikopenbuch Heinrichs II. oder Schulen wie die Reichenauer oder Leipziger sind nicht vertreten. Ebenso fehlen namhafte Designer und Design-Objekte, so dass die Behauptung, das Buch informiere über Design, sehr vollmundig klingt. Zu Recht indessen wird in diesem Kunst-Lexikon nur bedingt fündig, wer ein theoretisches Interesse an der Kunst und an der kunstgeschichtlichen Disziplin verfolgt.

Je länger man in dem Buch blättert, desto mehr Interessantes entdeckt man - und bemerkt umso mehr, was fehlt. Doch ein Wörterbuch der Kunst kann naturgemäß nie vollständig sein. Das vorliegende bleibt bei aller Detailkritik ein eindrucksvolles Werk, in dem Kunstinteressierte gern kreuz und quer lesen. Verglichen mit den sachlich-spröden Formulierungen anderer Nachschlagewerke wird die Fülle der Kunstgeschichte hier wirklich noch sprachlich transportiert. Eine 'vollständig überarbeitete und ergänzte Auflage', wie der Verlag schreibt, ist diese aber nicht, denn dafür hätte ihre Modernisierung konsequenter sein müssen. Hoffentlich nimmt Kröner bald eine solche Erneuerung in Angriff und zieht auch eine Rückkehr zum handlichen Format in Erwägung.

Renate Maas