Mario Kaun: Begrenztes Cottbus? Perspektiven auf die Lebenswelt der Cottbuser Exklavengesellschaft von 1740-1806 (= Schriften des Frühneuzeitzentrums Potsdam; Bd. 13), Göttingen: V&R unipress 2024, 314 S., 5 Farb-Abb., ISBN 978-3-8471-1726-1, EUR 50,00
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Exklaven waren im Heiligen Römischen Reich keine Seltenheit, sondern westlich der Oder ein eher alltägliches Phänomen, das gleichwohl in der Forschung selten problematisiert wird. [1] Umso reizvoller, wenn eine Studie sich einmal ausdrücklich dieser Thematik annehmen möchte. Mario Kaun wählt in seiner Potsdamer Dissertation als Forschungsregion Stadt und Kreis Cottbus (die Begrifflichkeit lässt sich in den Quellen nicht sauber trennen, wie Kaun belegt), seit Mitte des 15. Jahrhunderts brandenburgischer Teil der Niederlausitz. Seine Untersuchung zielt auf die Lebenswelt der Cottbuser Exklavengesellschaft von 1740 bis 1806 ab.
Das Buch ist in fünf Kapitel unterteilt. Nach der Einleitung (15-32) schildert Kaun solide die Rahmenbedingungen einer brandenburgisch-preußischen Exklavenlage im 18. Jahrhundert (33-74). Hierfür erarbeitete er umfassende Bevölkerungstabellen und wertete diese aus. Anhand zahlreicher (etwas klein geratener) zeitgenössischer Kartenbeispiele zeigt die Studie, wie bedarfsorientiert Karten zur Frage der Grenzziehung und territorialen Zugehörigkeit waren - und sind, ein Grundproblem der Kartografie bis in die Gegenwart. [2] Eine vom Verfasser der Studie erstellte Karte zeigt vermutlich erstmals eine seriöse Darstellung der Exklave Cottbus im 18. Jahrhundert (82-94).
Kapitel 3 widmet sich dem "Alltag im Grenzgebiet" (75-142). Die Studie betrachtet in überzeugender Weise die wirtschaftliche Entwicklung der Städte Cottbus und Peitz sowie des Kreises Cottbus insgesamt. Cottbus baute seine Stellung als grenzüberschreitendes wirtschaftliches Oberzentrum der Region im Untersuchungszeitraum spürbar aus. Augenfällig wird der Ausbau insbesondere der Textilbranche. Deutlich wird einerseits der ökonomische Wert, gerade im Vergleich mit brandenburgischen Immediatstädten, andererseits kann Kaun begründet darlegen, dass die Exklave kein "Versorgungsland der Hauptstadt Berlin" war (275-276).
Mit seiner These, dass die Menschen "mit der Grenze" lebten (77, 82) bestätigt Kaun Auffassungen von Grenze, wie sie die Frühneuzeitforschung bereits seit einiger Zeit vertritt. Anhand verschiedener treffender Beispiele arbeitet die Studie auf Mikroebene heraus, dass die Bevölkerung sich wenig um herrschaftliche Vorgaben scherte und das sowohl in Kriegs- als auch in Friedenszeiten. Die seitens der Zentralregierung gewünschte Auffassung, dass das die Exklave umgebende Sachsen als "böse" (124) aufzufassen sei, mochte zwar in der Kommunikation mit vorgesetzten Behörden eine gewisse Rolle spielen, nicht aber für den Alltag der Menschen. Diese hatten vielmehr Netzwerke beiderseits der Grenze, die damit in ihrer Wirkung und Wahrnehmung relativiert wurde, was sich beispielsweise in Zuzügen aus dem sächsischen Umland, grenzüberschreitenden Eheschließungen und Kirchgängen manifestierte (132). Kaun stellt damit fest, dass das Regionalbewusstsein als Niederlausitzer für den Alltag eine gewichtigere Rolle spielte als die Zugehörigkeit zu einer größeren politischen Einheit. Insbesondere die männliche Bevölkerung scheint über grenzüberschreitende Netzwerke verfügt zu haben, die es ihr ermöglichten, im Bedarfsfalle sich der preußischen Rekrutensammlung im Rahmen des Kantonssystems zu entziehen. Wünschenswert erscheint in diesem Abschnitt eine stärkere theoretische Auseinandersetzung zum Komplex Stadt-Umland etwa durch Vergleiche mit ähnlich gelagerten Exklaven. Wie sich das Verhältnis von Nieder- und Oberlausitz darstellte, wird ebenso nicht näher behandelt - was, jedenfalls im Sinne der longue durée, sicherlich auch mentalitäts- und identitätshistorische Fragen hätte klären können, etwa im Hinblick auf die vom Autor postulierte grenzüberschreitende, teilweise Maßgaben der Obrigkeit zuwiderlaufende regionale Identität. Der Untersuchungszeitraum von 66 Jahren gibt das aber vermutlich nicht her. Die exponierte Lage des Kreises hingegen ermöglicht spannende Einblicke in die lokale Praxis der Spionage, und zwar sowohl für Sachsen als auch für Preußen (132-141). Aufschlussreich sind etwa Lebensläufe einzelner Spione, wie der des Kaufmanns Christoph Friedrich Döring, der als Ratsherr Fabrikinspektor war und für seine Informationsweitergabe an preußische Stellen zum Postdirektor in Cottbus befördert wurde, wo er seine Tätigkeit intensivierte (135-136).
Kapitel 4 mit seinem Schwerpunkt auf dem komplexen Verhältnis zwischen der Exklave Cottbus und dem preußischen Militär stellt das umfangreichste und am tiefsten gegliederte Kapitel dar (143-274). In diesem Kapitel geht die Studie dem Verhältnis zwischen Exklave und Militär in Friedens- und Kriegszeiten nach. Zur Einordnung der Frage nach der Integration der Soldaten in die lokale Gesellschaft betrachtet Kaun Taufpatenschaften; dabei bezieht er die Rolle von Frauen für das preußische Militär im Sinne von Beate Engelen ein. [3] Er weist nach, dass ein höherer Dienstgrad mit weniger Integration in die Zivilgesellschaft einherging als bei Gemeinen (202). In Kriegszeiten nahm hingegen die Intensität einer Integration von Militärpersonen generell ab. Wirtschaftlich spielte die Garnison - im Unterschied zu brandenburgischen oder märkischen Orten - nur eine sehr untergeordnete Rolle (242, 273).
Das führte zu einer folgenschweren Fehleinschätzung der Cottbuser, die in der Studie als Höhepunkt dargestellt wird: Die preußische Regierung kündigte an, die Garnison aus Kostengründen zu entfernen. Insbesondere die Cottbuser Handwerker (namentlich aus dem Bereich Textil) forderten 1791 zusätzlich, dass künftig keine erneute Garnisonierung stattfinden solle, ein wohl recht einmaliger Vorgang in Preußen. Doch bereits acht Jahre später erbat man angesichts einer Häufung von organisierter Bandenkriminalität um Abschreckung, was die Cottbuser vorher als Funktion des Militärs nicht bedacht, sondern als gegeben hingenommen hatten. Die preußische Regierung lehnte mit Verweis auf zu geringe Soldatenzahlen ab, stattdessen erhielt der Ort für einige Zeit Schutz durch benachbarte sächsische Soldaten (243-273).
Es folgt eine kurze Zusammenfassung der Studienergebnisse (275-284), danach schließt sich das Quellen- und Literaturverzeichnis an (285-311). Kaun hat eine Anzahl von Archivalien aus den einschlägigen Archiven in Cottbus, Potsdam, Dresden und Berlin-Dahlem verwendet.
Kaun kann verschiedene ältere Thesen zur frühneuzeitlichen Grenzdurchlässigkeit an seinem Untersuchungsgegenstand bestätigen. Allerdings streicht die Studie auch heraus, dass die ältere Landesgeschichte bzw. Regionalforschung von vielen, von der archivischen Überlieferung bei näherem Blick nicht immer gedeckten Annahmen und Einschätzungen ausging. Minutiös wird das Verhältnis von Militär, Zivilgesellschaft und obrigkeitlichen Normierungs- und Konstruktionsversuchen (Grenze, Disziplinierung) auf lokaler Ebene rekonstruiert. Die im Text betonte Cottbuser Exklavenlage dient zwar als Hintergrund für die lokale Untersuchung, doch fehlen verallgemeinernde oder vergleichende Hinweise. Das ist auch das größte Manko der ansonsten soliden und souverän durchgeführten Studie: Sie fokussiert allein auf Stadt und Kreis Cottbus, bringt aber keine Einbettung der Erkenntnisse ins Allgemeine, etwa auf vergleichbare Exklaven, die westlich der Oder nahezu flächendeckend zum frühneuzeitlichen Lebensalltag gehörten und geradezu ein Strukturelement des Alten Reiches bildeten. Dennoch ist Mario Kaun ein wertvolles Werk für die Cottbuser Orts- und die (Nieder-)Lausitzer Regionalgeschichte gelungen, dessen Wert für die allgemeine historische Forschung noch hätte gesteigert werden könnten, wenn weiträumigere Perspektiven eingebunden worden wären.
Anmerkungen:
[1] Ausführlich als Konzept behandelt bei Christophe Duhamelle: Drinnen und draußen. Raum und Identität der Exklave im Alten Reich nach dem Westfälischen Frieden, in: Trivium 14 (2013). https://doi.org/10.4000/trivium.4630.
[2] Hierzu ausführlich Ute Schneider: Die Macht der Karten. Eine Geschichte der Kartographie vom Mittelalter bis heute, Darmstadt 2004.
[3] Beate Engelen: Soldatenfrauen in Preußen. Eine Strukturanalyse der Garnisonsgesellschaft im späten 17. und 18. Jahrhundert (= Herrschaft und soziale Systeme in der Frühen Neuzeit; 7), Münster 2005.
Andreas Becker