Manfred Berg: Das gespaltene Haus. Eine Geschichte der Vereinigten Staaten von 1950 bis heute, 4. Auflage, Stuttgart: Klett-Cotta 2024, 542 S., ISBN 978-3-608-98408-8, EUR 35,00
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Titel und Untertitel verraten schon einiges. Das Lincoln-Zitat verweist auf Manfred Bergs Fokus: die gegenwärtige Polarisierung der USA und ihre Ursachen. Der Untersuchungszeitraum des Professors für amerikanische Geschichte an der Universität Heidelberg ist klar begrenzt. Allerdings: Es heißt zwar "von 1950", doch behandelt der erste Teil den Zeitraum von 1960 bis 1980, die 1950er Jahre sind nur der Referenzrahmen für den hier erzählten "Zerfall des liberalen Konsenses", als letztes Jahrzehnt des "'goldenen Zeitalters' der Konsensdemokratie" (31). Aus beiden Gründen lesen wir hier explizit keine Gesamtdarstellung, sondern eine Geschichte. Es fehlt insbesondere die US-Außenpolitik, die nur in ihrer Relevanz für die Fragestellung betrachtet wird.
Nur: Müsste die angestrebte Erörterung der Ursachen der heutigen Polarisierung nicht sogar über diese "lange Geschichte" (9) hinausreichen, die Berg in drei Teilen (der zweite Teil behandelt "Die Transformation der amerikanischen Gesellschaft im Zeitalter der Globalisierung", der letzte den "Weg in die Polarisierung") mit insgesamt 17 Kapiteln und einem "Epilog" ergründet? Bernd Greiner in "Weißglut" [1] geht weiter zurück als Berg; gleiches gilt für Robert Kagans Erörterung des amerikanischen Antiliberalismus.[2] Für eine umfassendere Perspektive gibt es gute Gründe, insbesondere wenn man zu dem Schluss kommt, dass die beiden großen amerikanischen Parteien nicht gleichermaßen verantwortlich sind (auch wenn man die Verirrungen der identitätspolitischen Linken in Rechnung stellt), sondern dass die Republikaner eine "gezielte Polarisierungsstrategie" (347) verfolgen. Denn dann gälte es zum einen, die Defizite der amerikanischen Demokratie, die dies begünstigen, zu betrachten, insbesondere mit Blick darauf, dass die Republik von ihren Vätern doch gerade konstruiert wurde, um den Pöbel von der Macht fernzuhalten. Zum anderen müsste man genauer in den Blick nehmen, welche Elemente der heutigen republikanischen Spaltungsstrategie jenseits der Einigungsrhetorik Lincolns schon seit der Gründungsphase der Partei wirkmächtig waren. So ist der Nativismus der Grand Old Party persistent; und wenn sie auch ihren Antikatholizismus seit den 1960er Jahren im Zuge der Kulturkämpfe Zug um Zug überwunden hat, so lebt die religiöse Spaltungspolitik doch in einem virulenten antimuslimischen Kurs fort.
In den systematischen Teilen seiner Ausführungen streift Berg diese und andere grundsätzliche Fragen durchaus, und es ist dem ausgewiesenen Kenner der amerikanischen Nachkriegsgeschichte auch nicht zu verdenken, dass er sich auf diese Periode konzentriert. Er legt eben keine sozialwissenschaftlich hierarchisierende Bewertung der Ursachen der Polarisierung vor, sondern eine Betrachtung historischer Perioden mit Fokus auf diese Ursachen. Das ist einerseits sehr zu begrüßen, weil Berg sich nicht an der fruchtlosen Debatte beteiligt, ob nun sozioökonomische oder kulturelle Faktoren für den Aufstieg der radikalen Rechten und den Anstieg der Polarisierung hauptverantwortlich sind. Auch werden die Parallelen zwischen Trump und Richard Nixon, Pat Buchanan, Ross Perot etc. im historischen Kontext diskutiert und nicht verallgemeinert. Andererseits kann der Leser sich im Dickicht der vielen einschlägigen Beobachtungen verlieren, weil viele von ihnen in den verschiedenen Perioden immer wieder auftauchen: das Ressentiment gegen die liberale Elite; der Anti-Intellektualismus; die Verunsicherung der weißen Bevölkerung und der Arbeiterklasse durch Globalisierung und "rights revolution"; Traditionen des Isolationismus und Protektionismus; das wiederkehrende, spannungsreiche Bündnis zwischen Libertären und religiösen Traditionalisten; die Angst vor Kriminalität, Drogen und Wohlfahrtsstaatsmissbrauch; die "demographische Panik" (404); die medialen Echokammern; der Waffenbesitzfetisch; die Verschwörungserzählungen ("der große Austausch"); der schleichende Vertrauensverlust in Bezug auf die politischen Institutionen; Trump als "göttliches Werkzeug" (405) der christlichen Rechten und so weiter.
Berg schreibt: "Historiker stehen häufig vor der Frage, warum Ereignisse eintraten, die nicht im Möglichkeitshorizont der Zeitgenossen gelegen hatten." (432) Der Rückblick vor dem Hintergrund aktueller Erkenntnisse erlaubt diesbezüglich ein besseres Verständnis, doch die historische Narration behindert die notwendige Systematisierung. Man muss nicht Greiners zentrale These vom Klassenkampf als wesentlichen Ursprung der Polarisierung teilen, um zu sehen, dass Berg zwar einen Blick für parteipolitische, weniger aber für politikökonomisch fundierte gesellschaftliche Kräfteverhältnisse hat. Die Rolle des großen Geldes in der Politik kommt fast nicht vor. Des Weiteren spricht Berg mehrfach vom "prosperierenden 'Sonnengürtel'" (36, 162), übersieht aber dessen Schattenseite. Die Verhinderung der Verallgemeinerung des New Deal durch die "conservative coalition" ergab quasi ein US-internes "race to the bottom" avant la lettre, insbesondere durch die Schwächung der Gewerkschaften. Bei der Betrachtung von Ronald Reagans Neoliberalismus betont Berg, dass dieser die Sozialprogramme nicht antastete. In der Tat, doch durch die Zerschlagung der Fluglotsengewerkschaft Professional Air Traffic Controllers Organization - kurz PATCO - gab er das Signal zum Frontalangriff auf die Arbeiterbewegung. Berg merkt zu Recht an, dass Barack Obamas Gesundheitsreform keine progressive Mobilisierung nach sich zog, doch es fehlt der Hinweis, dass dies auch daran lag, dass er nicht bereit war, politisches Kapital für eine Arbeitsrechtsreform einzusetzen, welche die Kräfteverhältnisse wenigstens etwas zugunsten der Gewerkschaften korrigiert hätte. Was Wunder, dass sich die amerikanische Arbeiterklasse (definiert als Menschen ohne College-Abschluss, was den educational gap zwischen den Parteien hervorhebt) von den Demokraten abgewendet hat. Die von den neoliberalen New Democrats herablassend behandelten ökonomischen Globalisierungsverlierer hatten von ihnen auch materiell nichts zu erwarten.
Bergs Fokus auf die Polarisierung ist eine äußerst relevante Zuspitzung. Und doch erstaunt der im Titel formulierte explizite Anspruch, etwas über die Gegenwart zu sagen. Wie jeder Autor weiß, der über noch laufende politische Entwicklungen schreibt, hat man es mit einem moving target zu tun; jeder Wahltermin, jeder Zufall, jede biologische wild card kann eine Argumentation zu Fall bringen oder jedenfalls Präzisierungen und Korrekturen erfordern (die naturgemäß nicht mehr möglich sind, wenn das Buch im Druck ist). Zeitdiagnostik erfordert den Willen zur (begründeten) Spekulation, zur Entwicklung von Szenarien - eigentlich nicht das Kerngeschäft des Historikers. Mut kann man Berg nicht absprechen, schließlich diskutiert er abschließend Parallelen und Unterschiede zur Antebellum-Ära und einen möglichen "neuen Bürgerkrieg" (427). Aber seine acht Monate vor der Wahl 2024 formulierten Schlussbetrachtungen sind doch deutlich von der Hoffnung geprägt, Joe Biden [sic!] könne diese gewinnen und so zumindest das Schlimmste verhindern. Dass zu diesem Zeitpunkt mit dem "Project 2025" bereits die Vorbereitungen für eine systematische, von Viktor Orbáns illiberaler Demokratie inspirierte Autokratisierung der USA liefen, hätte man Anfang 2024 allenfalls mündlich von Journalisten oder Watchdog-NGOs erfahren können, nicht aus etablierten Sekundärquellen. Aber angesichts des bisherigen Verlaufs der zweiten Amtszeit Trumps (und der bisher ausgebliebenen "gewaltige[n] Protestbewegung des liberalen Lagers" gegen dessen erfolgreiche Versuche, "die Gewaltenteilung auszuhebeln", 428) wirken Bergs Ausführungen verharmlosend - wie auch die Verwendung von Bezeichnungen wie "konservativ" und "rechtspopulistisch" für die MAGA-fizierten Republikaner. "Kampfbund militanter weißer Nationalisten" (420) trifft es eher, wobei da noch das christliche Element fehlt.
Anmerkungen:
[1] Bernd Greiner: Weißglut. Die inneren Kriege der USA. Eine Geschichte von 1900 bis heute, München 2025.
[2] Robert Kagan: Rebellion. How Antiliberalism Is Tearing America Apart - Again, New York 2024.
Thomas Greven