Rezension über:

Bogusław Dybaś: An der Peripherie der polnisch-litauischen Rzeczpospolita. Der Piltener Landtag in den Jahren 1617-1717 (aus der Geschichte einer ständischen Institution) (= Quellen und Studien zur baltischen Geschichte; Bd. 30), Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2024, 364 S., ISBN 978-3-412-53126-3, EUR 70,00
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Rezension von:
Christoph Augustynowicz
Institut für Osteuropäische Geschichte, Universität Wien
Redaktionelle Betreuung:
Sebastian Becker
Empfohlene Zitierweise:
Christoph Augustynowicz: Rezension von: Bogusław Dybaś: An der Peripherie der polnisch-litauischen Rzeczpospolita. Der Piltener Landtag in den Jahren 1617-1717 (aus der Geschichte einer ständischen Institution), Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2024, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 3 [15.03.2026], URL: https://www.sehepunkte.de
/2026/03/39690.html


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Bogusław Dybaś: An der Peripherie der polnisch-litauischen Rzeczpospolita

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Das Baltikum, mit dessen historischem Teilraum Kurland, dem heute westlichen Lettland, sich die zu besprechende Arbeit beschäftigt, ist in den letzten Monaten und Jahren im Zusammenhang mit dem Angriffskrieg der Russischen Föderation gegen die Ukraine als geopolitischer Raum in den Mittelpunkt der medialen Aufmerksamkeit gerückt. Das Interesse der Geschichtswissenschaft hatte sich dem Ostseeraum allerdings bereits einige Jahre davor unter durchaus internationaler Beteiligung zugewandt. Auch die vorliegende Publikation erschien bereits 2004 in Polnisch und liegt nun in deutscher Übersetzung vor. Mit der Fokussierung auf den territorial zersplitterten Piltener Kreis in Kurland und dessen Landtag im 17. Jahrhundert wird zweifelsohne ein Forschungsdesiderat bedient, da dessen Geschichte als Brennglas der Auseinandersetzungen um rechtsgeschichtliche Verfasstheiten in der frühen Neuzeit selbst der wissenschaftlichen Welt wenig bekannt ist. Grundlage für die Darstellung ist der eng am Thema gründlich erfasste und aufgearbeitete internationale Forschungsstand in deutscher und polnischer, sporadisch bis ganz vereinzelt auch dänischer, englischer, lateinischer, litauischer und russischer Sprache, wobei für die vorliegende deutschsprachige Version auch nach 2004 erschienene bibliographische Positionen eingearbeitet wurden. Darüber hinaus bearbeitete der Autor Quellen-Corpora vor allem in Lettland (Riga), wo die Akten des Piltener Landtages heute konzentriert sind, aber in eifriger Spurensuche auch in deutschen (Berlin-Dahlem, Dresden, Marburg), polnischen (Krakau, Warschau) und russischen (St. Petersburg) Archiven.

Die minuziöse Erhebung und chronologisch-thematische Sortierung der Piltener Landtagbeschlüsse, die so vorgenommen wird, gewährleistet Grundlagenforschung im besten Sinn des Wortes und ermöglicht der Fachwelt weitere analytisch-verknüpfende Betrachtungen. Dabei erweist sich die durch den Autor vorgenommene chronologische Eingrenzung als plausibel: 1617 signalisiert den administrativen Beginn des Piltener Kreises als unmittelbar der polnisch-litauischen Republik und nicht dem Herzogtum Kurland unterstehend, das sich ja seinerseits offiziell unter polnisch-litauischer Oberhoheit befand. Erst 1685 wurde die Union zwischen dem Kreis Pilten und dem Herzogtum Kurland im Sinne der herzöglichen Dynastie Kettler geschlossen, die dann 1717 mit dem sog. Stummen Reichstag, gleichzeitig dem Schlusspunkt der Arbeit, wieder aufgehoben wurde. Als gliedernde Zäsuren werden dabei naheliegenderweise politische Ereignisse der beiden Nordischen Kriege des 17. und frühen 18. Jahrhunderts angenommen, ferner Personen wie Kurlands Herzöge einerseits und Piltener Adelsvertreter andererseits. Den Umstand, dass die Kapitel unterschiedliche Umfänge haben, macht der Autor einleitend plausibel; Schwerpunkt der Darstellung ist die Entwicklung von der Union zwischen dem Piltener Kreis und dem Herzogtum Kurland (1685) bis zu deren Ende (1717) - und das aus gutem Grund: Insbesondere nach der Wahl Kurfürst Augusts des Starken zum König von Polen und Großfürsten von Litauen, also nach 1697, "ging es darum, die früher herausgearbeiteten Verfahrensgrundsätze und Strukturen in den stürmischen Ereignissen jener 20 Jahre zu behaupten" (233). Nun wurde Kurland/Semgallen tatsächlich und im besten Sinn mikrohistorischer Arbeit Abbild der großräumig polnisch-litauisch/russländisch/schwedischen, darüber hinaus auch dänisch und preußisch implizierten Auseinandersetzungen. Thematische Einheiten, die der Autor darüber hinaus in seiner Gliederung absteckt, sind etwa die 1661-1685 parallel abgehaltenen herzoglichen Landtage zum einen und adeligen Landtage zum anderen, was die Gegenüberstellung und Überlappung von fürstlicher und ständischer Verfasstheit besonders eindringlich abbildet. Auch konfessionelle Fragen und Implikationen spielen eine Rolle, etwa in Diskussionen über die Kirchenorganisation oder über die Implementierung des Gregorianischen Kalenders. Darüber hinaus beschäftigten den Landtag Demographie und soziale Struktur des Raumes, Frequenz, Dauer, Dokumentation und jeweiliger Ort der Landtage, Regelung des Gerichtswesens und der Ämter, Verteidigung sowie Steuer- und Finanzwesen. Freilich sind diese Themen nicht unbedingt überraschend, sehr wohl aber vielfältig und vor allem signifikant für eine Abbildung der großen Themen der Epoche im Kleinraum. Auf den Landtagen diskutierte Regelungen zur Jagdordnung, die der Autor ganz modern als "Ökologie" (97) fasst, geben womöglich Impulse zu umweltgeschichtlichen Herangehensweisen. Jedenfalls erweist sich, dass der Piltener Kreis im 17. Jahrhundert - nicht zuletzt wegen der konsequenten, ja persistenten Durchsetzung des Virilsprinzips hinsichtlich der politischen Repräsentation - das ständische Modell einer adelsrepublikanischen Gesinnung en miniature repräsentiert - auch hier also ein analytisches Plädoyer für das Große im Kleinen. Die Ausstattung der Arbeit ist exzellent: Neben zwei Karten zum Baltikum und zu Kurland/Semgallen sind ihr ein Verzeichnis der Landtage und vergleichbarer Versammlungen des Piltener Adels in der untersuchten Zeit, eine Ortsnamenskonkordanz mit Berücksichtigung der jeweiligen deutschen, estnischen/lettischen/litauischen und polnischen Variante sowie ein Personenregister beigegeben.

Erwartet hätte man vielleicht eine noch stärkere Einbindung der eher synthetisch-zusammenfassenden Ergebnisse, wie sie das erfreulich große Interesses am frühneuzeitlichen Großfürstentum Litauen in der jüngeren deutschsprachigen Forschung (Niendorf) hervorbrachte. Davon abgesehen überzeugt mit der vorliegenden Arbeit jedoch einmal mehr das exemplarische Plädoyer für geschichtswissenschaftliche Dezentrierung der Perspektive, weg von den vermeintlichen Zentren hin zu den Komplexitäten, Verstrickungen, Uneindeutigkeiten und Eigensinnigkeiten der Peripherien.

Christoph Augustynowicz