Peter Martin: "Der Kuss des Judas". Die Befreiungsbewegung schwarzer Arbeiter und die "Afrikanisierung" der sowjetischen Außenpolitik (1919-1933), Leipzig: Leipziger Universitätsverlag 2024, 607 S., 45 s/w-Abb., ISBN 978-3-96023-587-3, EUR 49,00
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Diese umfangreiche, im wahrsten Sinne des Wortes schwergewichtige Arbeit verknüpft zwei Forschungsparameter der letzten Jahrzehnte. Zum einen reiht sie sich in das weite Feld der vom Postkolonialismus bestimmten Fragestellungen durch den Blick auf antikoloniale Bewegungen in der Zwischenkriegszeit ein. Zum anderen ist sie aber auch nur möglich geworden durch die sogenannte Archivrevolution ab 1990, die Öffnung der ehemaligen kommunistischen Archive. Denn nur dadurch fand der Autor die Quellen für sein Thema.
Peter Martin, langjähriger Mitarbeiter des Hamburger Instituts für Sozialforschung und hervorgetreten vor allem mit Arbeiten zur Geschichte Schwarzer Menschen in Deutschland, aber auch zu den historischen Verwicklungen aus der transatlantischen Sklaverei, legt eine Studie zu den Bemühungen um eine kommunistische Organisierung des schwarzen Proletariats in den Kolonien, aber auch in den USA, im Gefolge der Oktoberrevolution vor. Sie führten schließlich 1930 auf einer Konferenz in Hamburg zur Gründung des, wie es im damaligen Sprachgebrauch hieß, Internationalen Gewerkschaftskomitees der Negerarbeiter, dem Höhe- und schließlich sogar Schlusspunkt eines Zusammenschlusses schwarzer Aktivisten (und kaum Aktivistinnen).
Detailliert werden die verschiedenen Etappen dieser Entwicklung herausgearbeitet, beginnend mit der Enttäuschung über die Ergebnisse der Pariser Friedenskonferenz einerseits und den Erwartungen aufgrund der Aufrufe aus Moskau andererseits. Die ersten schwarzen Besucher in der Hauptstadt der "Weltrevolution" erfuhren allerdings, wie wenig Ahnung dort noch herrschte. Schnell entwickelten sich auch zum Teil kontroverse Diskussionen um das Verhältnis von Rasse und Klasse. Wie sollte eine schwarze Massenbewegung organisiert werden? Neben den Diskussionen auf zentraler Ebene wie der Kommunistischen Internationale und unter den Nebenorganisationen vor allem der Roten Gewerkschafts-Internationale waren es aber auch bald einzelne Parteien, um die herum sich wichtige organisatorische Initiativen entfalteten. Dazu zählten insbesondere die Kommunistische Partei der USA, aus der nicht zuletzt eine Reihe auf internationaler Ebene hervortretender Aktivisten hervorging, und noch wichtiger, weil direkt auf die Kolonien in Afrika hinzielend, die Kommunistische Partei Frankreichs. Speziell um sie herum gruppierte sich ab 1922/23 eine Reihe von antikolonialen Zusammenschlüssen. Gleichzeitig entwickelten sich in Afrika vor allem auf gewerkschaftlicher Ebene erste Initiativen, die den Kontakt nach Moskau suchten.
Doch die erste Initiative für einen internationalen Zusammenschluss kam aus Deutschland, von dem umtriebigen Willi Münzenberg, Funktionär der Kommunistischen Partei Deutschlands, mit der Gründung der Liga gegen Imperialismus auf einer Konferenz in Brüssel im Jahre 1927. Die dabei zunächst verfolgte breite Bündnispolitik blieb trotz ihrer Erfolge nicht lange unberührt vom Kurswechsel der internationalen kommunistischen Bewegung unter dem Zeichen der Bolschewisierung und der stalinistischen Linkswendung Ende der 1920er Jahre. In den Vordergrund rückte nun das schwarze Proletariat, was zugleich mit einer Politik des schwarzen Nationalismus kombiniert wurde für Gebiete in Staaten, die insgesamt "gemischt" waren - aus der Identifikation von "schwarzem Proletariat" mit einer "schwarzen Nation", so für die Südstaaten der USA und den Osten Kubas.
Das lieferte die Basis für die Gründung des Internationalen Gewerkschaftskomitees, das seinen Sitz in Hamburg fand. Die Weimarer Republik ohne Kolonien ging - bei allem Antikommunismus - nicht so entschlossen gegen Aktivitäten vor, die vor allem auf die Kolonialreiche der ehemaligen Kriegsgegner abzielten. Zudem war Hamburg auch der Sitz der kommunistischen Seeleute-Internationale mit ihrer entscheidenden Hilfestellung für den Transport von Materialien und Geldern und nicht zuletzt auch Aktivisten.
Ausführlich arbeitet Martin die organisatorische Geschichte des Komitees heraus, zeichnet seine Rolle in der folgenreichen Vernetzung verschiedenster Aktivitäten in der kolonialen Welt und bei der Schaffung eines Kaderstamms. Dabei spielte eine wichtige Rolle das ausführlich analysierte Presseorgan The Negro Worker. Es ist aber auch immer wieder Repressionsgeschichte durch die Kolonialmächte mit entsprechenden Rückschlägen. Bei den zahlreichen eingeflochtenen biografischen Ausführungen spielt die des Leiters des Komitees, des aus Trinidad stammenden George Padmore (eigentlich Malcolm Ivan Nurse), eine zentrale Rolle. An ihm zeigt sich auch das weitere Schicksal des Komitees. Denn natürlich wurde er durch die Errichtung der nationalsozialistischen Diktatur Ende Januar 1933 aus Deutschland vertrieben, und mit ihm das Komitee. Für eine gewisse Zeit konnte vor allem noch der Negro Worker eine prekäre Existenz mit wechselnden Erscheinungsorten führen. Der eigentliche Einschnitt ergab sich aus dem politischen Linienwechsel der Sowjetunion. Beginnend mit den Bemühungen ab Ende 1932 um eine Annäherung an den zukünftigen US-Präsidenten Roosevelt führte dies dann auch zu einem generellen Schwenk im Antikolonialismus gegenüber den nun als Bündnispartnern umworbenen Frankreich und Großbritannien mit Folgen für die Politik der jeweiligen kommunistischen Parteien.
Padmore hatte diese Wende, auch wenn sie erst 1934/35 (mit dem 7. Weltkongress der Komintern) formalisiert wurde, bereits Ende 1933 gespürt und seine Konsequenzen daraus gezogen. Das kaum noch in Erscheinung tretende Komitee beendete seine Existenz schließlich sang- und klanglos 1937, als es von den Komintern-Instanzen einfach aufgelöst wurde. Padmore selbst wurde nun ein wichtiger Vertreter des Panafrikanismus, was, worauf Martin verweist, keineswegs als eine bloße Kehrtwendung zu verstehen war, sondern eine Wende hin zu einer neuen autonomen Befreiungspolitik, ohne die Unterwerfung unter sowjetische Vorgaben. Doch die weitere Entwicklung, auch die von anderen Aktivisten um das Komitee herum, ist dann nur noch angedeutet, weil außerhalb des Rahmens für dieses Buch liegend.
Der Autor hat diese fast zwei Jahrzehnte umfassende Entwicklung in einem breiten Panorama nachgezeichnet, auch mit der gelegentlichen Notwendigkeit, Rassismus im Umfeld des Komitees - trotz des offiziellen Selbstverständnisses - zu konfrontieren. Dafür konnte er aus dem Vollen der Moskauer Archive schöpfen. Tatsächlich war bis zu deren Öffnung, worauf er in seiner Einleitung verweist, nur wenig über die Geschichte des Komitees bekannt. Doch ab 1990 entstand eine neue Situation, was durchaus schon vor Martins Studie eine Reihe von Arbeiten zur Geschichte des Komitees hervorbrachte. Diese bereits existierende, weitgehend englisch- und zum Teil auch französischsprachige Forschungsliteratur hat er sorgfältig ausgewertet und - wenn nötig - auch Kritik angemeldet. Was seine Arbeit auszeichnet, ist nicht nur die breite Darstellung unter Einschluss der langen Entstehungsgeschichte des Komitees. Sein besonderer Fokus und damit auch die Differenz zu vielen dieser Arbeiten liegt auf dem Wechselverhältnis von schwarzen Aktivisten, die den revolutionären Anspruch ernst nahmen, und den sich zunehmend davon entfernenden Interessen der Sowjetunion insbesondere seit Durchsetzung Stalins in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre.
Doch insgesamt bleibt trotz aller Widersprüche und als Bilanz des Komitees die eines Meilensteins im Antikolonialismus, wie er auch immer wieder an den Folgewirkungen nachweisen kann. Peter Martin hat ihm mit seiner monumentalen Studie das verdiente Denkmal unter Verzicht auf Hagiografie gesetzt.
Reiner Tosstorff