Rezension über:

Clément Sarrazanas: La cité des spectacles permanents. Organisation et organisateurs des concours civiques dans l'Athènes hellénistique et impériale (= Ausonius-Éditions - Scripta Antiqua; 146), Pessac: Ausonius Editions 2022, 990 S., 11 Tbl., 28 Abb., ISBN 978-2-35613-397-7, EUR 45,00
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Rezension von:
Christoph Begass
Universität Mannheim
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Christoph Begass: Rezension von: Clément Sarrazanas: La cité des spectacles permanents. Organisation et organisateurs des concours civiques dans l'Athènes hellénistique et impériale, Pessac: Ausonius Editions 2022, in: sehepunkte 24 (2024), Nr. 3 [15.03.2024], URL: https://www.sehepunkte.de
/2024/03/37028.html


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Clément Sarrazanas: La cité des spectacles permanents

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Seit Ulrich Köhler 1878 in einem grundlegenden Aufsatz die Einführung der Agonothesie in Athen untersucht hat, ist die Forschung, trotz allen Bemühens um eine zeitliche Fixierung dieser Reform, hinsichtlich der Agonothesie als Funktion in Athen kaum vorangekommen. [1] Bereits 1881, drei Jahre nachdem Köhlers Studie publiziert worden war, bemerkte Wilamowitz: "[Köhler] hat auch vorzüglich erwiesen, dass die dramatischen agone durch Demetrios neugeordnet wurden, indem die agonothesie statt der choregie eintrat [...]. ein zusammenfassendes bild dieser reorganisatorischen tätigkeit wäre sehr wünschenswert; schwerlich könnte es ein anderer als Köhler geben." [2] Doch Köhler hat sich diesem Thema nie wieder zugewandt. Die Frage, wann die Agonothesie in Athen eingerichtet wurde, ist zwar immer wieder von der Forschung aufgegriffen worden, nie aber vor dem großen historischen Hintergrund diskutiert worden. Nachdem Peter Wilson im Jahr 2000 die Choregie in Athen analysiert hat, legt Clément Sarrazanas nun eine groß angelegte Studie zur Agonothesie in Athen vor. Diese Arbeit, ursprünglich als Dissertation an der Universität Montpellier eingereicht, gliedert sich in zwei Bände: ein kommentiertes Corpus der Inschriften und eine historische Synthese.

Zunächst zum Corpus, das Inschriften verschiedener Klassen versammelt, die Agonotheten oder die Agonothesie nennen. Es ist grundsätzlich chronologisch gegliedert, 1) aus der früheren hellenistischen Zeit (329/28 - 167 v. Chr.), 2) aus dem 2. Jh. v. Chr. (167-97 v. Chr.), aus der Kaiserzeit (30 v. Chr. bis in das 4. Jh.). Eigene Abschnitte widmen sich zudem Zeugnissen der Panhellenischen Spiele als Fest des von Hadrian eingerichteten athenischen Panhellenions (350-363), panathenäischen Preisamphoren als Zeugnissen für Agonotheten (365-394, mit Appendix II, 426-432) sowie literarischen Belegen für Agonotheten und die Agonothesie in den literarischen Quellen (395-422). Auf dieser Grundlage kann der Autor tabellarische Fasten der athenischen Agonotheten zusammenstellen (437-442), die für sich genommen schon von größtem Wert sind.

Da die 119 Inschriften, 25 beschrifteten Amphorenfragmente und 14 literarischen Quellen hier nicht einzeln besprochen werden können, sei lediglich hervorgehoben, dass sich das inschriftliche Corpus durch eine präzise Dokumentation der Inschriften und genaue Kenntnis des Materials wie der Forschung auszeichnet. Zudem beeindruckt Sarrazanas' durchweg kritische Lektüre der Quellen und der Forschung sowie sein Mut zur eigenen Position.

Der zweite Band, dessen Titel den Thron eines Agonotheten aus dem Dionysos-Theater zeigt, beinhaltet die gut vierhundertseitige "synthèse historique" (469-875), die sich in neun Kapiteln und eine Zusammenfassung gliedert. Das erste Kapitel (469-509) legt mit semantischen und historischen Untersuchungen die Grundlage für den zweiten Abschnitt, der sich mit der Frage nach dem Zeitpunkt und dem Zweck der Institution "Agonothesie" dem wohl bekanntesten Aspekt dieses Themenkomplexes widmet (511-577). Obschon Athen im gesamten Werk im Fokus steht, ist es erfreulich, dass Sarrazanas vor allem im ersten Abschnitt viele frühere Belege diskutiert, die aus anderen Regionen der griechischen Welt stammen, und ausdrücklich davor warnt, Athen als Nabel der Welt zu betrachten (497, aber auch 555). Diese Position wird in der weiteren Argumentation wichtig, da er betont, die Athener seien bei der Schaffung der Agonothesie durch die Organisation der Amphiaraia von Oropos beeinflusst worden (497; bes. 567-574). Dieser Vorschlag, den er bereits vor einigen Jahren in einem gemeinsam mit Delphine Ackermann verfassten Aufsatz vertreten hat [3], wird flankiert von einer Datierung der Einführung auf 315/14 v. Chr. (534-537). Wie eingangs erwähnt, geben uns die Quellen seit Köhlers Zeiten einen Zeitraum zwischen den letzten belegten Choregen 320/19 und dem ersten in Athen bezeugten Agonotheten 307/06 vor; aus diesem Grunde wurde der Ersatz der Choregie durch die Agonothesie zumeist mit der Herrschaft des Demetrios von Phaleron in Verbindung gebracht. Sarrazanas diskutiert diese Frage ebenso wie mögliche philosophische oder (finanz-)politische Hintergründe einer solchen Reform, wie sie zuletzt vorgeschlagen worden sind (539-554). Insgesamt überzeugt die These, die Athener hätten sich beim Zuschnitt der neu einzurichtenden Agonothesie von außen inspirieren lassen. Doch wie weit Sarrazanas auch ausholt und wie abgewogen seine Argumentation auch ist, seine Datierung - und damit die Frage nach dem möglichen Einfluss des Demetrios von Phaleron auf diese Reform - muss wegen der prekären Quellenlage spekulativ bleiben.

Die folgenden beiden Kapitel untersuchen die Ausgestaltung der Agonothesie im Hellenismus (Kap. 3: 307-167 v. Chr.; Kap. 4: 167-97 v. Chr.), bevor im weiteren ein systematischer Zugriff auf die Institution und die Personen, die sie übernommen haben, gewählt wird. Die Kapitel acht und neun widmen sich der Agonothesie im kaiserzeitlichen Athen, als mit den Sebasteia (770) sowie den hadrianischen Festen Olympieia, Hadrianeia (770-772) und Panhellenia (772-776) wichtige neue Feste eingerichtet wurden.

Die Präzision, mit der diese große Studie erarbeitet wurde, spiegelt sich auch im Druck. Wie bei den Scripta antiqua üblich, ist auch das vorliegende Werk hervorragend redigiert und das Druckbild beinahe fehlerfrei. Erschlossen wird das Material durch umfangreiche und ebenfalls sorgfältig erstellte Register zu Quellen (919-945), Sachen und Personen (951-985) sowie griechischen und lateinischen Begriffen (987-990). Eine Konkordanz, die die im ersten Band enthaltenen Inschriften den einschlägigen IG-Bänden, mit dem SEG und weiteren wichtigen Corpora wie Dittenbergers Sylloge (947-949) gegenüberstellt, ermöglicht zusätzlich das schnelle Auffinden einzelner Quellenstellen.

Neben Klassikern wie Ludwig Deubners Attischen Festen (1932) oder Arthur Pickard-Cambridges The Dramatic Festivals of Athens (2. Aufl. 1968) sowie neueren Werken wie Peter Wilsons The Athenian Institution of the Khoregia (2000), der Sammlung der Inscriptional Records for the Dramatic Festivals in Athens durch B. W. Mills und S. D. Olson (2012) sowie Julia Shears Studie der Panathenäen (Serving Athena, 2021), die hier nicht mehr berücksichtigt werden konnte (vgl. 901), liegt mit Clément Sarrazanas' Werk ein weiterer, zentraler Baustein zur Fest- und Kultgeschichte Athens vor, der durch Originalität und Genauigkeit im Detail überzeugt. Wer sich mit athenischen Festen, aber auch mit der kulturellen und politischen Geschichte Athens beschäftigt, wird zukünftig zu diesem Werk greifen müssen.


Anmerkungen:

[1] U. Köhler: Documente zur Geschichte des athenischen Theaters, in: AM 3 (1878), 104-134, 229-258.

[2] U. von Wilamowitz-Moellendorff: Antigonos von Karystos, Berlin 1881. 184 Anm. 7. Die Orthographie folgt dem Original.

[3] D. Ackermann / Cl. Sarrazanas: The Abolition of the Liturgical Choregia and the Creation of the Agonothesia in Athens. New Considerations on a Debated Issue, in: JHS 140 (2020), 34-68.

Christoph Begass